König Salman bin Abdulaziz (86) im März beim Verlassen des Krankenhauses, rechts im Vordergrund Kronprinz Mohammed bin Salman.

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An einer "Zerreißgrenze" sieht das "Wall Street Journal" die Beziehungen zwischen den traditionellen Partnern Saudi-Arabien und USA – und erinnert an das Treffen zwischen Präsident Franklin D. Roosevelt und König Abdulaziz Al Saud auf der USS Qincey im Februar 1945 auf dem Großen Bittersee am ägyptischen Suezkanal. Dort wurde der strategische Pakt geknüpft, der – verkürzt gesagt – den USA jahrzehntelang Ölsicherheit und den Saudis militärische Sicherheit bescherte. Nicht dass es keine Krisen gegeben hätte – etwa den arabischen Ölstopp 1973 nach dem Jom-Kippur-Krieg oder die Al-Kaida-Anschläge von 9/11, bei denen die Mehrzahl der Täter Saudis waren. Aber noch nie war das Verhältnis auf höchster Ebene so zerrüttet.

Es war bereits schlecht – bevor der Krieg in der Ukraine noch deutlicher machte, wie sehr sich Riad bereits von Washington entfernt hat. Wie die meisten Staaten in der Region folgt auch Saudi-Arabien nicht der US-Linie gegenüber Russland.

Die Töne auf beiden Seiten werden rauer. Nicht nur haben 32 demokratische Kongressabgeordnete vor einigen Tagen in einem Brief an Außenminister Antony Blinken festgehalten, dass "unsere anhaltende Unterstützung (...) den nationalen Interessen der USA zuwiderläuft". Auch die Medien werden immer unfreundlicher: Die Kommentatorin der "Chicago Tribune" etwa meint, dass es endlich Zeit sei, "Saudi-Arabien den Wölfen vorzuwerfen".

Ernüchterung unter Obama

Nach Meinung der saudischen Führung hat die US-Regierung genau das ohnehin schon längst getan, und zwar unter Barack Obama. Der jetzige Amtsinhaber, Joe Biden, war ja dessen Vizepräsident.

Saudi-Arabien hat Obama nie verziehen, dass er im Arabischen Frühling 2011 den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak – Ägypten ist wie Saudi-Arabien eine Säule der US-Sicherheitsarchitektur im Nahen Osten – fallenließ; dass er 2013 die Kampfjets wieder zurückrief, die schon unterwegs waren, um Syrien zu bombardieren; und dass er 2015 mit Teheran den Atomdeal schloss, der dem Iran ein Urananreicherungsprogramm erlaubte. Als Draufgabe bezeichnete Obama dann in einem Interview in "The Atlantic" die Saudis noch als sicherheitspolitische "Schwarzfahrer", die sich nur auf die USA verlassen würden.

Unter Präsident Biden, dem Mann der saftigen Worte, wurde die Sache noch persönlicher: Er ließ den CIA-Bericht veröffentlichen, in dem Kronprinz Mohammed bin Salman für die Ermordung des in den USA lebenden und in der "Washington Post" publizierenden Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Generalkonsulat in Istanbul verantwortlich gemacht wird.

Paria-Staat

Biden hatte in diesem Zusammenhang auch angekündigt, er werde Saudi-Arabien als das behandeln, was es sei: ein Paria-Staat. Das ist nicht geschehen, und mittlerweile laufen auch die zuvor gestoppten Waffenverkäufe wieder. Aber als Gesprächspartner wollte Biden den Kronprinzen nicht akzeptieren und nur mit seinem protokollarischen Gegenüber König Salman direkt reden. Als der US-Präsident anlässlich eines geplanten Telefonats mit dem König im Februar dann doch die Teilnahme des Kronprinzen wünschte, gab ihm der einen Korb.

