Die Europäische Union sollte ihre Beziehungen zu Afrika überdenken, fordert Wirtschaftsforscher Karl Aiginger im Gastkommentar.

· Europa hat Afrika in den letzten 50 Jahren ignoriert. Die Ursachen waren vielfältig, von politischen Konflikten über geringes Wachstum bis zu Aids und Epidemien. Die Globalisierung hat in allen Entwicklungsländern die Armut reduziert, nur nicht in Afrika. Wir haben vergessen, dass zumindest Nordafrika näher bei Wien liegt als Madrid oder Lissabon und dass die alten Griechen und Italiener das Mittelmeer als "unser Meer" bezeichnet haben.

· Jetzt ist Afrika erwacht. Wo immer es Frieden gibt, liegt das Wachstum bei sieben Prozent. Eine selbstbewusste Afrikanische Union hat mit "Afrika 2063" eine Strategie entwickelt, die für eine neue EU-Politik ein Vorbild sein könnte, mit Nachhaltigkeit, sozialem Ausgleich, stärkerer Beteiligung von Frauen an Entscheidungen. Im Juli wurde ein kontinentales Freihandelsabkommen unterzeichnet, das 54 von 55 Staaten zur Freihandelszone für mehr als eine Milliarde Menschen macht. Bisher waren nur 17 Prozent der Exporte in andere afrikanische Länder gegangen, in Europa bleiben 70 Prozent auf dem Kontinent.

Das neue AfCFTA-Abkommen soll den Handel auf dem afrikanischen Kontinent – der weltgrößten Freihandelszone – ankurbeln.
Foto: REUTERS/Siphiwe Sibeko

· China ist schon in Afrika. Es ist willkommener als Europa, weil es massiv investiert und kein Ende von Diktaturen und Korruption verlangt. Es "predigt" nicht wie die alten Kolonialherren und ihre Missionare. China ist auf den eigenen Vorteil bedacht, es will Ressourcen und Absatzgebiete für Waren, die es sonst nicht verkaufen könnte. Die Natur spielt keine Rolle, Arbeiter kommen aus China, Straßen werden nicht für den Transport in Afrika, sondern nur zur Küste gebaut. Die Zielländer verschulden sich, wie auch schon auf dem Westbalkan. Wenn ein Land Taiwan anerkennt, endet die Investition.

· Europa braucht seine Nachbarn mindestens so dringend wie diese Europa brauchen. Ohne Nachbarn ist es trotz Nullzinsen und hoher Verschuldung ein Wachstumszwerg, dessen Wirtschaftsleistung von Indien und Südafrika übertroffen wird. Mit den Nachbarn verdreifacht sich das Wachstum auf vier bis fünf Prozent pro Jahr. Europa inklusive Nachbarn im Osten und Süden bliebe damit bis 2050 – gleichauf mit China – der größte Wirtschaftsraum. Es hätte 28 Prozent der Weltwirtschaftsleistung, doppelt so viel wie die USA. Die Prognosen für die heutige EU im Jahr 2050 belaufen sich auf weniger als zehn Prozent.

· Eine Völkerwanderung kann nur durch eine neue Politik in Afrika und gegenüber Afrika vermieden werden. Die Bevölkerung in Afrika steigt von 1,2 Milliarden auf zwei im Jahr 2050 und dann auf vier Milliarden bis 2100. 40 Prozent der Afrikaner sind heute unter 15 Jahre alt. Europa altert, und die Bevölkerung sinkt von 500 auf 450 Millionen. Die Gruppe der Jugendlichen im Alter von 20 bis 30 sinkt um ein Viertel, in Ländern in Ost- und Südeuropa, die besonders wenig mit Afrika zu tun haben wollen, um die Hälfte. Da nützt kein Appell, mehr Kinder zu gebären. Und die "Festung Europa" kann nicht durch Militär geschützt werden, sondern nur durch Wachstum von sieben bis zehn Prozent in Afrika.

