Online-Therapie ist für Jugendliche attraktiver und näher an ihrer Lebenswirklichkeit.

Foto: getty

Die Hemmschwelle ist hoch: Schließlich ist da die Scham, es endlich den Eltern beichten zu müssen. Und wo überhaupt Hilfe finden? Wenn Jugendliche sich mit Klingen, Messern oder Feuerzeugen selbst verletzen, um einen inneren Druck abzubauen, wissen sie oft nicht weiter. Abhilfe will Paul Plener schaffen.

In einem Forschungsprojekt stellt er eine Online-Psychotherapie für Jugendliche mit selbstverletzendem Verhalten auf die Probe. "Diese Jugendlichen nehmen die Hürden für eine Inanspruchnahme von Hilfe als relativ hoch wahr", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater an der Medizinischen Universität Wien. "Sie wissen nicht, wohin sie sich wenden können. Und viele von ihnen haben das Gefühl, dass sie ihre Probleme ihren Eltern erzählen müssen, wenn sie eine Psychotherapie beginnen wollen."

Mit der Onlinetherapie wollen die Forscher um Paul Plener niedrigschwelliger ansetzen, aber auch in ein Medium wechseln, das für Jugendliche attraktiver und näher an ihrer Lebenswirklichkeit ist.

Virtuelle Couch

Ob nun bei selbstverletzendem Verhalten, Depressionen oder Angststörungen: Es gibt für Menschen mit psychischen Störungen zunehmend mehr Möglichkeiten, sich auf eine virtuelle Therapiecouch zu legen. Paul Plener und seine Kollegen greifen für ihre Onlinetherapie auf ein evidenzbasiertes Programm zurück, das auf eine Änderung des Verhaltens abzielt.

Es gibt verschiedene Module, bei denen Jugendliche zum einen selbstständig Aufgaben bearbeiten und diese im Alltag erproben sollen: etwa Aufgaben dazu, wie sie ihre Emotionen regulieren können. Zusätzlich können sie innerhalb des Programms Termine buchen für einen Chat oder für Telefonate mit einem Psychotherapeuten. Im Rahmen ihrer Studie prüfen Plener und seine Kollegen, ob sich dieses verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Programm in eine wirksame Online-Version übertragen lässt.

Erwiesenermaßen sinnvoll

"Es gibt aber bereits Studien und Metaanalysen zu anderen Störungen bei Jugendlichen, etwa Depressionen und Angststörungen, die eine Wirksamkeit von Onlinetherapie gezeigt haben", sagt Plener. Überhaupt seien die Onlinetherapien von der Stärke ihrer Wirkung her nicht schlechter als die herkömmlichen Therapien. Das zeigt auch ein Überblicksartikel von 2018 in der Fachzeitschrift Psychotherapeut, den Anton-Rupert Laireiter von der Universität Salzburg verfasst hat.

"Bei Spielsucht, Depressionen, Angststörungen oder sozialen Phobien bietet sich die Onlinetherapie an", sagt der klinische Psychologe. "Sofern die Internettherapie per Chat oder Mail von einem Therapeuten begleitet wird, zeigen kontrollierte Studien ähnlich hohe Effekte wie die normale Therapie mit persönlichem Kontakt." So hat beispielsweise eine Studie aus Schweden einer therapeutisch begleiteten Onlinetherapie von pathologischen Spielern eine hohe Wirksamkeit bescheinigt.

Bindung zum Computer

Man sollte nun eigentlich denken, dass der Austausch mit einer Software eine ziemlich unpersönliche Angelegenheit ist. Doch weit gefehlt! Patienten können eine Bindung zum Computer oder zu dem verwendeten Programm als anonymem "Therapeuten" aufbauen, über den sie sich beispielsweise auch ärgern können.

Eine solche Bindung hilft ihnen, ausreichend lange am Ball zu bleiben. "Die therapeutische Allianz scheint ähnlich hoch zu sein wie bei der Therapie von Angesicht zu Angesicht", sagt Anton-Rupert Laireiter. "Sie verstärkt sich dabei noch, wenn ein echter Mensch die Therapie per Chat oder Mail begleitet."

