Rosemarie Felder-Puig weiß über den Gesundheitszustand von Schülerinnen und Schülern Bescheid.

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In "normalen" Zeiten, wenn gerade keine Übergangsregierung am Werk ist, sitzt Rosemarie Felder-Puig bei der Präsentation der Österreich-Ergebnisse der größten europäischen Kinder- und Jugendgesundheitsstudie gemeinsam mit der jeweiligen Sozialministerin oder dem Sozialminister auf einem Podium und gibt eine Pressekonferenz vor Journalisten. Diesmal war alles anders. Die Wissenschafterin kam in die STANDARD-Redaktion und gab ein Privatissimum über die wichtigsten Entwicklungen.

STANDARD: Auf dem "Beipackzettel" der Jugendgesundheitsstudie steht: Es gibt mehr positive als negative Entwicklungen. Wo gab es einen besonders positiven Verlauf?

Felder-Puig: Der Lebensstil der Jugendlichen hat sich insgesamt verbessert. Früher ist Österreich im internationalen Vergleich durch eine extrem hohe Rate an Zigarettenraucherinnen und -rauchern und durch Alkoholkonsum ab 15 Jahren aufgefallen. Da waren wir 2014 erstmals nicht mehr am negativen Ende des Rankings, und diese Zahlen sind 2018 noch weiter gesunken. Es konsumieren aber immer noch rund 30 Prozent aller Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren mindestens einmal pro Woche Alkohol. Die gehen am Wochenende fort und trinken. Das ist noch immer relativ viel.

Whatsapp bekommen? Neun Prozent der Teenager greifen zu oft zum Handy.
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STANDARD: Jugendliche rauchen also weniger Zigaretten. Und andere Substanzen?

Felder-Puig: Der Cannabiskonsum ist gestiegen – vor allem bei den Burschen. Warum gerade bei ihnen, müssen wir noch genauer untersuchen. Grundsätzlich ist der Anstieg wohl damit zu erklären, dass Cannabis heute einfach leichter zu bekommen ist. Außerdem wird Kiffen nicht mehr so stark kriminalisiert.

STANDARD: Wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf?

Felder-Puig: Der Gewichtsstatus ist ein Riesenproblem, allerdings kein rein österreichisches. Die Zahl übergewichtiger Kinder ist hierzulande leicht steigend – die Studie spricht von 17 Prozent. Tatsächlich dürfte die Zahl aber deutlich höher sein, eher bei 20 oder 22 Prozent – eine Diskrepanz, die sich aus der Erhebungsmethode ergibt, die auf Selbstauskunft beruht. Andere Studien zeigen: Rund 30 Prozent der acht- bis neunjährigen Kinder sind übergewichtig.

STANDARD: Wie ist das erklärbar? Gleichzeitig zeigt die Studie doch, dass Kinder mehr Gemüse und weniger Süßigkeiten essen und ausreichend Sport betreiben.

Felder-Puig: Sie essen einfach zu viel. Es nützt nichts: Wenn ich den ganzen Tag vor mich hin esse, ist meine Energiezufuhr zu groß – selbst wenn ich zwischendurch fünf Äpfel esse.

STANDARD: Wo kann man hier politisch ansetzen?

Felder-Puig: In Österreich gibt es zu wenig Programme für Kinder, die bereits in der Volksschule dick sind. Die müsste man intensiv begleiten – samt ihren Familien. Das ist aber wahnsinnig schwierig. Die WHO sieht Übergewicht und Adipositas als Epidemie und hat als Ziel nicht einmal die Reduktion der Übergewichtsraten ausgegeben, sondern nur deren Stabilisierung. Ein Ziel, das auch Österreich anstrebt.

Sie essen einfach zu viel. Wenn ich den ganzen Tag vor mich hin esse, ist meine Energiezufuhr zu groß.
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STANDARD: Wie soll das gelingen?

Felder-Puig: Es braucht wieder mehr Elternbildung, auch wenn das streng klingt. Es ist ja nicht so, dass das nur die bildungsfernen Schichten bräuchten. Es gibt auch Akademiker, die keine Ahnung davon haben, wie man ein Kind erzieht.

STANDARD: Nach dem Prinzip der Freiwilligkeit?

Felder-Puig: Ja, aber das Problem ist, dass gerade diejenigen, die so ein Bildungsangebot besonders bräuchten, nicht kommen. Man müsste das vielleicht an Geldleistungen koppeln.

