Zur "Nacht der Kaiser" versammeln sich in Bad Ischl Jahr für Jahr backenbartaffine Kaiserpaardoubles: Vom k. u. k. Klischee will das Salzkammergut als EU-Kulturhauptstadt aber eher wegkommen.

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Kaisermesse in Bad Ischl anno 2019.

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"Wir sind Kaiser", heißt es in Bad Ischl schon lange, jetzt aber ist man auch noch europäische Kulturhauptstadt: Nach Graz (2003) und Linz (2009) darf sich im Jahr 2024 die 14.000-Einwohner-Gemeinde inklusive der gesamten Region Salzkammergut mit dem Titel schmücken. Der einstige Sommerfrischeort der k. u. k. Hautevolee, wo vom Kaiserpaar Franz und Sisi über Nestroy, Grillparzer oder Lehár abwärts alles, was im Wasserkopf Wien Rang und Namen hatte, seine Großstadtleiden kurierte, wird sich die europäischen Würden mit Tartu (Estland) und dem norwegischen Bodø teilen.

Durchgesetzt hatte sich Bad Ischl in einem mehrstufigen Bewerbungsprozess, der 2016 begann, gegen ursprünglich 17 Bewerberstädte. In die Endauswahl schafften es neben den Siegern noch das Projekt "Dornbirn plus" sowie St. Pölten. Letztere Stadt galt von Anfang an als Favorit, durfte sie sich doch frühzeitig des politischen und finanziellen Rückhalts der auch im Bund mächtigen Landesregierung erfreuen: Siegesgewiss hatte Niederösterreichs VP-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner noch vor Bekanntgabe der Entscheidung am Dienstagvormittag eine Pressekonferenz angesetzt. Umso ausgelassener jubelten die in Tracht im Bundeskanzleramt erschienenen Älpler, als die Wahl doch auf das zwischen Oberösterreich und der Steiermark geteilte Salzkammergut fiel.

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Die Entscheidung traf eine zwölfköpfige europäische Jury (inklusive zweier Vertreter aus Österreich) nach tagelangen Hearings und Besuchen in den Bewerberregionen. Im Gegensatz zu den Niederösterreichern musste sich Bad Ischl die Unterstützung des oberösterreichischen Landeshauptmanns Thomas Stelzer (ÖVP), der bis heute wenig begeistert scheint, erst mühsam erarbeiten. In letzter Sekunde quasi gab der auf Budgetdisziplin pochende Landeschef doch seinen Segen. Dass die Jury sich von all dem nicht beeinflussen ließ und letztlich einem Außenseiter den Zuschlag gab, spricht für die Unabhängigkeit des Bewerbungsverfahrens und vor allem für das Konzept der Oberösterreicher. Wie sieht dieses nun aus?

Ökozeitgeist, Hypertourismus

Keineswegs so klischeebehaftet wie das Bild, das Touristen aus dem In- und Ausland von Bad Ischl haben. Man hätte die Jury auch nicht überzeugt, wenn man über die Kaiservilla hinaus keine Ideen hätte. Unter dem Projekttitel "Salz.Wasser" verweist man – durchaus dem aktuellen Ökozeitgeist entsprechend – auf die trotz intensiver Salzbewirtschaftung bewahrte Naturlandschaft. Und man gesteht ein, dass man vom einseitigen "(Hyper-)Tourismus", wie es im Konzept heißt, tunlichst wegkommen will. Gelingen soll dies nicht durch weniger, sondern mehr Kulturangebot, sprich: eine Öffnung und Verbreiterung hin zu zeitkritischer Kunst.

"Von einer klischeegeladenen Tourismusregion entwickeln wir das Salzkammergut zu einer Kulturregion, die für Innovation, Mut und die Lust, aktiv die eigene Zukunft neu zu gestalten, steht", heißt es im Konzept. Ob das gelingen kann oder ob die gesteigerte Aufmerksamkeit die Tourismuskapazität der Region nicht erst recht überstrapaziert, wird sich weisen. Fakt ist: Bad Ischl befürchtet, zu einem "touristischen Disneyland", wie man über sich selbst sagt, zu verkommen, während die gesamte Region unter der Abwanderung junger Leute leide.

30 Millionen Budget

Ausgehend vom Gedanken "Kultur ist unser neues Salz" erhofft man sich wirtschaftliche Impulse, die dem schwindenden Salzabbau nachhaltigere Entwicklungsmöglichkeiten entgegensetzen. Museen und Kulturinitiativen in der ganzen Region sollen gestärkt, mitunter neu aus dem Boden gestampft werden – stets darauf bedacht, Tradition mit Innovation zu verknüpfen. Der Bad Ischler SP-Bürgermeister Hannes Heide, der die Kulturhauptstadtbewerbung stark vorangetrieben hat, hat das Konzept langfristig gedacht in eine "Strategie 2030" gegossen.

Als Budget werden 30 Millionen Euro genannt, die zwischen dem Bund, den Gemeinden, den Ländern Oberösterreich und Steiermark gedrittelt werden. Die EU schießt einen vergleichsweise symbolischen Betrag von 1,5 Millionen zu. (Stefan Weiss, 12.11.2019)