· Europa hätte einen doppelten Grund für ein Engagement, es schadet Afrika aber mehr, als es hilft. Der Eigennutz gebietet zu investieren, um den Einfluss Chinas in unserer Nachbarschaft zu begrenzen. Wir haben historische Verantwortung, haben Afrika mit dem Lineal geteilt und mit Rosenkranz und Kreuz missioniert. Die heutige Entwicklungshilfe ist eigennützig, sie dient dazu, Märkte zu schaffen. Die Subventionen für die europäische Landwirtschaft stören die Agrarwirtschaft in Afrika, die Waffenexporte verlängern Kriege, die Fluchtgelder der Diktatoren werden in europäischen Banken versteckt. Handelsverträge ermöglichen Exporte Afrikas aber nur in der Saison, in der es in Europa kein Obst gibt.

· Afrika braucht Technologien, darf aber die europäischen Technologien nicht einfach übernehmen. Wenn zwei Milliarden Menschen so produzieren, wohnen und essen wie Europa, dann sind die Klimaziele nie zu erreichen, die Wüstenbildung schreitet fort. Afrika kann auch nicht die China-Strategie übernehmen, da die Löhne mit Ausnahme von Äthiopien zu hoch sind für Billigproduktion, da wird immer Bangladesch gewinnen. Afrika muss die Technologien adaptieren – am besten mit der Hilfe Europas. Und auch Europa kann hierbei noch lernen, besonders Griechenland und Süditalien, auch wie man Abfälle vermeidet oder entsorgt.

· Die Stärken Europas liegen in der Bildung, besonders in der praktischen Ausbildung, dem Lehrlingssystem und den Fachhochschulen. Die Digitalisierung kann für Gesundheit und Schulen besonders wertvoll sein, wenn Entfernungen zu groß sind. Finanzierungshilfen und "Marshallpläne" sind notwendig, aber nicht top down, sondern unter Mitwirkung der Zivilbevölkerung. Es könnte eine internationale Organisation geschaffen werden, mit afrikanischen Experten, wie die OEEC nach dem Zweiten Weltkrieg, Expats sollten helfen, Flüchtlingslager in Sonderwirtschaftszonen zu verwandeln, wie es in China das Erfolgsrezept war.

· Wir Österreicher sollten uns mehr mit den NGOs und der African Community vernetzen, das sind geschätzt mehr als 10.000 Personen in Wien. Eine neue Entwicklungszusammenarbeit muss partnerschaftlich sein und auf allen Ebenen wirken. Das hilft auch gegen primitiven Rechtspopulismus. In der neuen EU-Kommission sollte es einen Kommissar für Afrika geben, im Europäischen Parlament einen Ausschuss für Nachbarschaftspolitik, in Wien Straßenfeste, bei denen wir mit Afrikanern gemeinsam feiern.

· Afrika ist Europas Nachbar und eine Wachstumschance für das wenig dynamische Europa. Es hat eine junge Bevölkerung, braucht Dynamik, Technologien und Partner. China ist bereit, eine Führungsrolle zu übernehmen, es verfolgt aber seine Interessen und ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Eine europäische Wirtschaft, die trotz Verschuldung und Nullzinspolitik nur um ein bis zwei Prozent wächst, ist kein Zukunftsmodell. Eine Bevölkerung, deren Jugend um ein Viertel schrumpft und in Ost- und Südeuropa sogar um die Hälfte, begünstigt Populismus und den Verfall von Dörfern und Schulen.

Europa hat Vorteile: Es hat das bessere, langfristige Modell für wohlhabende Regionen verglichen mit den USA und mit China. Es liegt näher an Afrika, hat Beziehungen zu vielen Ländern, Expats leben in Europa, die vermitteln könnten. Mit den Worten von Adams Bodomo, einem Professor an der Universität Wien: Lasst uns Afrika einladen, statt des chinesischen Drachentanzes den Wiener Walzer zu tanzen! (Karl Aiginger, 17.7.2019)