Wer als Autor öffentliche Wirksamkeit entfalten will, muss mit Widerrede rechnen: Büste von Émile Zola in dessen französischem Haus in Médan.

Foto: Reuters/POOL

Die Publikation eines offenen, von möglichst vielen unterzeichneten Briefes gehört in der gar nicht so langen Geschichte der europäischen Demokratie zu den Akten wohlbegründeter Notwehr: Ab einem gewissen Punkt scheint es moralisch unhaltbar, aus einem Herzen, das rechtschaffen ist und für Rechtlichkeit schlägt, eine Mördergrube zu machen.

Eben erst hat der Ukraine-Krieg zwei offene Briefe an die Öffentlichkeit befördert. Das an Olaf Scholz gerichtete Emma-Schreiben von Alice Schwarzer, Peter Weibel, Harald Welzer und Co, in dem die rasche Eindämmung des ruinösen Krieges gefordert wird, provozierte beinahe umgehend den entsprechenden Antwortbrief: Dem russischen Aggressor dürfe nicht klein beigegeben werden, argumentierten Daniel Kehlmann, Eva Menasse und einige andere prompt. Ergo müssten den ukrainischen Verteidigern alle erforderlichen Waffen ausgehändigt werden. Seitdem begegnen einander die Vertreter beider Lager in den Medienforen mit ostentativem Kopfschütteln. Man erträgt die Argumente des diskursiven Widersachers. Ebenso schlägt man sie jedoch – ob ihrer vermeintlichen Borniertheit – in den Wind.

Dabei gehören offene Briefe nicht erst seit gestern zum Grundbaukasten bürgerlicher Selbstverständigung. Einen solchen Text setzt auf, wer einen als unhaltbar erachteten Zustand meint, nicht länger tolerieren zu dürfen. Émile Zolas beispielgebendes "J’accuse …", im Jänner 1898 in einer Zeitung mit dem schönen Namen L’ Aurore publiziert ("Die Morgenröte"), glich einem wohlformulierten Aufschrei.

Der Adressat war nicht nur der damalige französische Präsident Félix Faure, sondern die Öffentlichkeit schlechthin. Das an dem jüdischen Offizier Alfred Dreyfus begangene Unrecht der Degradierung und Inhaftierung, beruhend auf Manipulationen und falschen Anschuldigungen, sollte die Westen und Waffenröcke der damaligen Militärkaste blütenweiß erhalten. Es dauerte Jahre, bis Dreyfus vom antisemitischen Unflat gereinigt und rehabilitiert worden war. Zola musste zeitweise ins Ausland fliehen. Es fiel der "Grande Nation" schwer, die verbrieften Rechte eines Verunglimpften gegen ein diffus "patriotisches" Meinungsbild durchzusetzen.

Mit der Verbreitung von Zolas "Anklage" war jedoch der moderne Debattenintellektuelle als Held mit außerordentlicher Strahlkraft geboren. Fortan bildeten Zeitungen gemeinsam mit Debattenbeiträgern einen Medienverbund: zu beider – auch kommerziellem – Vorteil.

Performative Akte

Offene Briefe gleichen, modern gesprochen, performativen Akten. Sie sollen, möglichst umgehend, mobilisierende Effekte zeitigen. Ihnen liegt die unausgesprochene Annahme zugrunde, dass moderne Gesellschaften viel zu "komplex", zu unübersichtlich geworden sind, als dass sie sich von politischen Verwaltern – selbst solchen, die es "wohl meinen" mit ihren und anderen Staatsvölkern – noch überschauen ließen. Die fromme Absicht dahinter: Die öffentliche Sphäre soll die Ebene rein technischer Sachwalterschaft überlagern und moralische Wirksamkeit entfalten.

Der "öffentliche" Intellektuelle gibt somit vor aller Augen ein leuchtendes, manchmal auch nur ein fahriges Beispiel ab: wie durch unvoreingenommenen Vernunftgebrauch die Weltverhältnisse besser einzurichten seien. Er oder sie setzt einen Widerstandsakt in moralischer Hinsicht, richtet sich dabei aber doch vornehmlich an seines- oder ihresgleichen.

Als nach Entfesselung des Ersten Weltkriegs 1914 die deutsche Armee auf ihrem Durchmarsch Belgien verwüstete, schrieb Frankreichs großer Aufklärer Romain Rolland gleich direkt an Gerhart Hauptmann, sein Gegenüber als "Staatsdichter". Er wählte vor Wut zitternde offene Worte: "Wer seid denn Ihr [Deutschen]? Und mit welchem Namen wollen Sie, Hauptmann, dass man Euch gegenwärtig nenne, der Sie den Titel Barbaren zurückweisen?"

Der große Thomas Mann, erst in den 1920ern vom deutschen Sendungsbewusstsein kuriert, lehnte in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) das Verfassen nützlicher Statements noch rundweg ab. Das Geschäft der öffentlichen Meinungsbildung gehöre, so Mann, den "Freiheitsgestikulanten" überlassen. Menschenrechtler, "Tumultuanten" und dergleichen? Seien keine Dichter mehr. Sie bildeten eine minderwertige Schrumpfform derselben Spezies, die des "Zivilisationsliteraten". Und pikanterweise hatte der Lübecker Prosaartist dabei ausgerechnet seinen politisch hochaktiven Bruder Heinrich im Sinn.

Allerlei Ermunterungen

Mitunter passiert es offenen Briefen, dass die in ihnen dokumentierte "gute" Absicht an der eigenen Heuchelei zuschanden geht. Als Hermann Bahr 1914 meinte, früh im Ersten Weltkrieg an seinen "lieben" Dichterfreund Hugo von Hofmannsthal eine patriotische Ermunterung senden zu müssen, riss Karl Kraus hörbar der Geduldsfaden. Durch die Zeitung wollte Bahr gegrüßt haben: "Vielleicht weht’s der liebe Wind an Ihr Wachtfeuer" – Bahr meinte fälschlich, dass Hofmannsthal sich bald frohgemut im von den Mittelmächten eroberten Warschau aufhalten werde.

In Wirklichkeit saß der solcherart öffentlich Angesprochene daheim, im sicheren Kriegsministerium in Wien. Kraus’ entrüstete Forderung in seiner Fackel: Hofmannsthal hätte aufstehen und ein solches, ihm lediglich zugeschriebenes Heldentum sofort dementieren müssen.

Offene Briefe sind denn auch immer: Verzerrungen. In ihnen spiegeln sich die diversen Selbstbildnisse einer Gesellschaft wider. Die gibt sich öffentlich gerne prinzipientreuer, als sie in Wirklichkeit ist. (Ronald Pohl, 12.5.2022)