Wer ausführlich beraten werden will und rasch einen Termin braucht, zahlt oft extra etwas dafür und geht zum Wahlarzt – wenn er oder sie es sich leisten kann.

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Wien – Als Hausarzt baut man eine Beziehung zu seinen Patientinnen und Patienten auf. Man ist im Idealfall ein Familienarzt, kennt die großen und die kleinen Sorgen, erzählt der Allgemeinmediziner Rudolf Posawetz aus Schwertberg in Oberösterreich. "Das ist das wirklich Schöne an dem Beruf. Nur ist das im Moment eigentlich nicht möglich." Denn in Schwertberg betreuen derzeit zwei statt drei Kassenärzte Patientinnen und Patienten. Die dritte Kassenstelle ist seit einem Pensionsantritt vakant, eine in Aussicht gestellte Primärversorgungseinheit wird erst gebaut.

Die Folge: Die Qualität der Betreuung leidet. Denn derzeit steht die Quantität in der Betreuung im Vordergrund. Nacht- und Wochenenddienste sowie Vertretungen für Kolleginnen oder Kollegen verschlimmern die Situation weiter. Das Beispiel aus dem Bezirk Perg ist eine Extremsituation. Aber es zeigt: In Österreich fehlen Ärzte auf Kasse. Vor allem bei Hausärzten ist dieser Mangel eklatant.

Zugleich entscheiden sich immer mehr Mediziner dafür, Wahlarzt zu werden: Ende 2021 gab es laut Ärztekammer in ganz Österreich 19.285 Ärztinnen und Ärzte mit Ordination. Davon haben fast 11.000 keinen Kassenvertrag, deutlich mehr als die Hälfte. Vor zehn Jahren standen 8.661 Kassenärzten noch 7.742 Kolleginnen und Kollegen ohne Vertrag gegenüber. Besonders viele Wahlarztpraxen gibt es in der Frauenheilkunde: Von 1.373 niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen haben 872 keinen Kassenvertrag, in Wien sogar 199 von 248.

Zuckerbrot oder Peitsche?

Kann man Medizinerinnen und Mediziner irgendwie aus dem Wahlarztsektor ins Kassensystem locken – und wenn ja: mit Peitsche oder Zuckerbrot? Darüber ist in den vergangenen Wochen eine Debatte entbrannt. Entfacht hat sie Andreas Huss, Vize-Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), der meint, die Kasse solle für einen Besuch beim Wahlarzt kein Geld mehr refundieren. Derzeit bezahlt sie in der Regel rund 80 Prozent des Kassentarifs zurück, das macht oft einen Bruchteil der Wahlarztrechnung aus. Dass das kommt, ist nicht realistisch, allein schon deshalb, weil es nicht der allgemeinen ÖGK-Linie entspricht.

Ob ein Schuss ins Blaue oder nicht: Seither liegt das Thema auf dem Tisch. Einzelne Ländervertreter fordern, man möge Wahlärzte zu gewissen Diensten im öffentlichen Gesundheitssektor verpflichten oder ihnen zumindest bestimmte Regulatorien vorgeben: Derzeit können Wahlärztinnen so lange geöffnet haben, wie sie es wollen, ihr Honorar frei bestimmen, ebenso den Ort der Praxis und vieles mehr. Alles Dinge, bei denen für Kollegen mit Kassenvertrag fixe Vorgaben gelten.

Man solle nicht ein funktionierendes System verschlechtern, nur weil das Kassensystem nicht funktioniere, kontert die Ärztekammer. Dort, also bei den Kassenverträgen, müsse man ansetzen, fordert Johannes Steinhart, neuer Präsident der Wiener Ärztekammer und Obmann der Bundeskurie für niedergelassene Ärzte.

Minister versus Kammer

Mittlerweile mischt aber auch Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) in der Debatte mit, und mit seinem Einstieg ist der Ton deutlich rauer geworden. Der Politiker hatte am Freitag in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung vorgeschlagen, junge Ärzte nach dem Studium zu verpflichten, über eine bestimmte Zeit bis zu zwei Tage die Woche als Kassenarzt zu arbeiten. Thomas Szekeres, Noch-Präsident der Österreichischen Ärztekammer, konterte mit dem Vorwurf der "Zwangsarbeit", sein designierter Nachfolger Johannes Steinhart sah in der Presse gar eine "Kriegserklärung des Ministers".

Allerdings gibt es auch aus der ÖVP bereits Stimmen dafür, die Ärzte stärker in die Pflicht zu nehmen: So schlug Oberösterreichs Landeshauptmannstellvertreterin Christine Haberlander Pflichtdienste für Wahlärzte etwa in der Therapie von Drogenkranken oder bei Engpässen in Regionen vor.

Ab Sommer wollen jedenfalls Ärztevertretung und Sozialversicherung verhandeln. Denn auch von ÖGK-Seite, von Generaldirektor Bernhard Wurzer selbst, ist zu hören, dass das Kassensystem aus Ärztesicht attraktiver werden müsse.

Vielschichtiges Problem

Wobei, so unattraktiv ist es gar nicht, zumindest in manchen Fächern. Die Augenärztin Marie Dietrich, die seit einem Jahr ihre Ordination in Spittal an der Drau führt, schätzt es. "Ich muss keine Rechnungen ausstellen, alle Patientinnen und Patienten können zu mir kommen, egal, wie sie finanziell dastehen, das ist mir wichtig." Doch für Termine gibt es sechs Monate Wartezeit, denn "die Anzahl an Krankenscheinen pro Quartal, die man abrechnen kann, ist gedeckelt." Betreut Dietrich mehr Patienten, zahlt die Kasse – zumindest in Kärnten – nur noch die Hälfte. Das Problem ist also vielschichtig.

Wie Verbesserungen im Detail aussehen könnten, muss erst ausgestritten werden: Die Ärztekammer verweist darauf, dass man schon vor Monaten einen komplett neuen Leistungskatalog für die Abrechnung vorgelegt habe und von der Kasse nie eine Rückmeldung erfolgt sei. Die ÖGK sieht wiederum mehr Abrechnungen in Pauschalen als Option, Medizinerinnen Arbeit abzunehmen. Und sie versucht, mit Projekten, bei denen Ärzten administrative Tätigkeiten abgenommen werden, jungen Vertragsinteressenten Hemmungen zu nehmen.

Patientenanwalt für mehr Primärversorgungszentren

Patientenanwalt Gerald Bachinger sieht den Ausweg aus dem Negativtrend auf Kasse darin, die Primärversorgungszentren schneller auszubauen. Und er fordert bei der Honorierung der Kassenärzte eine Umstellung: Statt Quantität zu bezahlen, solle nach Parametern für Qualität abgegolten werden.

Dass Kasse und Kammer gleich so große Veränderungen wagen, darf bezweifelt werden. Ihnen obliegt aber die Ausgestaltung der Gesamtverträge, nach denen die Honorierung erfolgt. (Pia Kruckenhauser, Gudrun Springer, 9.5.2022)