Inkonsequente Klimapolitik, steigende Emissionen und Hitzewellen: Manchmal scheint es, als würde das Ziel, die Erwärmung der Erde auf weniger als 1,5 Grad zu beschränken, in immer weitere Ferne rücken. Arnulf Grüber vom Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) macht Mut: Es ist noch nicht zu spät, aber wir müssen uns besser organisieren.

Bei der Energiewende dürfe man sich nicht auf Technologien verlassen, die noch nicht erfunden sind, sagt Grübler. Stattdessen müssten wir Verhaltensweisen und Ideen stärker fördern.
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STANDARD: Herr Grübler, Sie haben 2018 eine Studie veröffentlicht, in der Sie sagen, dass wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen können, ohne unseren Lebensstandard zu senken. Sie sind davon ausgegangen, dass wir bis 2050 doppelt so viele Reisekilometer zurücklegen, mehr Geräte anschaffen und die Nahrungsmittelproduktion um ein Drittel zulegt. Wie soll sich das ausgehen?

Grübler: Der übliche Diskurs lautet: Wir schaffen die Energiewende mit neuen Technologien. Die Leute kaufen weiterhin mehr Autos, aber jeder leistet sich dann einen Tesla. Das kann nicht funktionieren. Wir können aber unsere Organisations- und Konsumprinzipien ändern, ohne auf etwas zu verzichten. Es gibt eine Statistik, die ich in Vorträgen gern verwende: Nur zehn Prozent der Jugendlichen in der Stadt Stockholm haben einen Führerschein. Das heißt nicht, dass sie auf Mobilität verzichten müssen.

STANDARD: Das steht sehr im Gegensatz zur weitverbreiteten Position, dass wir unseren Konsum zügeln müssen.

"Nichts ist überholter als die Energiezukunft von gestern", sagt Arnulf Grübler.
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Grübler: Dieser Diskurs, dass der Übergang zur Klimaneutralität wehtun muss, dass wir uns alle kasteien müssen, ist falsch. Wir müssen uns einfach besser organisieren. Studien haben aufgezeigt, dass wir nur zwischen fünf und zehn Prozent der eingesetzten Energie letztendlich als Dienstleistung nutzen und die größten Verbesserungspotenziale beim Konsumenten liegen. Durch neue Technik und vor allem durch Änderung des Nutzerverhaltens und der Marktorganisation können diese Einsparungspotenziale gehoben werden. Die OECD hat zum Beispiel durchgerechnet, dass wir die gesamte Mobilität in Städten mit nur drei Prozent der Fahrzeuge, die wir jetzt haben, bewältigen können – durch intelligente Shared-Mobility-Konzepte statt Autos, die 23 Stunden am Tag Parkplätze verstellen. Man muss das nur fördern. Wir können heute Gebäude bauen, die keine Energie mehr von außen brauchen. Das sind nicht Demonstrationsobjekte, es gibt weltweit drei Millionen Quadratmeter solcher Gebäude. Auch bei alten Bauten geht das: Das Gebäude der Technischen Universität Wien am Getreidemarkt war einst ein Energiemonster aus den 60er-Jahren, heute produziert es mehr Strom, als es verbraucht. Und das, obwohl da stromfressende Labors drinnen sind.

STANDARD: Angenommen, die nächste Regierung beschließt, Österreich bis, 2050 CO2-neutral zu machen, wie das gerade viele andere Staaten tun. Was müsste passieren?

Grübler: Es muss eine Strategie her, aber gleichzeitig konkrete Gesetze, die diese Strategie umsetzen. Andere schaffen es ja auch. In Kalifornien dürfen Sie Ihr Haus nur dann verkaufen, wenn Sie nachweisen, dass es ein Mindestmaß an Energieeffizienz erfüllt. Und das im Musterland des Kapitalismus! In Wien kann sich hingegen jeder Spekulant sein Dachgeschoß ausbauen, ohne das Gebäude thermisch zu sanieren. Wie kann das sein? Wir müssen Anreize zum umweltfreundlichen Handeln schaffen – negative und positive, regulative und finanzielle. Nur eine Forschungs- und Entwicklungsinitiative zu starten wird nicht funktionieren. Wir haben keine Zeit, um auf neue Technologien zu warten.

