Eine bemerkenswerte Beichte hat dieser Tage Andrea Eckert abgelegt. Die Schauspielerin, die am Wiener Volkstheater zum Star wurde und aktuell in den "Vorstadtweibern" zu sehen ist, hat in der Late-Night-Show "Willkommen Österreich" ihren Gastgebern Stermann und Grissemann gestanden, dass sie mit ihrem Rad über Kreuzungen fährt, auch wenn die Ampel rot ist. Und das nicht nur versehentlich, sondern immer wieder. Und sie steht auch noch zu dieser Missetat. Da sich Andrea Eckert bester Gesundheit erfreut, ist anzunehmen, dass sie nicht ohne zu schauen in "rote Kreuzungen" einfährt.

Vielmehr entscheidet sie sich für eine Option, die progressive Verkehrsplanerinnen und -planer in immer mehr Ländern fordern und die in etlichen Städten bereits im Gesetz verankert ist: Eckert macht einen Idaho-Stopp, statt die grüne Ampelphase abzuwarten.

Der sogenannte Idaho-Stopp erlaubt es Radlerinnen und Radlern, eine rote Ampel als Stoppschild zu betrachten, vor dem man kurz anhält. An einem Stoppschild jedoch reicht es, einfach nur Vorrang zu geben, ohne definitiv anzuhalten.

Der Blick auf das Kapitol von Idaho in der Hauptstadt Boise. Die Besiedlung ist dünn, aber die Boulevards sind breit.
Foto: Getty Images/Vishwanath Bhat

Im US-Bundesstaat Idaho ist das gelebter Alltag seit 1982, ermöglicht durch den Gesetzesartikel 49-720 der Idaho Statutes. Zugegeben: Idaho, im Nordwesten der USA gelegen, ist dünn besiedelt. Doch auch europäische Großstädte zeigen, dass diese Verkehrsorganisation funktioniert.

Der Grund ist, dass Menschen auf dem Rad allein schon aus eigenem Sicherheitsbedürfnis Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmern vermeiden.

Für den Radverkehr selbst bedeutet diese Neuinterpretation der Straßenverkehrsordnung eine enorme Erleichterung. Sinnloses Warten an freien Kreuzungen lässt sich so vermeiden. Zügiges Vorwärtskommen wird gefördert, indem die zum Teil mühsam aufgebaute kinetische Energie nicht ungenutzt verpufft. Abbiegende Radfahrerinnen und Radfahrer und Menschen zu Fuß kommen sich auf dem Schutzweg nicht mehr in die Quere, weil eben schon bei Rot abgebogen werden darf.

Auch in Berlin wollen Radler bei Rot weiterfahren.
Foto: APA/dpa/Jörg Carstensen

Doch ist das "Missachten" roter Ampeln nicht extrem gefährlich?

Nein, der Idaho-Stop macht das Radfahren sicherer, indem der Fokus auf das Gewähren des Vorranges gelenkt wird. Darauf achten, was die anderen Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer machen, bestimmt nun das Verhalten. Dadurch, dass es möglich wird, vor den Autoverkehr zu gelangen, wird man auf dem Fahrrad auch besser wahrgenommen. Und nicht zuletzt lösen sich dank Idaho-Stopps viele Verkehrssünderinnen und -sünder in Luft auf. Ab jetzt könnte die Polizei echte Schutzfunktion übernehmen. Denn es werden Kapazitäten für die Strafverfolgung von rücksichtslosen Verkehrsrowdys frei– gerade auch von denen auf dem Fahrrad.

Und noch ein gewichtiges Argument gibt es: dass nämlich in allen Städten, in denen der Idaho-Stopp bereits Gesetz ist, sich die Unfallzahlen nicht erhöht haben.

Warum sollen rote Ampeln für Fahrräder nicht gelten, für Autos aber schon?

Für Radfahrende ist es nicht schwierig, die Rechts-vor-links-Regel zu beachten, auch ohne vollständig anzuhalten. Radfahrende bewegen sich langsamer als Autos, hören stereoskopisch und haben ein uneingeschränktes Sichtfeld: Keine seitlichen Türen und keine Beifahrer stören es. Außerdem können sie schneller manövrieren und präziser auf Situationen reagieren und dabei den Menschen zu Fuß den Vorrang überlassen.

Radfahrende schieben keine meterlange Motorhaube vor sich her, die um einiges früher in die Kreuzung kommt als der Blick der Lenkerinnen und Lenker. Sie sind also mit ihrer Nase fast unmittelbar an der Fahrzeugspitze und haben dadurch früher einen besseren Überblick über eine Kreuzung. Deshalb brauchen sie keine unspezifische Verkehrsregelung durch Ampeln.

Auch in Zukunft werden Radfahrende an stark befahrenen Kreuzungen und in unübersichtlichen Situationen Ampeln zu schätzen wissen.
Foto: Copenhagenize_Press_Photos

An unübersichtlichen Kreuzungen werden aber alle, die mit dem Rad unterwegs sind, dankbar sein, sich an Ampeln orientieren zu können. Es wird also nach wie vor relevante Ampeln für den Radverkehr geben.

Für jede geregelte Kreuzung gilt grundsätzlich, dass niemand gezwungen ist, in diese auf dem Rad bei Rot einzufahren, wenn er oder sie sich dabei nicht sicher fühlt. Defensives Verhalten, stehen bleiben, lieber zweimal schauen sind ja nicht verboten, im Gegenteil. Vor allem Kinder sind langsam an die Möglichkeit eines Idaho-Stopps heranzuführen.

Insofern sind Sicherheitsbedenken gegen den Idaho-Stopp substanzlos.

Dem Argument, dass Sonderrechte für Radfahrende deren Verhalten weniger vorhersehbar machen und so eine Gefährdung darstellen, insbesondere wenn anderen Verkehrsteilnehmern die Gesetzeslage nicht bekannt sei, lässt sich die wichtigste Grundlage der Straßenverkehrsordnung, der Vertrauensgrundsatz, entgegenhalten. Er besagt Folgendes: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme; dessen ungeachtet darf jeder Straßenbenützer vertrauen, dass andere Personen die für die Benützung der Straße maßgeblichen Rechtsvorschriften befolgen (...)". Und jenem darin auch angesprochenen, zwar seltenen, aber nach wie vor nicht vorhersehbaren Verhalten von Menschen – vor allem Kindern – und anderen Lebewesen müssen wir alle unser Fahrverhalten anpassen. (Reinhilde Becker, 3.10.2019)