Jeder Westernheld braucht einen Stuntman, um sich das Herz auszuschütten: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt in "Once Upon a Time ... in Hollywood".

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Roman Polanski und Sharon Tate, den nach Hollywood übersiedelten Filmemacher und seine junge Frau, sieht man zunächst nur beim Vorbeifahren. Wie ein Windstoß rauschen sie im Cabrio dahin. Ein Bild für den Glamour, vielleicht auch für das kurzlebige Glück jener Umbruchphase im US-Kino, in der einige Jahre lang selbst europäische "auteurs" freizügig mit Budgets ausgestattet wurden.

1968 hatte Polanskis Rosemaries Baby seine triumphale Premiere erlebt. Im Sommer 1969 wurde die hochschwangere Tate in ihrem Haus am Cielo Drive von Charles Mansons Bande grausam ermordet. Eine Tat, deren Datum – so ein berühmtes Diktum von Joan Didion – das Ende der 1960er-Jahre markierte.

In Quentin Tarantinos Once Upon a Time ... in Hollywood bildet das Schicksal von Tate so etwas wie den zeitkulturellen Horizont, vor dem der filmbesessene Regisseur seine eigene – natürlich auf 35-mm-Film gedrehte – Parallelgeschichte zu jener Zeit ersinnt. Nur wer weiß, dass der Frau in Stiefeln und Minirock bald ihre Zukunft gestohlen wird, kann jene ausladende Szene richtig wertschätzen, in der er sie beim Shoppen und dann ins Kino begleitet.

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Sharon Tate (Margot Robbie) besucht The Wrecking Crew, einen ihrer eigenen, weniger bekannten Filme, wo sie an der Seite Dean Martins spielte. Im Saal nimmt sie die Füße hoch (einer der Signature-Shots von Tarantino), genießt ihre Leinwand-Persona und die Freude des Publikums daran. Tate ist It-Girl und Prinzessin dieses Märchens, ein Wesen mit reinem Herzen. Ihre Unschuldsaura entfaltet sich erst im Wissen um ihre Sterblichkeit. Die Melancholie dieser Szenen, der unterschwellig romantische Gestus des Films – beides hätte man von Tarantino nicht unbedingt erwartet.

Eines seiner erinnerungswürdigsten Pärchen

Once Upon a Time ... in Hollywood interessiert sich allerdings nur am Rande für die Aushängeschilder dieser Ära – sein eigentlicher Fokus liegt auf zwei Handwerkern des Films, die ein paar Stufen darunter wirken. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ist der Nachbar der Polanskis am Cielo Drive, ein TV-Routinier und Held der Westernserie Bounty Law, dessen Karriere ins Stocken geraten ist. Sein Stuntman, Fahrer und Kumpel Cliff Booth (Brad Pitt) steht ihm zum Glück auch dann zur Seite, wenn ihm zum Heulen zumute ist. Mit dem lose von Burt Reynolds und seinem Stuntman Hal Needham inspirierten Duo hat Tarantino eines seiner erinnerungswürdigsten Leinwandpärchen ersonnen. Schon immer war es seine Spezialität, die Ränder der Traumfabrik mit großer Geste zu würdigen: Nun ist diese Form des Vintage-Releases erstmals direkt im Filmgeschäft angesiedelt – und vielleicht deshalb nostalgischer denn je geraten.

Die Ironie des Films besteht freilich darin, dass Tarantino das Duo mit zwei der markantesten Hollywoodstars der Gegenwart besetzt hat. DiCaprio liefert mit seiner Figur ein gültiges Bild für jemanden, der immer dann, wenn er die Höchstleistung erbringen will, an Muskelschwäche laboriert. Pitt hingegen steht in einer seiner besten Rolle seiner Laufbahn immer ein kleines Stück neben sich selbst. Mit großer Lässigkeit verkörpert er einen modernen Ritter, der seine etwas angestaubte Moral in eine Zeit gerettet hat, in der sich alles in Ambiguitäten auflöst.

Tarantino liebt lange, ausgedehnte Situationen, präzise exekutierte Set-Pieces wie sein großes Vorbild Sergio Leone. Man geht in Szenen wie die von Daltons hindernisreichem Westerndreh hinein und vermag am Ende die Verzweiflung dieses Mannes zu erfassen, wenn ihm das Lob einer Kinderdarstellerin die Tränen in die Augen treibt.

Hippies als Hinterwäldler

In Once Upon a Time ... in Hollywood gibt es nur eine Handvoll solcher Situationen, die sich in klug verschachtelten Montagen innerhalb weniger Tage vollziehen. Die Widersprüchlichkeiten der Ära erfasst Tarantino intuitiv, weil bei ihm das Kino der Referenzpunkt für die Wirklichkeit bleibt – und nicht umgekehrt. Eine der Schlüsselszene spielt auf einem ausgedienten Filmset, der Spahn Movie Ranch, wo Mansons "Family" ihre Bleibe gefunden hat. Sie wirkt wie eine Ouvertüre zu einem Horrorfilm, in der die Hippies plötzlich wie eine Horde hinterwäldlerischer Wilder wirken.

Booth wird die junge Pussycat (Margaret Qualley) dorthin chauffieren und dann ein Exempel statuieren. Die weit größere – und umstrittenere – Geste hält sich Tarantino für das Ende auf, in der er das Kino als messianische Urkraft gegen die Zurichtung der Zeit einsetzt. Ab sofort darf man gespannt sein, welche Vision er sich für seinen zehnten, angeblich letzten Film aufhebt. (Dominik Kamalzadeh, 14.8.2019)