"Ein bisschen Landschaft sollten wir ja schon auch übrig lassen" – 100 Prozent erneuerbare Energie sei nur möglich, wenn wir unseren Verbrauch senken.
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STANDARD: Können wir unsere Energie überhaupt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewinnen?

Grübler: Wenn Sie den jetzigen Energieverbrauch eins zu eins substituieren wollen, dann wird sich das wahrscheinlich nicht ausgehen. Ein bisschen Landschaft sollten wir ja schon auch übrig lassen. Es könnte aber funktionieren, wenn wir unsere Energie extrem intelligent nutzen und damit radikal einsparen. Ein Verbrennungsmotor nutzt nur etwa 25 Prozent der Energie, die im Benzin oder Diesel steckt, um das Fahrzeug zu bewegen, der Rest geht als Abwärme in die Luft. Sie verbrauchen also vier Einheiten Energie und bekommen nur eine Einheit Mobilität. Ein Elektroauto hat aber einen Wirkungsgrad von fast 100 Prozent. Wenn Sie erneuerbaren Strom nutzen, gibt es auch keine Abwärmeverluste bei der Stromerzeugung, die diesen Effizienzvorteil zunichtemachen könnte. Das ist in vielen anderen Bereichen auch so. Das muss natürlich auch politisch unterstützt werden.

STANDARD: Viele Österreicher sind ja für Klimaschutz, wollen aber die Windräder nicht in ihrer Umgebung haben. Gegen Wasserkraftwerke wird von jeher protestiert. Wie kann man diese Menschen überzeugen?

Grübler: Das Einzige, was die Leute offenbar in Ordnung finden, sind Photovoltaik-Panels auf den Dächern. Na gut, dann geben wir sie ihnen doch ganz einfach! Wenn die Leute keine Windräder und Staudämme haben wollen, dann machen wir eben eine Aktion für eine Million Solardächer, wie Japan das gemacht hat. Und was die Kraftwerke betrifft: Man darf den Menschen nicht das Windradl vor die Tür knallen, sondern muss ihnen die Kontrolle geben. In Dänemark sind die Windparks in Kooperativen organisiert, in denen die Anrainer Mitglieder sind. Sie entscheiden über den Standort mit und bekommen einen aliquoten Anteil des Erlöses. So haben alle etwas davon.

"Nicht das Windradl vor die Tür knallen": Grübler plädiert für Mitbestimmung bei Energieprojekten.
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STANDARD: Wie viel muss die Politik zur Energiewende beitragen, wie viel wir selbst?

Grübler: Das können Sie nicht voneinander trennen. Aber das Wichtigste, was Sie auf persönlicher Ebene tun können, ist vielleicht gar nicht, auf Fleisch oder das Auto zu verzichten, sondern die richtige Partei zu wählen. Die Politik sind wir alle! Wir sind das in Österreich vielleicht nicht so gewöhnt, aber in Amerika ist es zum Beispiel normal, dass Sie Ihren Kongressabgeordneten kontaktieren und als Privatperson Lobbying betreiben, wenn Ihnen etwas nicht passt.

STANDARD: Was halten Sie vom Vorschlag von ÖVP-Chef Sebastian Kurz, Österreich zur "Wasserstoffnation Nummer eins" zu machen?

Grübler: Nichts ist überholter als die Energiezukunft von gestern. Wasserstoff haben wir schon in den 70ern propagiert, dann in den 80ern, im Jahr 2000 und jetzt kommt’s halt wieder. Ja, Wasserstoff kann man aus nachhaltiger Energie erzeugen, verbrennt nur zu Wasserdampf, und die Brennstoffzellen sind mittlerweile recht fortgeschritten. Das Problem ist nur, dass das eine Technologieumstellung in großem Maßstab wäre. Das ist extrem kapitalintensiv, es würde Jahrzehnte dauern. Diese Zeit haben wir nicht mehr, wir müssen bis 2050 auf null Emissionen sein. Ja, es gibt Nischenmärkte – Binnenschifffahrt, so wie das in Norwegen ausprobiert wird, Stahlindustrie oder Flugzeuge. Aber ich glaube nicht, dass Österreich da Innovationsführer sein kann. Das ist reine Symbolpolitik. (Philip Pramer, 8.7.2019)