Als sich Schwedens bekannteste Schülerin vor einem Jahr nicht ins Klassenzimmer, sondern vors Parlament setzte, löste sie eine riesige globale Protestbewegung aus. Millionen Menschen folgen mittlerweile Greta Thunberg und ihrer Fridays-for-Future-Bewegung (FFF). Vorwiegend Schüler nehmen an den Streiks teil, Studenten sieht man eher weniger. Auch wenn Fridays for Future von Studierenden nach Österreich geholt wurde, findet studentische Solidarisierung mit den Protesten nur zögerlich statt.

Das ist erstaunlich, waren es in der Vergangenheit doch oft Studierende, die Proteste angestoßen haben. Blickt man in Europa in der Geschichte studentischer Proteste zurück, kommt man um die 68er-Bewegung nicht herum. In Österreich waren die Proteste aber von wenig Erfolg gekrönt: Anders als in den USA, Frankreich oder Italien erhielten sie kaum Unterstützung aus der Bevölkerung, der Historiker Fritz Keller bezeichnete sie gar als "heiße Viertelstunde". Erst in den 1970er- und 1980er- Jahren kam es zu nachhaltigen Reformen an den Unis.

Die 68er-Proteste prägen heute immer noch die Diskussionen über studentische Proteste, findet Frank Welz. Der Soziologe forscht an der Uni Innsbruck zu Sozialstrukturen und kulturellem Wandel. Und ihnen "verdanken wir, dass Politik auch außerhalb der Parteien stattfinden kann". Doch warum engagieren sich Studierende heute scheinbar seltener? Sind sie politikverdrossener als vor zehn Jahren, als die Unis "brannten"? Oder hindert sie gar die Hochschule daran?

Verschulte Lehrpläne, Nebenjobs und Leistungsdruck an den Unis hindern Studierende daran, ihre Fäuste zum Protest zu erheben.
Foto: AP/Rebecca Blackwell

Studierende erzählen im Gespräch mit dem UNISTANDARD, was sie von den Klimademos abhält. Am häufigsten wird zu wenig Zeit aufgrund von Nebenjobs genannt. Immerhin arbeiten laut der Studierendensozialerhebung von 2015 61 Prozent aller Studierenden. Doch Interesse besteht durchaus: "Ich würde definitiv an den FFF-Demos teilnehmen, wenn ich nicht immer freitags arbeiten müsste", antwortet ein 27-jähriger Jusstudent. Und eine 24-jährige Soziologiestudentin aus Innsbruck sagt: "Neben dem Master arbeite ich 20 Stunden die Woche. Dazu kommen Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht – da bleibt kaum Zeit und Energie."

Politisches Interesse

Es liegt wohl nicht an der Politikverdrossenheit, wie es die Entwicklung der Beteiligung an den Wahlen zur Österreichischen Hochschüler_innenschaft in den vergangenen Jahrzehnten vermuten lassen. Über Jahre sank mehrheitlich die Beteiligung, bei den letzten Wahlen im Mai 2019 stieg sie ein wenig. Nur knapp ein Viertel der Studierenden wählten damals ihre Vertretung. Hingegen schritt bei der Nationalratswahl im September mehr als jeder Zweite der 16- bis 29-Jährigen an die Urne.

Als unpolitisch würde Soziologe Welz die Studierenden nicht bezeichnen: "#UniBrennt und die Klimademos belegen, dass auch die heutige Generation ein politisches Interesse entwickelt." Aber: "Alle Generationen handeln unter ihren jeweiligen Bedingungen." Denn hinzu kommt, dass sich die Studierenden durch die Umstellung auf das Bologna-System in einem meist straff getakteten, verschulten Uni-Alltag wiederfinden und wenig Zeit abseits des Studiums haben. Das Bachelor-Master-System führte vor zehn Jahren zu Protesten. Heute führt es dazu, dass gerade im Bachelor die vielen Pflichtkurse "kaum mehr Vertiefung und die Entwicklung eigener Interessen erlauben", sagt Welz.

Akademische Kampfmaschinen

Wer zu sehr vom Curriculum abweicht und zu langsam studiert oder zu wenige ECTS-Punkte sammelt, muss Studiengebühren zahlen oder bekommt keine Studienbeihilfe mehr. Der Leistungsdruck steigt: "Wenn man ständig hört, man solle schneller studieren oder endlich ein Praktikum oder Auslandssemester machen, lernt man, sich als Ich-AG zu verstehen", sagt Welz. Das sei "eine Art akademische Kampfmaschine, die für den Fight im Berufsleben aufgebaut wird und das obendrein noch ganz normal findet".

Das zeigt sich auch im Uni-Alltag: Viele wählen ihre Kurse nach Termin und Schwierigkeitsgrad statt nach Inhalt. Und diskutiert wird vielerorts nur selten – außer über den Prüfungsstoff. Die Ursache liegt für Welz auch darin, dass sich die Unis vermehrt auf die Produktion von Skills fokussierten als auf den eigentlichen Kern: die Persönlichkeitsbildung der Studierenden. Es brauche wieder Raum für Entfaltung, meint er. (Alexander Stahl, 12.10.2019)