Liebster Bezirk: Wie sich die Vorlieben der Wiener verändert haben

Was heute hui ist, war früher pfui – etwa der zweite, sechste oder siebte Bezirk. Stadtentwicklungsprojekte werten eine Gegend auf

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Die Gegend um den Rochusmarkt war früher nicht sehr begehrt, heute werden dort Immobilien zu sehr hohen Preisen verkauft.

Foto: Christian Fischer

Dass der sechste und der siebte Wiener Gemeindebezirk einst unbeliebte Wohngegenden waren, kann man sich im Jahr 2019 kaum vorstellen. "Heute wollen vor allem die ganz Jungen dort leben, es gibt eine frische, grüne Szene", sagt Christian Reischel, Geschäftsführer des gleichnamigen Immobilienunternehmens. Er weiß auch, dass das in den frühen 1990er-Jahren noch ganz anders war: "Die Gegend hat unter dem Bau der U3 gelitten, damals wollte man nicht dort wohnen."

Ganz ähnlich erging es dem zweiten Bezirk – Reischel erinnert sich: "Ich bin im dritten Bezirk groß geworden, damals war der zweite ein No-Go. Heute ist das eine hippe Gegend, in der viele wohnen wollen." Apropos: Auch der dritte Bezirk sei nicht überall begehrt gewesen. "Man hat wissen müssen, wo es gut ist", so Reischel. Etwa das Botschafterviertel sei schon immer top gewesen. Viele andere Gegenden hätten aber erst in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. "Grätzel wie Erdberg – wo heute viel gebaut wird –, St. Marx, Schlachthausgasse – da war früher nichts", so der Immoexperte weiter. Bestes Beispiel ist wohl der Rochusmarkt, um den herum erst in der jüngeren Vergangenheit sehr hohe Preise erzielt werden können.

Berühmte Trendsetter

Und was macht eine Gegend attraktiv? Reischel erinnert sich an Gerüchte, wonach einige berühmte Menschen, darunter Kabarettisten, in den dritten Bezirk gezogen sind – "das wertet auf". Und natürlich machen Stadtentwicklung und Bauprojekte Regionen begehrt – so wie es aktuell dem zehnten Bezirk durch das Sonnwendviertel geht. "Das wird sich auch in den nächsten Jahren noch weiter ausprägen, obwohl der Zehnte wie auch der Fünfzehnte immer noch ein schlechtes Image haben und viele dort nicht wohnen wollen", so Reischel.

Zunehmend unattraktiv wird übrigens der erste Bezirk. "Es ist fast unreal, dort noch etwas kaufen zu können", sagt Georg Spiegelfeld vom gleichnamigen Immobilienunternehmen. Es sei einfach zu laut geworden, "das hält kein Mensch mehr aus", so Spiegelfeld. Und Reischel spricht von einem "trockenen Venedig".

Ein paar Dauerbrenner unter den Bezirken gibt es aber: Der 13., 18., 19. sowie im 17. Bezirk die Grünlagen waren und sind immer schon begehrt, so Reischel. Wobei Spiegelfeld beobachtet hat: Früher war es egal, wo eine Wohnung war, auch wenn sie direkt am Gürtel lag, solange die Zahl 19. am Straßenschild stand. Heute komme es viel mehr auf die Umgebung an.

Neue Ansprüche

Und was zählt noch? Sicherheit spiele laut Spiegelfeld, der Immobilien im höherpreisigen Segment vermittelt, eine immer größere Rolle, ebenso ein Zugang zu den Öffis, der Blick ins Grüne und die Ruhelage. Reischel hat beobachtet: Früher habe den Menschen ein nahegelegener Park oder eine Grünfläche ausgereicht, die Natur war draußen. Heute gebe es höhere Ansprüche, etwa einen Blick ins Grüne oder den Wunsch nach einer Freifläche.

Und was hat sich noch verändert? Dachböden, die trotz Schrägen eine Zeitlang sehr begehrt waren, sind es heute nicht mehr – "da sind die Leute viel zurückhaltender geworden", sagt Spiegelfeld.

Und auch die Art der Immobiliensuche hat sich stark verändert, so Reischel: "Früher sind die Leute zum Makler gekommen, wollten 300.000 Euro anlegen und haben sich die Immobilie nicht einmal angesehen. Das ist heute ganz anders." (Bernadette Redl, 5.12.2019)

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