Russlands Chefdiplomat Lawrow warnt vor "drittem Weltkrieg".

Foto: Russian Foreign Ministry Press Service via AP

Frage: Was hat Sergej Lawrow genau gesagt?

Antwort: Dem russischen Außenminister zufolge besteht aktuell eine reale Gefahr eines dritten Weltkriegs. "Die Gefahr ist ernst, sie ist real, sie darf nicht unterschätzt werden", sagte Lawrow in einem Interview im russischen Fernsehen, das das Außenministerium am Montagabend in seinem Telegram-Kanal teilte. Nach den Worten Lawrows führt die Nato durch westliche Waffenlieferungen an die Ukraine zudem einen Stellvertreterkrieg gegen Russland – anders als bei der Kubakrise 1962, als die Sowjetunion auf der Karibikinsel Raketen stationieren wollte und die USA dies als existenzielle Bedrohung empfanden, gebe es heute weit weniger Kommunikationskanäle zwischen den beiden Großmächten.

In Sachen Waffenlieferungen und "Stellvertreterkrieg" sagte Lawrow: "Lagereinrichtungen in der Westukraine wurden mehr als einmal angegriffen. Wie könnte es anders sein? Die Nato führt im Grunde genommen einen Krieg mit Russland durch einen Stellvertreter und rüstet diesen Stellvertreter auf. Krieg bedeutet Krieg." Den USA und Großbritannien warf Lawrow in dem Interview vor, die Verhandlungen mit der Ukraine zu bremsen und Kiew Positionen vorzugeben.

Frage: Wie schätzt der Westen die Gefahr eines Weltkriegs ein?

Antwort: Großbritannien wiegelte am Dienstag postwendend ab. "Lawrows Markenzeichen im Laufe der vergangenen 15 Jahre, in denen er russischer Außenminister ist, war diese Art von Prahlerei. Ich glaube nicht, dass im Moment eine unmittelbare Gefahr einer Eskalation besteht", sagte Verteidigungsminister James Heappey der BBC.

Frage: Wie denkt man in der Ukraine darüber – und in den Nachbarländern?

Antwort: Aus Sicht des ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba wird sich Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine inzwischen seiner drohenden Niederlage bewusst. Russland verliere die Hoffnung, der Welt Angst zu machen, und spreche deshalb inzwischen von der Gefahr eines dritten Weltkriegs, sagte Kuleba mit Blick auf die Äußerungen Lawrows. "Das heißt nur, dass Moskau seine Niederlage in der Ukraine spürt", schrieb Kuleba in der Nacht auf Dienstag auf Twitter.

Auch Lettland wies die Gefahr einer Eskalation des Ukraine-Krieges zurück. "Wenn Russland den dritten Weltkrieg androht, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass die Ukraine Erfolg hat", schrieb Außenminister Edgars Rinkevics am Dienstag auf Twitter. "Wir sollten der russischen Erpressung nicht nachgeben, sondern unsere Unterstützung für die Ukraine und die Sanktionen gegen Russland verdoppeln." Nur ein entschlossenes und konsequentes Vorgehen könne internationales Recht und internationale Ordnung wiederherstellen, so der Chefdiplomat des baltischen EU-und Nato-Staates.

Frage: Welche Signale sendet Moskau aus?

Antwort: Seit Beginn des Krieges vor zwei Monaten schürt der Kreml immer wieder die Angst des Westens vor einem Einsatz von Atomwaffen. Wer sich in den Ukraine-Konflikt einmische, dem blühten "Konsequenzen, die sie noch nie in ihrer Geschichte erlebt haben", drohte Wladimir Putin in seiner De-facto-Kriegserklärung. Am vierten Tag des Angriffs setzte er noch eines drauf, als er "die Abschreckungskräfte der russischen Armee in besondere Kampfbereitschaft" versetzte, in deren Arsenal sich auch Atomwaffen finden. Seither ist der Einsatz taktischer Atomsprengköpfe in der Ukraine eines der möglichen Szenarien für die weitere Entwicklung dieses Krieges. Eine taktische Nuklearwaffe hat eine kleinere Sprengladung als eine strategische Atomwaffe und ist theoretisch auch für das Schlachtfeld bestimmt.

Ende März folgte dann die kurzzeitige Beruhigung: Russland würde nach den Worten von Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow nur im Fall einer Existenzbedrohung Atomwaffen einsetzen, nicht wegen des Kriegs in der Ukraine. "Jeglicher Ausgang der Operation (in der Ukraine) ist selbstverständlich kein Grund, eine Nuklearwaffe einzusetzen."

Vergangene Woche erklärte schließlich Jürgen Schlechter vom ABC-Abwehrzentrums des Bundesheers, er erachte einen nuklearen Schlag mit Kurz- und Mittelstreckenwaffen im Ukraine-Krieg als "nicht undenkbar". "Die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes durch die Russen steigt mit dem nachhaltigen Widerstand der ukrainischen Streitkräfte", erklärt der Militärexperte in einem Interview, das auf der Homepage des Verteidigungsministeriums veröffentlicht wurde. Nun legte Lawrow mit seiner Warnung vor einem dritten Weltkrieg nach.

Frage: Was wird nun in Ramstein besprochen?

Antwort: Im US-Stützpunkt Ramstein im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz beraten auf Einladung der Washingtoner Regierung Verteidigungsministerinnen und -minister von über 40 Staaten über das weitere Vorgehen im Kriegsgeschehen in der Ukraine. Das erklärte Ziel dabei ist, dass die Ukraine den Konflikt für sich entscheidet und den russischen Angriff zurückschlägt. Vermieden werden soll allerdings unter allen Umständen, dass die Alliierten zur Kriegspartei werden.

Der Gastgeber, US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, sagte, das Vorgehen Russlands in der Ukraine sei unverzeihlich. Die Welt stehe geeint gegen die Regierung in Moskau. Die Ukraine sei davon überzeugt, diesen Krieg gewinnen zu können. "Das tut jeder hier." Zuvor sagte er nach einem Besuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, die USA wollten "Russland in dem Ausmaß geschwächt sehen, dass es die Art von Dingen, die es mit dem Einmarsch in die Ukraine getan hat, nicht mehr machen kann". (flon, 26.4.2022)