Das vermeintliche Traumpaar wurde zum Albtraum dutzender Mädchen und junger Frauen: Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein.

Foto: SWR/dpa

England im Dezember 1966: Die fünfjährige Ghislaine Maxwell redet über den Weihnachtsmann, der Geschenke in Strümpfe stopft und hat dabei ein Leuchten in den Augen, das an die Weihnachtsmagie der eigenen Kindheit erinnert. Eine zauberhafte Szene. Schauplatzwechsel. New York, Dezember 2021: Gerichtssaal statt Kindheitsidylle. Die 60-jährige Ghislaine Maxwell macht ein ernstes Gesicht. Sie hat auch allen Grund dazu, wird sie doch in fünf von sechs Anklagepunkten schuldig gesprochen – unter anderem wegen Sexhandels und der Mithilfe zum Missbrauch Minderjähriger. Er soll jahrzehntelang in Jeffrey Epsteins Anwesen in New York, Florida, Santa Fe und auf den Virgin Islands stattgefunden haben. Im Juni 2022 wird schließlich auch das Strafmaß verkündet: 20 Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 750.000 Dollar (713.000 Euro). Maxwell geht in Berufung.

Was ist in diesen 55 Jahren geschehen? Wie wird ein süßes Mädchen aus reichem Hause zu einer – nicht rechtskräftig – verurteilten Sexualverbrecherin, die an der Spitze einer abscheulichen Missbrauchspyramide ihres Partners, des US-Multimillionärs Jeffrey Epstein, steht? Die dreiteilige Dokuserie "Wer ist Ghislaine Maxwell?" begibt sich auf Spurensuche und versucht, zumindest ein paar Antworten zu liefern – zu sehen ist sie am Montag, 25. Juli, ab 22.15 Uhr in der ARD.

Maxwell statt Epstein

Die US-Produktion und True-Crime-Doku von Erica Gornall, die wenige Tage nach der Erstausstrahlung in den USA jetzt im deutschsprachigen Raum läuft, ist nicht der erste Versuch, ein Psychogramm von Ghislaine Maxwell zu zeichnen. Est im Juni 2022 zeigte Sky die vierteilige US-Doku "Ghislaine Maxwell – Partner in Crime". Sie rekonstruierte das Schneeballsystem des sexuellen Missbrauchs, das Jeffrey Epstein und seine Partnerin aufgezogen hatten. Zuvor war das bereits in der Netflix-Dokureihe "Jeffrey Epstein: Stinkreich" zu sehen.

Seit sich Epstein im August 2019 nur 33 Tage nach der Anklage seiner sicher scheinenden Verurteilung durch Suizid – so der Obduktionsbericht – entzogen hatte, rückte seine Komplizin Maxwell immer mehr in den Fokus des Interesses. Sie wurde im Juli 2020 verhaftet.

Mit dem goldenen Löffel im Mund

Ghislaine Maxwell wuchs als jüngstes von neun Kindern in der Nähe von Oxford auf. Als Lieblingskind ihres Vaters, des einflussreichen Verlegers Robert Maxwell, knüpfte sie schon früh Kontakte in höchste Kreise und schlüpfte auch in die Rolle der Organisatorin, etwa als Direktorin des Fußballklubs Oxford United, der im Besitz ihres Vaters stand. Auf der einen Seite wird sie von Freundinnen und Freunden sowie Bekannten als begnadete Netzwerkerin beschrieben, die allen das Gefühl gab, willkommen zu sein, auf der anderen Seite aber auch als "verwöhnte Göre", die wie ein Tornado durch das Büro fegen konnte.

Ghislaine Maxwells Zuhause war das Society-Parkett. Sie stand gern im Mittelpunkt – entweder als Gast oder als Gastgeberin, eine Rolle, in der sie auch den einen oder die andere verstörte. So erzählt eine Bekannte in der Doku, dass Maxwell sie und ihren Partner zu einem Spiel animieren wollte. Alle männlichen Partygästen sollten mit verbundenen Augen die Brüste der anwesenden Frauen abtasten, und sie zuzuordnen. Sie sei geschockt gewesen und habe nicht mitgemacht, aber: "Wenn eine Frau so ein Spiel vorschlägt, macht es das den anderen sehr schwer, nicht mitzuspielen."