STANDARD: Übergewicht schlägt sich auch im Selbstbild nieder: Nur die Hälfte der Befragten findet ihren Körper in Ordnung, wie er ist. Gibt es hier Unterschiede zwischen Mädchen und Burschen?

Felder-Puig: Eigentlich müssten ja alle Normalgewichtigen ein positives Körperselbstbild haben. Es ist aber nicht so. Burschen fühlen sich eher zu dünn, Mädchen zu dick. Ein Mitgrund: Die Vorbilder auf Instagram sind immer alle viel toller als man selbst. Hier gilt es, Druck wegzunehmen.

STANDARD: Das klingt so einfach. Wie macht man das?

Felder-Puig: Jugendliche brauchen Anleitung zur Reflexion. Sie müssen erst lernen, dass ihr Selbstbild oft total divergiert vom Fremdbild, besonders in der Pubertät. Daran kann man arbeiten.

STANDARD: Ebenfalls erhoben wurde, wie intensiv Kinder und Jugendliche ihr Handy nutzen – nämlich nicht zum Telefonieren.

Felder-Puig: Die Nutzung ist immer häufig. Es gibt ja kein Kind mehr ohne Handy. Uns hat die problematische Nutzung interessiert, die so genannte Social-Media-Disorder.

"Es geht um eine Art Kontrollverlust. In Österreich sind neun Prozent der Jugendlichen betroffen – das ist nicht wenig bei über einer Million Schülerinnen und Schüler."

STANDARD: Was ist mit Social-Media-Disorder genau gemeint?

Felder-Puig: Dabei geht es nicht darum, wie viele Stunden jemand am Handy hängt, sondern um die Frage, ob man suchtartige Abhängigkeitstendenzen entwickelt. Noch handelt es sich nicht um ein offizielles Krankheitsbild, aber es geht um eine problematische oder auffällige Nutzung sozialer Medien. Abgefragt wird etwa: Schaue ich ständig, ob ich eine Whatsapp bekommen habe? Fühle ich mich schlecht, wenn ich eine Zeitlang nicht in sozialen Medien aktiv sein kann? Es geht um eine Art Kontrollverlust. In Österreich sind neun Prozent der Jugendlichen betroffen – das ist nicht wenig bei über einer Million Schülerinnen und Schülern.

STANDARD: Wer ist die Risikogruppe?

Felder-Puig: Jugendliche, die aktiv sind, viel Sport betreiben, sind viel weniger anfällig. Teenager, die sozial nicht so gut integriert sind, die wenige Freunde haben, die ihre Instagram-Vorbilder besonders ernst nehmen oder die Angst haben ausgegrenzt zu werden, können sich dem schlecht widersetzen. Mädchen sind stärker betroffen als Burschen. Besonders Pubertierende sind gefährdet. Und bei sozial Schlechtergestellten fehlt oft jedes Bewusstsein für problematische Handynutzung.

STANDARD: Was mache ich, wenn mein Kind betroffen ist?

Felder-Puig: Detox ist die Devise. Außerdem ist das Aufstellen von Familienregeln wichtig. Aber auch beim Thema Neue Medien brauchen Eltern wirklich Hilfe.

STANDARD: Immer mehr Teenager fühlen sich durch die Schule belastet. Ist das normal, oder läuft da etwas falsch?

Felder-Puig: Die Anforderungen sind sicher größer geworden. Ich würde aber nicht den Schulen die Schuld dafür geben. Wir haben ja alles Mögliche eingeführt: BildungsStandards, Zentralmatura. Mit der Matura kann man auch nicht mehr automatisch studieren. Dieser Druck, der auf den Jugendlichen lastet, manifestiert sich vor allem in der Sekundarstufe zwei.

STANDARD: Interessant ist der Rückgang bei Mobbingfällen. Wenn man sich die Diskussionen punkto Schulen der vergangenen Wochen in Erinnerung ruft, konnte man einen anderen Eindruck gewinnen.

Felder-Puig: Dass die Zahl der Mobbingfälle zurückgegangen ist, erklären wir uns damit, dass die Schulen unglaublich viel für ein besseres Schulklima machen. Auch beim Cybermobbing sind die Zahlen relativ gering. Die Täter sind häufiger Burschen als Mädchen. Das Problem ist: Ein einziger Cybermobbingfall kann unglaublich drastische Folgen haben (Karin Riss, 12.7.2019)