Die Midterm-Wahlen in den USA haben den beiden Kontrahenten der vergangenen Präsidentschaftswahl ein Wechselbad der Gefühle beschert. Hatte der eine eigentlich vorgehabt, noch in diesem Monat eine "sehr bedeutende Ankündigung" vom Stapel zu lassen, sendet der zweite im Bunde "mixed messages" aus.

Ob sich Donald Trump und Joe Biden 2024 erneut duellieren werden, hängt bei dem von den Wählerinnen und Wählern nicht eben bestärkten Republikaner wohl vor allem von Floridas Wahlgewinner Ron DeSantis ab, der sich anschickt, dem Ex-Präsidenten von rechts das Wasser abzugraben. Joe Biden, der aktuelle Präsident, will hingegen über Weihnachten in sich gehen, "mit der Familie sprechen" und dann entscheiden, ob er sich mit über 80 noch einmal in einen Wahlkampf begeben will.

Ob Joe Biden noch einmal antritt, könnte sich Anfang 2023 entscheiden.
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Gemischte Gefühle

Freilich: Auch die Umfragen müssten mitspielen – und die dürften Biden und seine zuletzt mit einem blauen Auge davongekommenen Demokraten im Blick haben: Zwei Drittel der Befragten wollen nämlich eben nicht, dass es Biden noch einmal tut. 90 Prozent der deklarierten Republikanerinnen und Republikaner lehnen Trumps Intimfeind wenig überraschend kategorisch ab, aber auch 40 Prozent der Demokratinnen und Demokraten wünschen sich einen anderen Kandidaten – oder eine andere Kandidatin. DER STANDARD hat einige mögliche Biden-Nachfolger und -Nachfolgerinnen zusammengefasst:


Gretchen Whitmer

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Die 51-jährige Gretchen Whitmer, am Dienstag wiedergewählte Gouverneurin des für die Demokraten wichtigen Battleground-Staats Michigan, hat aus nächster Nähe die Gefährlichkeit von Rechtsextremen kennengelernt: Wochenlang besetzten rechte, Trump bewundernde Milizen das Staatsparlament, im Oktober 2020 wurden schließlich zwölf Männer verhaftet, die detailreich die Entführung und Ermordung der demokratischen Gouverneurin geplant hatten. 2020 hatte Whitmer schon als Bidens möglicher "Running Mate" gegolten, ehe der sich für die heutige Vizepräsidentin Kamala Harris entschied. Nun könnte Whitmers Stunde schlagen: Sollte sich Biden gegen eine Wiederkandidatur entscheiden, gilt sie als eine der Favoritinnen für seine Nachfolge. Ihr vehementes Eintreten gegen Abtreibungsverbote wurde von den Wählerinnen und Wählern honoriert, dass sie mit Tudor Dixon zudem eine von Trumps fanatischsten Anhängerinnen in die Schranken wies, macht ihren Sieg für die Demokraten noch wertvoller.


Gavin Newsom

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Dass der ebenso wie Whitmer wiedergewählte kalifornische Gouverneur Gavin Newsom Joe Biden in eine Vorwahl zwingt, gilt als so gut wie ausgeschlossen. Nach seinem klaren Sieg in Kalifornien hat er aber Berichten zufolge bereits nach möglichen Sponsorinnen und Sponsoren für eine eigenen Kandidatur für das Weiße Haus Ausschau gehalten – sollte Biden nicht antreten, wie betont wird. Der 55-Jährige gilt schon seit längerem als Personalreserve der Demokraten, erst war er Bürgermeister von San Francisco, nun ist er seit vier Jahren Gouverneur. Erst 2021 überstand er einen "Recall"-Versuch der Republikaner, die Wählerinnen und Wähler wollten ihn damals weiter im Amt sehen. Als Regierungschef des größten und wirtschaftsstärksten Bundesstaats hat Newsom im Wahlkampf ganz auf nationale Themen gesetzt: Einwanderung etwa oder das Recht auf Abtreibung. Sein republikanischer Kontrahent bei der Gouverneurswahl hielt ihm vor, sich schon jetzt mehr seiner möglichen Kandidatur 2024 zu widmen als Kalifornien.


Pete Buttigieg

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Bei den demokratischen Vorwahlen war dem heute 40-jährigen Pete Buttigieg zuletzt vor drei Jahren ein Respekterfolg gelungen: Gleich die erste Abstimmung gewann er, danach wurde er Zweiter, erst nach vier Runden gab er schließlich auf – und unterstützte früh Joe Biden, der ihn nach seinem Wahlsieg im November 2020 mit dem Verkehrsministerium belohnen sollte. Heute gehört der Sohn eines Maltesers und ehemalige Navy-Offizier zu den wenigen jungen Spitzenpolitikern der Demokraten. Seine Bemühungen, die marode Verkehrsinfrastruktur der USA zu renovieren, sind allerdings noch lange nicht abgeschlossen. Dass er – ebenso wie Newsom – im Midterms-Wahlkampf mehrere Staaten bereiste, um dort demokratische Kandidatinnen und Kandidaten zu unterstützen, wird als Indiz für Buttigiegs Ambitionen gesehen.


Kamala Harris

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Als (erste nichtweiße) Vizepräsidentin der USA wäre eigentlich Kamala Harris die erste Kandidatin der Demokraten für die Nachfolge Bidens. Die 58-Jährige liegt in Umfragen auch stets auf dem zweiten Platz – hinter Biden –, wenn es um Präsidentschaftskandidatinnen oder -kandidaten der Demokraten geht. Zwar leidet sie ebenso wie ihr Chef unter mehr als mediokren Beliebtheitswerten: Nicht einmal 40 Prozent der Befragten sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Zuletzt hat die Vizepräsidentin, um die es lange Zeit vergleichsweise still geworden war, aber Aufwind verspürt: Ihr Kampf für Gleichberechtigung und gegen Abtreibungsverbote hat der ranghöchsten US-Amerikanerin Glaubwürdigkeit verliehen. Entsprechend engagiert zeigte sie sich bei den Midterm-Wahlen: Monatelang tourte sie durch das ganze Land, um demokratische Kandidatinnen und Kandidaten zu unterstützen, die gegen die restriktiven Abtreibungsverbote der Republikaner auftreten. Zuletzt hat sie auch ihr außenpolitisches Profil geschärft – Biden, so scheint es, gibt seiner Stellvertreterin ein wenig mehr Freiraum als bisher.


Hillary Clinton

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Immerhin 26 Prozent der befragten Demokraten wollen einer Umfrage zufolge die ehemalige Außenministerin Hillary Clinton im Weißen Haus sehen – trotz oder gerade wegen ihrer Niederlage gegen Donald Trump 2016. Auch wenn bisher hauptsächlich rechte Medien wie das "Wall Street Journal" und die "New York Post" Clinton ins Spiel bringen, tatsächlich mischt die 75-Jährige zuletzt wieder mit in der US-Politik: Nicht nur warnte sie öffentlich vor einem weiteren Versuch Rechtsextremer, bei der nächsten Präsidentschaft abermals den Umsturz zu wagen, auch ihrer Parteifreundin und Landsfrau Kathy Hochul stattete sie in deren Wahlkampf um das New Yorker Gouverneurinnenamt Besuche ab. Nach wie vor sehen viele Demokratinnen und Demokraten die ehemalige First Lady als Heldin, die nur wegen der Lügen und Anfeindungen Trumps unterging. Gut möglich, dass Clinton diesen Makel wird beseitigen wollen. (Florian Niederndorfer, 13.11.2022)