Robert Maxwell starb 1991

Ein Knackpunkt in Ghislaine Maxwells Leben dürfte der Tod ihres Vaters Robert im Jahr 1991 gewesen sein. 1940 als 17-Jähriger aus der heutigen Ukraine nach Großbritannien geflüchtet, avancierte der Sohn jüdisch-orthodoxer Eltern und Ex-Labour-Politiker dank seines Medienimperiums zu den einflussreichsten Unternehmern der Insel. Der Patriarch und Tyrann, so wird er beschrieben, besaß mehrere der auflagenstärksten britischen Zeitungen, darunter den "Daily Mirror" sowie die New Yorker Zeitung "Daily News", für die auch seine Tochter arbeitete.

Nach seinem mysteriösen Tod im Jahr 1991 auf seiner Yacht Lady Ghislaine, benannt nach seinem Lieblingskind, kam ans Tageslicht, dass er Bilanzen gefälscht und den Pensionsfonds seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geplündert hatte. Und mit dem Untergang Robert Maxwells fiel auch die Familie in Ungnade. Zwei Söhne wurde vorübergehend verhaftet, allerdings 1996 freigesprochen. Mit dem Tod ihres Vaters verlor Ghislaine Maxwell nicht nur ihren Förderer, sondern auch ihren Lebensstil.

"Königin von New York"

Wie und wann sie Jeffrey Epstein Anfang der 1990er-Jahre kennenlernte, ist unklar. Jedenfalls bei einem ihrer zahlreichen Aufenthalte in New York. "Sein Reichtum zog sie an", sagt der Ex-Fotograf der Familie Maxwell. Epstein profitierte von Maxwells Kontakten, und sie erhielt dafür das Leben, das sie vor dem Tod ihres Vaters geführt hatte. "Sie wurde zur Königin von New York", so der Fotograf. Und als Teil der High Society zum Türöffner für Epsteins Geschäfte als Investor und Unternehmer.

"Kindermodels"

Maria Farmer erzählt in der Doku, dass sie 1995 für Epstein und Maxwell gearbeitet hatte. "Mädchen mit Schuluniformen gingen im Haus ein und aus." Kameras hätten alles dokumentiert. Maxwell habe ihr gesagt, dass es Kindermodels wären. "Sie ging los und holte Mädchen aus dem Central Park, oder sie fuhr zu Schulen und lief dann dort herum." Maxwell dürfte also schon sehr früh als Drehscheibe im Missbrauchsskandal eine zentrale Rolle gespielt haben. Die Autorin Christina Oxenberg berichtet, dass Maxwell ihr gesagt hätte, dass Epstein aus medizinischen Gründen drei Orgasmen pro Tag brauche: "Und ich helfe ihm, weil ich mit seiner Libido nicht mithalten kann." Maxwell sei dafür zu den Wohnparks mit den sozial Schwachen gefahren.

Anzeige bereits im Jahr 1996

Bizarr ist, dass Maria Farmers Schwester Annie bereits 1996 zur Polizei ging und Anzeige erstattete. Sie soll als 15-Jährige sowohl von Maxwell als auch von Epstein sexuell missbraucht worden sei. "Ich bin so wütend, weil sie es 26 Jahre lang zugelassen haben, dass es so etwas gibt. Sie haben die meisten Opfer auf dem Gewissen", sagt Annie Farmer in Richtung Polizei. Hätten sie damals ihren Job gemacht, hätten hunderte Mädchen, die später missbraucht wurden, gerettet werden können, sagt auch David Boies, der als Anwalt einige der Missbrauchsopfer vertritt.