Hingegen soll MbS, wie er nicht nur medial genannt wird, mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin auch nach dem Überfall auf die Ukraine – der in Saudi-Arabien nicht so genannt wird – telefoniert haben. Den US-Wünschen, mehr Erdöl zu produzieren, um die Preise zu entspannen, widersetzt sich der Kronprinz ebenfalls, genauso wie der andere enge Partner der USA in der Region, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Saudi-Arabien steht zu den Vereinbarungen mit Russland im Rahmen der Opec+. Die USA haben als Abnehmer saudischen Öls in den vergangenen Jahrzehnten stetig an Bedeutung verloren, der wichtigste Kunde ist inzwischen China. Ein Besuch von Staatschef Xi Jinping in Riad soll in Planung sein.

Als Gesprächspartner hatte das Weiße Haus dem Kronprinzen, der auch Verteidigungsminister ist, seinen US-Amtskollegen Lloyd Austin zugewiesen: Immerhin geht es ja auch um den Krieg im Jemen – wo die Saudis, aber auch die VAE, Biden mangelnde Solidarität angesichts der Raketen- und Drohnenangriffe der vom Iran gestützten jemenitischen Huthi-Rebellen auf ihr Territorium vorwerfen. Aus einem geplanten Besuch Austins in Riad wurde jedoch ebenso wenig wie aus jenem Blinkens im März. Dafür war Bidens Sicherheitsberater Jake Sullivan vergangenen September zu Gast in MbS’ Villa am Roten Meer, wo er laut "Wall Street Journal" in entspannter Atmosphäre vom mit Shorts bekleideten Kronprinzen empfangen wurde.

Eklat beim Besuch

Der Besuch soll jedoch damit geendet haben, dass er Sullivan, der den Fall Khashoggi angesprochen hatte, anbrüllte, er wolle nichts mehr davon hören. Via "Atlantic" ließ MbS dem US-Präsidenten zudem ausrichten, es sei ihm egal, was dieser von ihm denke.

Bei so viel Offenheit von ganz oben lassen auch die saudischen Medien, die stets die offizielle Stimmung reflektieren, die Zurückhaltung fallen: In einem Sketch im saudischen Fernsehen wurde Biden vor kurzem als desorientiert und dement dargestellt, mit Mühe von seiner Vizepräsidentin Kamala Harris unter Kontrolle gehalten und bei offenem Mikrofon immer wieder einschlafend. Ob sich die Saudis damit für die (nicht nur) in US-Medien periodisch auftauchenden Behauptungen über die Demenz von König Salman rächen, sei dahingestellt.

Israelische Beruhigungsversuche

Als Vermittler zwischen Riad und Washington versucht sich indes Israel. Dessen Botschafter in den USA, Michael Herzog, meldete sich nach dem Saudi-kritischen Brief der Demokraten mahnend zu Wort: Saudi-Arabien sei ein enorm wichtiger Akteur in der islamischen Welt, die Beziehungen müssten repariert werden, sagte er bei einer Veranstaltung der Nahost-Website Al-Monitor.

Laut "Haaretz" hofft Israel, dass die israelischen Vermittlungsversuche früher oder später mit einer Normalisierung der Beziehungen durch Riad belohnt werden. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass sich Saudi-Arabien den "Abraham Accords" anschließt, solange König Salman lebt. Der jüngste Gewaltausbruch auf dem Tempelberg in Jerusalem macht das auch nicht einfacher, die saudische Kritik danach richtete sich gegen Israel und sein Vorgehen in den islamischen Stätten.

Einen mit dieser Thematik vertrauten Diplomaten hat Biden nun als Botschafter in Saudi-Arabien vorgesehen, wie am Freitag bekannt wurde: Michael Ratney war an der US-Botschaft in Jerusalem und im Außenministerium auch für palästinensische Angelegenheiten zuständig, außerdem war er Syrien-Beauftragter. Die Stelle in Riad ist derzeit nur mit einer Geschäftsträgerin besetzt, dass die Lücke nun geschlossen werden soll, darf als versöhnliche Geste gewertet werden. (ANALYSE: Gudrun Harrer, 23.4.2022)