Und dieser menschliche Input hat durchaus auch weitere positive Folgen. "Generell ist nämlich die Abbruchrate bei reiner Onlinetherapie sehr hoch", so Laireiter. "Sie sinkt allerdings, wenn die Internettherapie von einem Therapeuten digital flankiert wird."

Einsatz bei moderaten Störungen

Doch unter welchen Bedingungen und für welche Patienten macht eine Internettherapie überhaupt Sinn? Die Onlinetherapie, die Paul Plener im Rahmen seines Forschungsprojekts Jugendlichen mit selbstverletzendem Verhalten anbietet, richtet sich an Betroffene, die nicht unter einem hohen Suizidrisiko leiden.

"Denn im Falle eines solchen Risikos sollte die diagnostische Einschätzung und Betreuung persönlich erfolgen", betont Plener. Ganz allgemein gilt: "Eine digitale Therapie bietet sich vor allem dann an, wenn die Störungen nur mild bis moderat ausgeprägt und noch nicht chronisch geworden sind", sagt Christiane Eichenberg, Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Schließlich dauere eine reine Onlinetherapie manchmal auch oft nur vier bis zwölf Wochen.

Selbstkontrolle gefragt

"Es macht umgekehrt keinen Sinn, schwere psychische Störungen wie eine Borderline-Störung oder eine komplexe Traumatisierung ausschließlich online behandeln zu wollen." Das hat auch damit zu tun, dass der Patient ein gewisses Maß an Selbstkontrolle mitbringen muss. Denn er muss sich regelmäßig an den Computer setzen und an den Übungen teilnehmen.

Für schwere akute Beeinträchtigungen wie im Fall von bipolaren Störungen ist die virtuelle Therapie daher nicht geeignet, weil diese Patienten nicht über genügend Selbstkontrolle verfügen. Christiane Eichenberg macht noch weitere Einschränkungen: "Sicherlich sollte man auch keinem Patienten eine Onlinetherapie empfehlen, wenn er sich von seiner Persönlichkeit oder der Biografie her an die Technik abgeschoben fühlt, vielleicht weil er schon als Kind immer vor den Fernseher gesetzt wurde." Und eine Onlinetherapie solle auch nicht einfach nur ein Ersatz sein dafür, dass kein regulärer Therapieplatz zur Verfügung stehe.

Hürden in der Praxis

Auch wenn die Forschungsergebnisse zur Wirkung von Online-Psychotherapie vielversprechend sind, gilt es in der Praxis noch so manche Hürde zu nehmen. Es gebe viele ungeklärte Fragen, wie etwa die Frage der Verantwortlichkeit bei reinen Onlinetherapien, sagt Paul Plener.

Die meisten Online-Therapieformen werden daher nur im Rahmen von Forschungsprojekten angeboten, hier sind schließlich immer Verantwortliche benannt. "Es gibt nichtsdestotrotz viele Onlineangebote, die auch eine empirische Wirksamkeit haben", so Plener.

Anton-Rupert Laireiter warnt hingegen: Zahlreiche Angebote aus dem elektronischen Gesundheitsbereich wie Apps seien nicht wissenschaftlich validiert. "Sie werden von Informatikern und nicht von Experten gebaut." Hier müsse es in Zukunft mehr Kontrolle vonseiten des Staats oder der Krankenkassen geben.

Nicht erlaubt

Und es gibt noch eine andere schwerwiegende Einschränkung: "Momentan ist in Österreich die Online-Psychotherapie nicht erlaubt", erklärt Laireiter. Es existiere zwar kein Gesetz wie das Fernbehandlungsverbot in Deutschland. "Es gibt aber über den Psychotherapiebeirat eine Internetrichtlinie. Ihr zufolge ist eine längere Behandlung über Internet und Telekommunikation zwar nicht verboten, aber sie gilt nur als Beratung und nicht als Psychotherapie."

In Deutschland tut sich mittlerweile etwas. So haben einige Bundesländer das Fernbehandlungsverbot aufgehoben. "Vor solchen Entwicklungen sollte sich Österreich nicht verschließen." (Christian Wolf, CURE, 9.9.2019)