Der STANDARD fragte Anhänger der FPÖ auf der letzten EU-Wahlkampf-Veranstaltung beim Viktor-Adler-Markt, ob ihr Vertrauen in die Partei nach dem Ibiza-Skandal gelitten hat?
DER STANDARD

Es handelt sich um erprobtes Wahlkampfterrain. Wie üblich hat die FPÖ auch am Freitag zum Wahlfinish ihre Bühne auf dem Viktor-Adler-Platz aufgebaut. Im Herzen von Wien-Favoriten, einem ebenso traditionellen Arbeiter- wie Migrantenbezirk. Und auf den ersten Blick ist alles wie immer: Die John-Otti-Band spielt, es gibt Bier, die Linkswende hat eine Gegendemo angemeldet. Ein paar Hundert FPÖ-Fans sind gekommen.

Aber damit ist es auch schon wieder vorbei mit business as usual. Plakate hatten zwar neben Spitzenkandidat Harald Vilimsky noch "FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache" als Redner versprochen, doch anstatt des inzwischen über Ibiza-Gate gestolperten Ex-Vizekanzlers war dann doch der designierte Parteichef Norbert Hofer als Headliner angesagt.

"Jetzt erst recht!" steht als Leitspruch auf dem Banner, das die Bühne ziert. Es ist nicht das erste Mal, dass die FPÖ diese Parole ausgibt. Als sie kurz nach der Veröffentlichung des kompromittierenden Videomaterials ausgerufen wurde, um die blauen Anhänger zusammenzutrommeln, hagelte es hämische Reaktionen: Ob dieser Spruch, gerade jetzt, wirklich der Ernst der FPÖ sein könne?

Bei den FPÖ-Anhängern, die am Freitag zum EU-Wahlkampfabschluss auf den Viktor-Adler-Markt gekommen sind, zündet der Slogan "Jetzt erst recht". Sie sehen die FPÖ ungerecht behandelt.
Foto: Robert Newald

Ein "richtiger Anschlag"

Wie ernst aber ihre Anhänger es meinen, wird auf dem Viktor-Adler-Platz deutlich. Zumindest jene, die heute den Weg hierher gefunden haben. Schon vier Stunden bevor EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky und anschließend der designierte Parteiobmann Norbert Hofer die Bühne betreten werden, steht Leopoldine ganz vorne.

Ibiza-Gate hat Spuren hinterlassen. Die EU-Wahl ist nur am Rande Thema. Alle reden über die Causa prima. "Es ist ein richtiger Anschlag, der da auf die FPÖ verübt wurde", sagt Leopoldine. Und von den Medien werde alles aufgebauscht. "Wer hat noch nie etwas Blödes geredet, wenn er besoffen war?"

Dass Heinz-Christian Strache ein politisches Comeback feiern wird, daran hegt die 55-Jährige keinen Zweifel. "Er hat viel gemacht für uns", sagt auch ihre Schwester Renate. "Wegen sowas geben wir ihn nicht auf."

Es gab auch einen Überraschungsgast: Ex-Innenminister Herbert Kickl. Er habe "noch viel vorgehabt", sagte er in seiner Rede.
Foto: Robert Newald

Randthema EU-Wahl

Vier Mandate hat die FPÖ derzeit im EU-Parlament, fünf gab Spitzenkandidat Vilimsky ursprünglich als Wahlziel aus. Als Dominik Nepp, designierter Landesparteiobmann der Wiener FPÖ, die Bühne betritt, geht es erstmals um die anstehenden Wahlen – über inhaltliche Umwege: "Das Wien, das wir so lieben, wird nach und nach durch rot-grüne Ausländerpolitik zerstört", sagt Nepp. Wien zu schützen – das gelinge nur mit einer Stimme für Harald Vilimsky.

Nicht bei allen kommt die Message an. "Die kommende Wahl ist wurscht", sagt FPÖ-Wähler Fritz. Wichtig sei, was im Herbst passiere. Bis dahin brauche es Aufklärung darüber, was auf Ibiza ablief, denn: "Am Video sieht man nicht alles, was passiert", sagt der 70-Jährige. Man höre zum Beispiel die Fragen nicht, die gestellt werden. "Also kann ihm alles in den Mund gelegt worden sein."

Gerhard sieht die Angelegenheit ein bisschen weniger gelassen, man merkt ihm an, dass er zumindest ein wenig enttäuscht ist. Er trägt eine rot-weiß-rote Warnweste mit dem Schriftzug "Mehr Österreich. Weniger EU". Jeder müsse für seine Fehler geradestehen, sagt er, auch wenn es sich um eine "Rauschaktion" handle. Das habe Strache auch getan – und jetzt werde Norbert Hofer das Ruder herumreißen.

Von links: Dominik Nepp, Petra Steger, Norbert Hofer, Harald Vilimsky.
Foto: Robert Newald

Hofer attackiert ÖVP

Dieser betritt schließlich die Bühne mit den Worten: "Liebe Freunde. Ich bin wieder da." Er wird wenig über die EU, aber viel über die Causa prima sprechen: "Was wir in den letzten Tagen erlebt haben, war ein Angriff auf unseren Staat von außen." Er attackiert die ÖVP, die "nicht mehr türkis, sondern wieder schwarz" sei. "Kurz muss weg", skandiert das Publikum. Nur wenige sind hier noch gut auf die ÖVP zu sprechen.

Nur kurz macht Hofer einen thematischen Ausflug zur EU: "In Brüssel soll nicht über unsere Zuwanderung entschieden werden." Auch von Spitzenkandidat Vilimsky, den Hofer als "rot-weiß-roten Adler unter Krähen, Spatzen und Papageien in Brüssel" bezeichnet, hört man Ähnliches: "Linke deutsche Zeitungen" würden probieren, diese Wahl zu beeinflussen. Er verspricht die "größte Wählerrückholaktion", die Österreich je gesehen habe.

Gegen das "Establishment"

Viele, die heute gekommen sind, sagen, sie seien nicht überrascht von dem, was passiert ist. Die FPÖ sei "für das Establishment" schlicht zu mächtig geworden, deswegen wurde "zurückgeschlagen". Und zwar mit "kriminellen Methoden". Von Anfang an gab die FPÖ diese Richtung vor: Direkt nach seiner Rücktrittserklärung postete Heinz-Christian Strache auf Facebook: "Wir werden die Hintermänner des kriminell erstellten Videos und Dirty Campaignings ausfindig machen. Ich habe ein reines Gewissen und will volle Aufklärung."

Die These: Die FPÖ ist Opfer, nicht Täter. Das stößt bei den FPÖ-Anhängern auf offene Ohren. Es ist, als ob die politische DNA der Partei reaktiviert worden wäre: Der Kampf des kleinen Mannes gegen die Elite – er hat für die FPÖ-Anhänger von vorne begonnen. (Vanessa Gaigg, Video: Maria von Usslar, 24.5.2019)