Da gehen die Meinungen auseinander. Wenn es darum geht, wozu es Assistenzsysteme im Auto gibt. Die naheliegende Antwort scheint zu sein, dass sie der Erhöhung der Sicherheit dienen sollen. Aber dann könnte man sie ja unter dem Sammelbegriff Sicherheitssysteme zusammenfassen. Ein Sicherheitsgurt wäre so ein Sicherheitssystem. Krücken hingegen sind ein Assistenzsystem. Und manches Assistenzsystem im Auto ist eine Krücke. Es macht die Fortbewegung nicht sicherer, es macht sie beschwerlicher und unter Umständen sogar unsicherer.

Der Jensen FF war der erste Pkw, der mit einem ABS erhältlich war.
Foto: Jensen

Vielleicht dachte man beim Erfinden von selbstlenkenden Spurhalteassistenten daran, dass man einen Fahrer, den im Tunnel der Herzinfarkt erwischt, schnell und sicher aus der Röhre bringen muss, ohne dass er eine ganze Reihe von anderen Verkehrsteilnehmern mit ins Krankenhaus nimmt. Möglicherweise war diese Entwicklung auch nur ein Schritt, den man gehen musste, um irgendwann am Ziel des autonomen Fahrens anzukommen. Was rausgekommen ist, ist aber etwas ganz anderes. Ein Murks. Ein System, das uns dabei unterstützt, länger aufs Mobiltelefon schauen zu können. Das war ja bis zuletzt auch wirklich lästig, dass man alle paar Sekunden den Kopf heben musste, um zu schauen, ob man dem Volldillo vor einem eh nicht in dessen Garage nachfährt.

Raufen am Ruder

Ganz reibungslos funktionieren die Systeme noch nicht alle. Der Hyundai Nexo hat unlängst im Test, einem Bitumenstrich folgend, sich selbst mit einem Selbstbewusstsein in Richtung Straßengraben gelenkt, dass man nicht umherkam, Ähnlichkeiten mit diversen Politikern zu ziehen. Am Anfang der Baustelle auf der A2, kurz vor Wien, akzeptierte das System dafür die roten Baustellenlinien nicht, und wir mussten darum raufen, wer denn nun recht habe. "Lassen Sie das Lenkrad nicht aus", meldete das System, kurz nachdem ich dachte, gewonnen zu haben, und nicht mehr Klimmzüge am Ruder machte, um den anderen Verkehrsteilnehmern auch Fahrspuren freizulassen.

Der Spurhalteassistent im Hyundai Nexo hat sich im Test mehr als nur einmal vertan.
Foto: Guido Gluschitsch

Teslas können das anscheinend einen Fick besser. Ah, Tschuldigung. Einen Tick besser, meinte ich. Die Tatsache, dass unlängst jemand in einem selbstfahrenden Model 3 einen Porno gedreht und veröffentlicht hat, habe ich noch immer nicht ganz verdaut. Ein paar Tage später musste die Polizei in den Niederlanden erst das Folgetonhorn einschalten, weil der – na ja, nennen wir ihn trotzdem Lenker – im selbstfahrenden Tesla, der den Streifenwagen gerade überholt hatte, nicht anders zu wecken war. In Florida starb erst vor kurzem ein 50 Jahre alter Mann, weil sein selbstfahrender Tesla in einen Sattelschlepper krachte. Und trotzdem stellt sich mir eine ganz andere Frage als: Dürfen wir einem solchen System vertrauen? Die Frage, die mich nicht loslässt, ist eine ganz andere.

Lieber Öffi fahren

Warum, zum Teufel, baut jemand Autos, die so todlangweilig sind, dass wir lieber vögeln oder schlafen, statt den Kübel selbst zu lenken? Wenn mir der Whatsapp-Chat wichtiger ist als das Verkehrsgeschehen vor mir, dann bin ich in einem Öffi besser aufgehoben als in einem Auto. Von der Unmenge an positiven Nebenwirkungen, wenn die, die zu faul zum Autofahren sind, in die Öffis steigen, mag ich gar nicht reden. Ein Stau wäre eine kleine Sensation, ökologisch warad gleich ordentlich was gerichtet, und in der Statistik der Unfallzahlen müssten wir uns endlich mit den Nachkommastellen beschäftigen.

