Immer auf dem Sprung: Leonard Cohen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin, der französischen Fotografin Dominique Issermann.

Polyfilm / Eric Préau / Sygma via Getty Images

Der kanadische Musiker, Poet und Romancier Leonard Cohen hat bis zu seinem Tod im Jahr 2016 zahlreiche Klassiker der Popkultur geschaffen. Man erinnere sich nur an Tower of Song, The Future, Bird on a Wire, Avalanche, The Sisters of Mercy, Famous Blue Raincoat und, und, und. Das musikalische Hochamt Hallelujah aber zählt heute zu den weltweit beliebtesten und meistinterpretierten Songs.

Es wird nun in der zweistündigen und – wie es sich für Leonard Cohen gehört – zu Herzen gehenden Kinodokumentation von Daniel Geller und Dayna Goldfine namens Hallelujah: Leonard Cohen, A Song, A Journey beschworen. Ausgehend von einem einzigen Lied, ist die Doku eine berührende Arbeit über das Ringen um Kunst geworden.

Vor allem dann, wenn es um eines geht: Man kann damit Hochzeiten, Begräbnisse, Rhythmusmessen, Parlamentsandachten oder Kindstaufen akustisch erbauend, stärkend und tröstend behübschen – oder sich damit als Kandidat bei Voice of Germany und anderen Castingshows heillos blamieren. Das Lied ist so beliebt und gefragt, dass Cohen sich selbst in einem späten Fernsehinterview launig wünscht, dass Hallelujah weniger oft gecovert werden möge.

Sony Pictures Classics

Dank Cohens Neigung, die Dinge zumindest im Endergebnis einfach, knapp und einprägsam, aber auch humorvoll zu halten, gibt er im Lied gleich zu Beginn – nach einem biblischen Verweis auf König David – grummelnd bekannt, wie es von den Akkorden für die beginnerfreundliche Schulgitarre anzulegen ist: "It goes like this, the fourth, the fifth / The minor fall, the major lift / The baffled king composing Hallelujah." Sprich mit C, F, G und Am und E ist man dabei, wenn man deren richtige Reihenfolge einmal geschnallt oder gegugelt hat.

Eigentlich aber wollten den heutigen Klassiker bei seinem ursprünglichen Erscheinen 1984 nicht alle hören. In Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song erfährt man, dass Hallelujah samt dem dazugehörigen Album Various Positions damals von seiner US-Plattenfirma Sony rundweg abgelehnt wurde. Genieverdacht hemmt immer schon gern Marktchancen.

Das Album erschien in den USA deshalb nur auf einem kleinen Label und fiel kommerziell durch. Europa meinte es gnädiger mit Cohen. Immerhin war er ja auch eher am Chanson als am Rock ’n’ Roll geschult. Hallelujah jagt nicht im 4/4-Takt die Straße runter zur nächsten Tankstelle, sondern dreht sich gemütlich im 6/8-Takt im schummrigen Ballsaal: Take this Waltz, so ein anderer Cohen-Titel.

Leonard Cohen hatte 1984 nach längerer musikalischer Pause die sechssaitige Dichterlaute als altes Markenzeichen des nachdenklichen Poeten großteils abgelegt. Er hatte für sich daheim das von Trio und Da Da Da bekannte, dem steckdosen- und batterielosen Musenhain so gar nicht zuträgliche Billigsdorfer-Casio-Keyboard als mit nur einem Finger bespielbares Heimorchester entdeckt. Diese Liebe zu einem zutiefst demokratischen und künstlerisch barrierefreien Instrument sollte ein ganzes Leben halten.

Stimme im Keller

Zudem war Cohens Stimme zum Schrecken jedweden Marketings für eine jüngere Zielgruppe nach, wie er meinte, gefühlten fünfzigtausend Zigaretten und einem Swimmingpool voller Whiskey beachtlich tief in den Keller gerumpelt. Erst über die Jahre wurde der Song breiter bekannt, vor allem auch, weil Bob Dylan, John Cale und, wesentlich für ein jüngeres Publikum, Jeff Buckley seine Kraft erkannten und ihn live wie im Studio interpretierten. Klassensieger dabei: Jeff Buckleys markerschütternde Version auf dem Album Grace geht tief in die Knochen.

2001 wurde Hallelujah schließlich im Mainstream durch die "Wiener Walzer"-Version von Rufus Wainwright bekannt, der mit Cohen-Tochter Lorca übrigens ein Kind hat. Der Song war Teil des Soundtracks des familienfreundlichen Blockbusters Shrek. Textlich wurde das Lied allerdings von allen sexuellen Anspielungen bereinigt. Wie man in der Doku sehen kann, war Leonard Cohen Zeit seines Lebens nicht nur auf der Suche nach Transzendenz sowohl im jüdisch-christlichen Glauben als auch im Buddhismus. Immerhin verbrachte der große Menschenversteher und speziell auch Freund der Frauen (siehe Suzanne oder So long,Marianne) bis zu seinem späten Comeback in den Nullerjahren Jahre als Mönch in einem kalifornischen Kloster.

LeonardCohenVEVO

Zur lebenslangen Suche des mitunter von Depressionen geplagten Künstlers nach Spiritualität und göttlicher Liebe gehörte aber immer auch die körperliche: "Well, there was a time when you let me know / What’s really going on below / But now you never show that to me, do you? / But remember, when I moved in you/ And the holy dove was moving too / And every breath, we drew was Hallelujah." Holla die Waldfee.

Die meisten der oben erwähnten Musiker und Wegbegleiter tauchen nun in Zeitzeugen-Interviews auch in der Dokumentation auf. Dazu kommen historische und aktuellere Kamerafahrten über die Berge von Cohens Notizbüchern, die er vollkritzelte. Allein 170 Strophen beziehungsweise Verse verfasste er angeblich über sieben Jahre lang von 1977 bis 1984 für Hallelujah, bevor das Lied mit sechs Strophen seine endgültige Form fand und trotzdem alles sagt. Von wegen, wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie.

Himmlischer Glaube

Weiters hört man aus dem Off alte Interviews mit Cohen und sieht ihn über die Jahrzehnte live auftreten. Bei seinem allerletzten Auftritt nach dem mit 74 Jahren spät unternommenen Live-Comeback im Jahr 2008 sieht man ihn 2013 im neuseeländischen Auckland voller Demut vor seinem Publikum knien: "I did my best, it wasn’t much / I couldn't feel, so I tried to touch / I’ve told the truth, I didn’t come to fool you / And even though it all went wrong / I’ll stand before the Lord of Song / With nothing on my tongue but Hallelujah."

Leonard Cohen starb 2016 im Alter von 82 Jahren. Schön, dass er für uns da war. (Christian Schachinger, 24.11.2022)