Jessye Norman ist im Alter von 74 Jahren verstorben.

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Auf jenen zahlreichen Einspielungen, die von Jessye Norman vorliegen, ist der Zaubermix aus kultivierter Kraft und Feingefühl letztlich nicht zureichend abzubilden gewesen. Es war – auch in der längst verflossenen Hochphase der Tonträgerindustrie – unumgänglich, Normans Kunst unmittelbar zu erleben. Nur so war eine genuine Ahnung davon zu erlangen, in welchen Regionen souveränen Ausdrucks sich die Norman – in ihrer Glanzzeit – bewegte. Sie agierte schlicht außerhalb obligater Kategorien, wirkte wie ein eigener Kosmos. Normans dunkler Sopran, der die Grenzen dieses Stimmfaches mühelos sprengte, erschuf mit sicherer Technik quasi eine eigene ästhetische Welt.

Hochsensibles Naturereignis

Die Ausdrucksvielfalt zog sich durch alle Aspekte: In luftiger Höhe – bei anspruchsvollen romantischen Kantilenen – entfaltete sie die samtige Pracht ihres Timbres auch im Dramatischen. Gleichzeitig wirkte ihr Pianissimo delikat und tragfähig bis in die hintersten Regionen eines Konzertsaals. Norman, 1945 in Augusta (US-Bundesstaat Georgia) als eines von fünf Kindern geboren, war gewissermaßen ein hochsensibles und mitunter kapriziöses Urereignis.

Ihre Karriere, die mit Studien an der Howard-Universität in Washington, später am Peabody-Konservatorium und an der Universität von Michigan vorbereitet wurde, begann in Deutschland: 1968 gewann sie den Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Danach debütierte sie an der Deutschen Oper Berlin als Elisabeth in Richard Wagners Tannhäuser, wo man ihr sogleich einen Fixvertrag anbot, den sie letztlich auch annahm.

Jessye Norman war für ihre Interpretationen von Opern Richard Wagners bekannt
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Mit Abbado und Muti

Ihre Qualitäten konnten jedoch nicht lokal gebunden bleiben. Norman wurde ein internationaler Star, der auch mit Dirigenten wie Claudio Abbado und Riccardo Muti Triumphe feierte. Hierzulande bleibt sie durch imposante Liederabende im Musikverein und durch Auftritte bei den Salzburger Festspielen in Erinnerung. 1987 war sie etwa unter Herbert von Karajan mit Isoldes Liebestod zu hören; 1995 erlebte man sie in Robert Wilsons Deutung von Arnold Schönbergs Monodram Erwartung. Norman entwickelte sich jedoch langsam von der Opernbühne weg Richtung Liedfach. Wagners Wesendonck-Lieder, Miniaturen von Richard Strauss, Gustav Mahler oder auch französisches Repertoire wurden zu Dokumenten ihrer Könnerschaft.

Unendlich scheinenden vokale Möglichkeiten

Norman war mitunter nicht frei von interpretatorischen Manierismen. Letztlich aber frappierten die unendlich scheinenden vokalen Möglichkeiten.

Den Gipfel der globalen Popularität erklomm sie wohl 1989: In eine üppige Robe in Trikolore-Farben gehüllt, tauchte Norman auf der Pariser Bühne an der Place de la Concorde auf und sang vor einem globalen TV-Publikum die Marseillaise. Es war der 14. Juli 1989, man feierte das 200-Jahr-Jubiläum der Französischen Revolution. Jessye Norman ist am Montag 74-jährig an den Folgen von Komplikationen nach einer Rückenmarksverletzung gestorben. (Ljubiša Tošić, 1.10.2019)