Im Herbst 2018 kracht in Utah ein Fahrzeug ins Heck eines Einsatzwagens, weil Zweiterer an der roten Ampel hielt und Ersterer im Autopilot-Modus unterwegs war.
Foto: AP

Aber nein, wir haben ja inzwischen Abstandshalter im Tempomat verbaut, die schon darauf achten, dass man auf der Autobahn dem Vordermann nicht draufkracht, während man seinen Lebensgefährten via Kurztext ausrichtet oder zur Sau macht. Dabei wird der Abstand im Idealfall natürlich auf extrakurz gestellt. Keine Ahnung, warum. Dabei weiß doch jeder, dass zwei Sekunden ein gesunder Abstand sind. Zumindest wenn man auf die Straße schaut. Aber gut, wenn man mit dem Smartphone spielt, statt zu fahren, ist es eh schon wurscht, ob man eine halbe oder fünf Sekunden Abstand hält. Nur für die anderen Verkehrsteilnehmer ist dieser Missbrauch des Abstandhalters unter Umständen nicht so super. Wer ohne den Nervenkitzel, knapp aufzufahren, und ohne Telefon nicht leben kann, der kann sich ja alternativ in den 600er-Bus setzen, der zwischen Wien und Eisenstadt fährt, und sich in eine der vorderen Reihen setzen. Da kann man das mit etwas Glück auch super erleben, da gibt es nämlich ein paar Fahrer, die es mit dem Abstand auch nicht so haben. Aber sie schauen wenigstens auf die Straße.

Anti-Straßengraben-Programm

ESP. Das elektronische Stabilitätsprogramm. Das ist was Gutes, gell? Es erlaubt nicht nur Autobauern, Fahrzeuge auf die Straße zu bringen, die ohne das Klumpert beim dynamischen Durchfahren einer Kurve einfach umfallen würden – nein, es macht auch möglich, dass vollkommen Unfähige einen mehrere hundert PS starken Boliden mit hohem Schwerpunkt halbwegs sicher auf der Straße halten. Klar, das brauch ma, es gibt ja noch zu wenige der protzigen SUVs auf der Straße.

Bei der Vorstellung der vierten Generation der A-Klasse nahm sich Mercedes-Benz einen Elch als Maskottchen.
Foto: Daimler

Aber es wäre jetzt unfair, nicht zu erwähnen, dass ESP, die Antischlupfregelung ASR und das Antiblockiersystem ABS sicher in vielen brenzligen Situationen Unfälle verhindert und so Leben gerettet haben. Wenn man das Graffl dann aber im Winter nicht mehr ausschalten kann und sich der Kübel selber zu Tode regelt, dann könnte man die Kiste mitsamt allen Rechnern anzünden. Zumindest wenn man halbwegs Auto fahren kann. Andernfalls sagt man: "Huch, heut war es so rutschig", und bringt die Kraxn in die Werkstatt, weil beim Bremsen das Pedal geruckelt hat und beim Losfahren nix weitergegangen ist, aber gleichzeitig grausliche Geräusche zu hören waren.

Reifendruckkontrolle

Und da sind wir noch nicht einmal beim dümmsten System, das man sich aus den Daten vom ABS-Sensor zusammenprogrammieren kann, dem Reifendruckkontrollsystem. Denn ja, nur die teuren Autos haben wirklich Sensoren auf den Felgen, die den tatsächlichen Reifendruck messen und diesen dann weiterfunken. Das System ist aber teuer, und darum hat man sich für Brot-und-Butter-Autos was anderes einfallen lassen. Man misst einfach die Umdrehungszahlen der einzelnen Räder und gleicht das mit anderen Daten im Auto, wie etwa dem Lenkeinschlag, ab. Dreht sich dann ein Rad außergewöhnlich wenig oder viel, hat es zu viel oder zu wenig Luft – und die Warnlampe geht an. Jetzt kommt es aber gerade bei rutschigen Belägen immer wieder vor, dass diese Radumlaufzahlen wegen des Schlupfs etwas abweichen und das System anschlägt. Es bittet den Lenker darum, den Reifendruck zu kontrollieren und dann das System zu resetten. Das macht man zwei, drei Mal. Ist da immer alles in Ordnung, löscht man beim vierten Mal gleich die Warnung und pfeift auf die Kontrolle. Oder, auch schon gesehen: Der Tankwart wird gebeten, den Luftdruck zu kontrollieren, weil die Warnung aufleuchtet. Der greift ins Auto, löscht die Warnung und tritt dann im Nachhinein gegen jedes Rad und hebt in Richtung des Fahrers den Daumen.

