Nach mehr als zwanzig Jahren Schulversuch macht Türkis-Blau nun ernst mit dem Ethikunterricht: Wer in der Oberstufe ohne Bekenntnis ist oder sich vom Religionsunterricht abgemeldet hat, für den gibt es ab dem Schuljahr 2020/21 keine Freistunden mehr, stattdessen ist verpflichtend das moralphilosophische Fach zu belegen.

Lernen unterm Kreuz – und ohne Moral und Werte geht es nicht: Statt Freistunden wird es für Oberstufenschüler ohne Bekenntnis und Religionsverweigerer das verpflichtende Fach Ethik geben.
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Deswegen besuchen Kanzler Sebastian Kurz und sein Vize Heinz-Christian Strache gemeinsam mit Bildungsminister Heinz Faßmann am Dienstagvormittag das Wiener Gymnasium Pichelmayergasse – einer von insgesamt 211 Schulstandorten hierzulande, konkret AHS-Oberstufen und berufsbildende mittlere oder höhere Schulen, an denen versuchsweise schon seit langem Ethik unterrichtet wird.

Rund 1300 Lehrer braucht es bald für jene Schüler, die an keinem konfessionellen Unterricht teilnehmen, österreichweit sind bis dato aber immerhin schon 550 Lehrpersonen auf Ethik spezialisiert. Dazu will Faßmann bei dem Schultermin auch gleich den Ausbau des Fachs für Volksschulen und Unterstufen, also die erste Sekundarstufe, verkünden: Denn ab dem Schuljahr 2021/2022 wird es auch dort zunächst "gezielte Pilotversuche" für religionsabstinente Schüler geben, die sich dann zwei Stunden pro Woche der Ethik widmen sollen. Gemäß Schätzungen des Bildungsministeriums werden die nicht mehr ganz so Neuen Mittelschulen dann etwa 1.100 Lehrer für das Fach benötigen und die AHS-Unterstufen dafür circa 560 Lehrpersonen brauchen.

Im Ressort spricht man jetzt schon "von einem großen Interesse" der Pädagogen. Für die Lehrer ist jedoch erst eine Zusatzausbildung an einer Pädagogischen Hochschule oder Universität notwendig, um Ethik unterrichten zu können – in der Praxis sind das derzeit vor allem Religionslehrer. Rund 48 Millionen Euro lassen Kurz, Faßmann und Co für den Ethikunterricht springen, denn so viel kosten die Lehrkräfte, die gebraucht werden.

Bildungsminister Faßmann geht es im Fach Ethik vor allem um die Vermittlung "von respektvollem Umgang miteinander" – aber auch "globale Perspektiven" wie "nachhaltiges Konsumverhalten, fairer Handel und der Überblick über die Weltreligionen" sollen Eingang finden.
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Der Bildungsminister, der in ersten Interviews zur neuen Agenda der Koalition schon betont hat, dass der Religionsunterricht "durch das Konkordat abgesichert" ist, erklärt im STANDARD-Gespräch, dass es ihm im Fach Ethik vor allem um die Vermittlung "von respektvollem Umgang miteinander" gehe, aber auch "globale Perspektiven" wie "nachhaltiges Konsumverhalten, fairer Handel und der Überblick über die Weltreligionen" sollen Eingang finden.

Hintergrund der Einführung sind die stetig steigenden Zahlen von Schülern ohne Bekenntnis. Betrug ihr Anteil Anfang der Fünfzigerjahre magere vier Prozent, machte ihre Anzahl 2017 bereits 17 Prozent aus. Dazu können sich Angehörige einer Religionsgemeinschaft ebenfalls vom Religionsunterricht abmelden – ab 14 Jahren ist nicht einmal das Einverständnis der Erziehungsberechtigten nötig.

Paul Kimberger, Christgewerkschafter und Vorsitzender der Pflichtschullehrer, begrüßt den verpflichtenden Ethikunterricht für die Religionsverweigerer, "um den Kindern eine gewisse Orientierung in existenziellen Fragen", aber auch Aufklärung "über die Chancen und Risiken" im digitalen Zeitalter zu ermöglichen. Und auch Kimberger will den Religionsunterricht weiter erhalten wissen, denn so könne dieser "staatlich kontrolliert" stattfinden. Nicht aber, wenn sich dieser durch eine Abschaffung "in die Hinterhöfe" verlagere – denn "Fundamentalisten" gäbe es bei allen Glaubensrichtungen.

Bedenklicher Zwang

Bei den Vertretern der Initiative "Religion ist Privatsache", der auch Vertreter der rot-pinken Opposition angehören und die für einen Ethikunterricht für alle Schüler eintritt, stößt die koalitionäre Betriebsamkeit auf wenig Begeisterung. Nicht nur deren Sprecher Eytan Reif, sondern auch Juristen wie Heinz Mayer halten es nämlich für verfassungsrechtlich bedenklich, wenn vom Fach Religion Abgemeldeten bald Ethikunterricht als "Zwangsmaßnahme" droht.

Und auch der Religionspädagoge Anton Bucher von der Universität Salzburg, der für das Bildungsressort schon vor knapp zwei Jahrzehnten die Schulversuche evaluiert hat, plädiert für einen allgemeinen Ethikunterricht schon ab der Volksschule, denn: "In der Oberstufe sind die jungen Menschen schon erzogen und manche auch verzogen." Für Bucher sind die aktuellen Pläne der Regierung daher "eine akzeptable, aber sicher nicht die beste Lösung". (Nina Weißensteiner, 4.3.2019)