Aretha Franklin bei ihrem legendären Konzert in Los Angeles 1972, das Sydney Pollack verfilmte.

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Alan Elliott hat das insgesamt 20-stündige "Amazing Grace"-Filmmaterial 2007 erworben.

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"Sing, girl!", ruft eine junge Frau Aretha Franklin in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles zu, als diese What a Friend We Have in Jesus singt. Die Zuhörerin ist sichtlich begeistert, hält ein Mikrofon hoch, wippt und klatscht mit. Als sie merkt, dass sie gefilmt wird, lacht sie in die Kamera, lacht uns allen zu.

Für den Produzenten Alan Elliott ist dies ein Schlüsselmoment von Amazing Grace, jenem Musikfilm, den er 47 Jahre nach dessen Entstehung doch noch in die Kinos bringen kann: "Wenn diese Frau lacht, fühlen wir uns inmitten des Raums. Wir sind keine Voyeure mehr, sondern wirklich ein Mitglied der Gemeinschaft und können Spaß mit diesen Leuten haben", so Elliott im STANDARD-Gespräch.

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Von dem Filmmaterial erfuhr Elliott vor zwölf Jahren von seinem Mentor, dem legendären Musikproduzenten Jerry Wexler. Dieser hat Meilensteinalben von Ray Charles und Aretha Franklin produziert. Eines davon war der Live-Mitschnitt Amazing Grace, für den Franklin, längst gefeierte „Queen of Soul“, im Jänner 1972 zu ihren Gospelwurzeln zurückkehrte.

Die mit Reverend James Cleveland, dem Southern California Community Choir und einer formidablen Band an zwei Abenden aufgenommene Doppel-LP ist das meisterverkaufte Gospel-Live-Album überhaupt. Und es markiert einen künstlerischen Höhepunkt in Franklins Karriere: "Es war ein perfekter Moment für sie, eine Rückkehr ganz zu sich selbst, ohne jegliche Gimmicks. Sie zeigte dem Chor, der Band, ihrem Vater und den Rolling Stones im Publikum, wie großartig sie ist."

Bild-Ton-Schere

Franklin hegte darüber hinaus laut Elliott noch andere Hoffnungen: "Ich denke, sie wollte wirklich ein Filmstar werden, ähnlich manch einer ihrer Kolleginnen." Immerhin war die Sängerin Diana Ross im selben Jahr für ihre Darstellung von Billie Holiday in The Lady Sings the Blues für einen Oscar nominiert worden. Genährt und ungewollt vereitelt wurden Franklins Hoffnungen von Regisseur Sydney Pollack, der von Warner Bros. engagiert wurde, um die Amazing Grace-Auftritte mitzufilmen.

Zwar hatte Pollack für das Filmdrama Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss (1969) eine Oscar-Nominierung eingeheimst. Im Dokumentarfilmbereich war er jedoch unerfahren. Weil keine Filmklappe verwendet wurde, konnten Bild und Ton nicht synchronisiert werden. Dies gelang nun erst Elliott mithilfe digitaler Technologie, als er das 20-stündige Material 2007 erwarb: „Die Performances waren unglaublich, die Audioaufnahmen voller Energie.“

Veröffentlichung verboten

Warum aber verbat Franklin dennoch die Veröffentlichung des Filmmaterials? Noch dazu, wo sie erklärt hatte, dass sie den Film liebe? Elliott: „Ich konnte es nicht herausfinden.“ Der Produzent, der ein gutes Verhältnis zu Franklins Familie pflegt, hat aber plausible Thesen parat: „Als ich zu dem Projekt kam, war der Film für sie zu einer schmerzlichen Erinnerung geworden, dass sich ihre Fantasie, ein Filmstar zu werden, nicht erfüllt hatte.“ Für Franklin, die in den letzten Jahren ihres Lebens an Krebs litt, mochten die lange zurückliegenden Filmbilder eine ungewollte Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit mit sich bringen, vermutet Elliott: „Aretha Franklin hat nicht über ihre Sterblichkeit gesprochen, auch nicht mit ihrer Familie.“

Etwas verschwiegen hatte auch der 2008 verstorbene Regisseur Sydney Pollack: "Er erzählte mir nie von den Synchronisationsproblemen, gab stattdessen Franklin die Schuld." Während das Amazing Grace-Filmprojekt auf Eis gelegt wurde, ergatterte eine andere Sängerin, Barbra Streisand, ein Jahr später für ihre Rolle in Pollacks Film The Way We Were (1973) eine Oscar-Nominierung.

Meditative Qualität

Pollack hat die Vollendung von Amazing Grace nicht mehr erlebt. Seinen Rat, Interviews in den Film einzufügen, schlug Elliott aus: „Wir wollten nicht mit 'talking heads' schwindeln, um zu erfahren, wer die Leute im Film sind. Wir sind ganz einfach mit ihnen im Raum.“ Elliott ist ein erklärter Bewunderer des für sein Bob-Dylan-Porträt Dont Look Back berühmten Direct-Cinema-Pioniers D. A. Pennebaker und von dessen "unsichtbarer Art, Filme zu machen".

Die Struktur von Amazing Grace ergab sich für Elliott aus der Dramaturgie der Black Church: "Es ging mir darum, diese Erfahrung zu vermitteln, die mit ihren emotionalen Momenten sehr ähnlich jener der DJ-Kultur und der Broadway-Shows ist." Der Film rückt Aretha Franklin als charismatischer Gospel-Performerin nicht nur deshalb so nahe, weil wir mit ihr im Raum bleiben, sondern auch weil er sich und uns Zeit lässt: "Die langen Schnitte erlauben dem Zuschauer eine Erkundung der eigenen Gedanken ebenso wie die des Geschehens auf der Leinwand." In diesem Sinne habe der Film eine sehr meditative Qualität an sich, so Elliott: "Er ist jedes Mal anders, wenn man ihn sieht." (Karl Gedlicka, 27.11.2019)