Deal mit der Staatsanwaltschaft

Epstein und Maxwell hätten spätestens im Jahr 2005 gestoppt werden müssen, als sich in Florida rund 50 mutmaßliche Missbrauchsopfer im Zuge der Ermittlungen bei der Polizei meldeten, nachdem ein 14-jähriges Mädchen Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs durch Jeffrey Epstein eingebracht hatte. Epstein machte seinen Einfluss geltend, der in einem grotesken Deal mit der Staatsanwaltschaft gipfelte. In einer außergerichtlichen Einigung musste er Prostitution mit einer Minderjährigen zugeben, woraufhin er eine Haftstrafe von nur 18 Monaten ausfasste. Die Staatsanwaltschaft stellte alle Ermittlungen ein, und nach nur 13 Monaten war Epstein wieder frei. Und Ghislaine Maxwell, die junge Mädchen mit dem Vorwand von Massagen ankarrte, wurde nicht einmal einvernommen.

Reich und schön

Gesellschaftlich rasch rehabilitiert, verkehrten Epstein und Maxwell weiter mit hochrangigen Gästen aus Kunst, Wirtschaft oder Politik. Sie waren etwa mit den Ex-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump, dem Tech-Milliardär Bill Gates und dem britischen Prinzen Andrew bekannt. Um ihren Status zu untermauern, gründete Maxwell 2012 das TerraMar-Projekt zur Rettung der Weltmeere. Damit habe sie sich als Wohltäterin geriert und die Medien dahingehend manipuliert, sie nicht als Verbrecherin, sondern als Umweltschützerin darzustellen, sagt Opferanwalt David Boies.

Ein Foto aus dem Jahr 2000: Donald Trump mit Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell.
Foto: Getty Images/Davidoff Studios Photography

Missbrauch auf Epsteins Privatinsel

Viele Jahr davor, 1998, kaufte Epstein die Privatinsel Little St. James in der Karibik, wo er und Maxwell dutzende Mädchen hinbrachten. In der Dokumentation kommt auch jenes Ehepaar zu Wort, das für den Multimillionär das riesige Anwesen managte. Zu Beginn ihres Jobs hätte ihnen Maxwell gesagt, dass auf der Insel viele Bienen um den Topf kreisen werden, "aber ich bin die Königin, merkt euch das". Missbrauch hätten sie keinen bemerkt, sagen sie. Für Opferanwalt Boies war die Insel ein "Palast für Sexhandel". Epstein habe sich dorthin zurückgezogen, um junge Frauen zu missbrauchen. Im Schlepptau dürften regelmäßig Prominente gewesen sein. Einer davon war Prinz Andrew.

Prinz Andrew

Prinz Andrew soll bereits im Jahr 2001 die damals 17-jährige Virginia Giuffre missbraucht haben. Giuffre spielt eine Schlüsselrolle in dem Missbrauchsskandal. Sie sagte später, sie sei von Epstein und Maxwell "wie ein Obstteller" an Freunde weitergereicht worden. Prinz Andrew bestritt, Giuffre jemals getroffen zu haben, bis ein Foto der beiden auftauchte. Im Februar 2022 hatte er sich mit Giuffre auf einen Vergleich geeinigt. Britischen Medien zufolge soll Prinz Andrew rund 14 Millionen Euro bezahlt haben, um dem Prozess zu entgehen.

Dass es im jahrzehntelangen Missbrauchsskandal viele Täter und Mitwisserinnen geben haben muss, scheint klar. Nur wer sie sind, ist zu einem großen Teil noch unklar. Maxwell hat bei dem Prozess jedenfalls nicht ausgepackt. Für viele ihrer Opfer kommt ihre Verurteilung zu spät. Aber besser jetzt als nie, sagt Annie Farmer, die als Zeugin gegen Maxwell aussagte: "Ich bin dankbar, dass die Geschworenen uns geglaubt haben und dass Täter in sexuellen Missbrauchsfällen zur Rechenschaft gezogen werden. Egal, wie viel Macht und Privilegien sie haben." (Oliver Mark, 24.7.2022)