Diese Frauen fordern Aufklärung im Fall Debanhi Escobar.

Foto: Reuters / Daniel Becerril

Am 8. April machte Debanhi Escobar, was man in ihrem Alter freitags so tut: Die 18-jährige Mexikanerin aus Monterrey ging mit zwei Freundinnen auf eine Party. Doch sie kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Bei ihren Ermittlungen fand die Staatsanwaltschaft zunächst nicht Escobar – dafür aber Spuren von sieben weiteren vermissten Mädchen und Frauen. Denn schon seit Anfang des Jahres wird der Bundesstaat Nuevo León von einer Serie von Entführungen und Frauenmorden erschüttert. Erst jetzt kommt die Regierung unter Druck – und das ist dem letzten Foto von Escobar zu verdanken, das eine Welle der Empörung auslöste.

Escobar und ihre Freundinnen trennten sich auf der Party. Sie nahmen ein Taxi, für Escobar hätten sie einen befreundeten Fahrer gerufen, erklärten sie. Doch der Fahrer brachte die 18-Jährige nicht nach Hause. Sie habe früher aussteigen wollen, behauptete er gegenüber ihren Eltern – und schickte zur Bestätigung ein unscharfes Foto von 4.24 Uhr. Man sieht sie, mitten in der Nacht, allein auf der Landstraße von Monterrey nach Nuevo Laredo, die im Volksmund als "Todesstraße" bekannt ist, weil sie unter Kontrolle der Drogenkartelle steht.

Viele Zweifel und Fragen

Das Foto avancierte in den sozialen Netzwerken rasch zu einer Anklage gegen den Machismo und versagende Behörden. "In dem Fall gibt es so viele Zweifel, Unregelmäßigkeiten und Fragen, die von den Behörden nicht beantwortet werden", kritisierte Leticia Hidalgo, Gründerin des privaten Suchtrupps für Verschwundene in Nuevo León.

Seit Jahresbeginn verschwanden laut offiziellen Angaben 327 Frauen in Nuevo León, einige von ihnen wurden inzwischen tot aufgefunden. Die Behörden riefen zwar eine Sondereinheit ins Leben, aber die Ermittlungen kamen nur schleppend in Gang und waren von Pannen überschattet.

Tatenlose Polizei

Die 27-jährige Buchhalterin Maria Fernanda Contreras beispielsweise verschwand am 6. April. Ihre Familie konnte ihr Handy lokalisieren und alarmierte die Polizei – doch die traf nie an dem Ort ein.

Im Falle Debanhi Escobars fand ihr Vater Mario die wichtigsten ersten Hinweise. Er machte Druck, um die Sicherheitskameras der Unternehmen entlang der Straße prüfen zu können. Auf den Videos fand er eine Erklärung, weshalb seine Tochter aussteigen wollte: Auf den Bildern ist zu sehen, wie der Fahrer nach ihren Brüsten greift und Debanhi dann raschen Schrittes auf die gegenüberliegende Seite der Straße wechselt und auf ein – zu dem Zeitpunkt angeblich unbesetztes – Wächterhäuschen zuhält.

Durch Schlag auf den Kopf gestorben

Was danach passierte, ist unklar. Auf den Sicherheitskameras fehlen laut ihrem Vater die folgenden zehn Minuten. Letzten Freitag fanden die Ermittler die Leiche der 18-Jährigen. Sie starb durch einen Schlag auf den Kopf – ob sie Opfer sexueller Gewalt wurde, ist noch unklar.

Das UN-Komitee gegen gewaltsames Verschwindenlassen verzeichnet seit Beginn der Corona-Pandemie einen alarmierenden Anstieg von verschwundenen Kindern, Jugendlichen und Frauen. Verantwortlich dafür sind laut Bericht die Sicherheitskräfte ebenso wie das organisierte Verbrechen. Am Wochenende gingen in ganz Mexiko Tausende auf die Straßen, um Gerechtigkeit für die ermordeten und verschleppten Frauen zu fordern. (Sandra Weiss aus Puebla, 29.4.2022)