Es ist wohl auch nicht anders zu erklären, dass zu Ostern, Pfingsten und demnächst, wenn die Sommerurlaube losgehen, immer noch so viele Autos mit Reifenplatzern am Pannenstreifen stehen. Dafür hätten wir die Verpflichtung der Reifendruckkontrolle (bei nach dem 1. November 2014 verkauften Neuwagen) nicht gebraucht.

Euro NCAP crasht seit 1996 Fahrzeuge, um mit der Veröffentlichung der Ergebnisse die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer zu erhöhen.
Foto: Euro-NCAP

Die verpflichtende Einführung diverser Assistenzsysteme ist einer der Gründe, warum wir mit ihnen leben müssen, ob wir wollen oder nicht, und warum man manche auch gar nicht abschalten kann. Ein weiterer Grund ist das eh schon erwähnte Streben nach dem autonom fahrenden Auto. Und dann ist da noch Euro NCAP, das European New Car Assessment Programme – und dass wir uns dessen Sternebewertung unreflektiert ausliefern. Das führte dazu, dass Autohersteller ihre Fahrzeuge punktgenau auf die Testanforderungen der Euro NCAP maßschneidern, um möglichst viele Sternderln zu bekommen. Euro NCAP mag Assistenzsysteme besonders gern und bringt seine Anforderungen auch ständig auf einen neuen Stand. Die Hersteller ziehen brav nach.

Sternderlschauen

Was dabei im schlechtesten Fall passiert, wenn auf ein Messverfahren statt auf Realbedingungen hin optimiert wird, haben wir schon bei den Abgasmessungen gesehen. Ändert sich zum Messverfahren auch nur ein Parameter, kracht etwa der Unfallgegner in einem anderen Winkel ins eigene Auto, kann man sich mit etwas Pech die schönen Sterndln in die Haare schmieren.

Werfen wir einen Blick auf die Sensoren eines selbstfahrenden Audi A7 – ein Konzeptauto, kein Serienfahrzeug natürlich.
Foto: Audi

In die Haare schmieren kann man sich auch die Hoffnung, dass die Regelsysteme im Auto je wieder weniger werden. Im Gegenteil, es wird noch schlimmer. Verbaute SIM-Karten, die im Notfall unseren Standort weiterschicken, werden nicht der letzte Wurf sein. Da werden wir uns noch einmal wundern, was möglich sein wird. Das Einzige, was dem mündigen Autofahrer bleibt, ist, sich seine Verantwortung nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Werfen Sie das Telefon in den Kofferraum und den Blick auf die Straße. Halten Sie Abstand und hupen Sie nicht wegen jedes Drecks – die anderen können es oft schlicht nicht besser. Und erinnern Sie sich, wie man richtig blinkt – das haben wir dank des Komfortblinkers inzwischen auch schon komplett vergessen.

Richtig blinken

"Der Lenker eines Fahrzeuges hat die bevorstehende Änderung der Fahrtrichtung oder den bevorstehenden Wechsel des Fahrstreifens so rechtzeitig anzuzeigen, dass sich andere Straßenbenützer auf den angezeigten Vorgang einstellen können. Er hat die Anzeige zu beenden, wenn er sein Vorhaben ausgeführt hat oder von ihm Abstand nimmt", steht in der StVO. Und das geht sich mit dreimal blinken schon einmal genau gar nicht aus. (Guido Gluschitsch, 4.6.2019)