Aschenputtel, Schneewittchen oder Frau Holle: In Märchen ist die Stiefmutter immer böse. Der "Aschenputtel-Effekt" wurde von neuesten Forschungen aber schon wiederlegt: Eltern behandeln ihre Stiefkinder nicht zwangsläufig schlechter.
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Frage:

Vor drei Jahren haben mein Ex-Mann und ich uns scheiden lassen. Seither verbringen unsere Kinder (acht und sieben Jahre) jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater. Sie verstehen sich sehr gut – auch zwischen uns Ex-Partnern gibt es keinerlei Groll. Nun hat mein Ex-Mann seit einem Jahr eine neue Freundin, die zwei Kinder in den gemeinsamen Haushalt mitgebracht hat. Meine Kinder erzählen immer wieder, dass die Stiefmutter ungerecht ist und die eigenen Kinder bevorzugt. Gut, weiter nicht schlimm, sind eben nicht ihre eigenen, und das ist schwer. Als die Kinder gestern zurückgekommen sind, haben sie mir aber etwas erzählt, das mich ein wenig schockierte: Sie soll dem jüngeren Kind "zur Strafe" das Kuscheltier weggenommen haben. Der Grund: Mein Kind soll angeblich Streit mit ihrem Kind angefangen haben und war dann frech zu ihr. Dazu muss man wissen, dass mein Sohn gerade sehr an seinem Teddy hängt und ihn überall mitschleppt. Mein Ex-Mann hat dann versucht, mit ihr zu reden, um das Kuscheltier wiederzubekommen, aber sie meinte: "Nein, nur so lernt er seine Lektion." Er hat dann auf sie gehört. Nach einer Stunde hat sie es ihm dann wiedergegeben. Natürlich war mein Sohn total fertig deswegen und hat jetzt Angst, dass sie das wieder machen könnte.

Ich würde solche Erziehungsmethoden niemals akzeptieren – schon gar nicht bei einem Stiefelternteil. Die Frage ist nun: Soll ich mich einmischen? Soll ich mit meinem Mann reden oder direkt mit ihr? Ist das mein Recht?

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Scheidungen bieten vielfältige Gelegenheiten, um Konflikte und Machtkämpfe zwischen den sich Trennenden über die Kinder auszutragen. Kinder leiden darunter. Insofern ist es zu begrüßen, dass es Ihnen und Ihrem Ex-Mann offenbar gelingt, weitgehend konfliktfrei für Ihre Kinder da zu sein. Auf dieser guten gemeinsamen Basis sollten Sie an erster Stelle das Gespräch mit Ihrem Ex-Mann suchen, um die Erziehung Ihrer Söhne weiter miteinander abzustimmen. Wenn Sie sich da einig sind, dann sollte sich Ihr Ex-Mann anschließend hierzu mit seiner Lebensgefährtin abstimmen.

Grundsätzlich ist es am einfachsten für Kinder, wenn in jedem Haushalt klar erkennbare und faire Regeln gelten. In dem einen Haushalt, bei Ihnen zu Hause, gelten dann Ihre, in dem Haushalt des Ex-Mannes und seiner Freundin deren gemeinsame Regeln. Unterschiede eingeschlossen. Wenn allerdings die Freundin ihre eigenen Kinder besser behandelt als Ihre Kinder, ist das ungerecht. Dann sollte Ihr Ex-Mann Position für seine Kinder beziehen.

Leider sind solche Situationen oft sehr verwirrend, weil die Wahrnehmungen der Beteiligten nicht selten drastisch voneinander abweichen. Schließlich kommen häufig uneingestandene Emotionen ins Spiel. Und genau das sollten Sie Ihren Kindern erklären, genauso wie den Umstand, dass solche uneingestandenen Gefühle im Kern nichts mit den Kindern zu tun haben. Begreifen sie das, ist es am Ende des Tages zwar gemein, wenn das Kuscheltier eine Stunde weggenommen wurde, doch kein wirkliches Drama. Schließlich besitzt ein Siebenjähriger bereits eine gesunde Objektkonstanz, also eine Vorstellung davon, dass er das Kuscheltier nach einer gewissen Zeit zurückbekommen wird. Und so war es ja auch. (Hans-Otto Thomashoff, 17.1.2020)

Antwort von Linda Syllaba

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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Sie sind ein freier Mensch und können natürlich direkt mit der neuen Partnerin Ihres Ex-Mannes reden. Die Kunst wird sein, dieses Gespräch konstruktiv zu halten. Hier geht es um die Integrität Ihres Kindes, die verletzt wird. Kinder können diese nur eingeschränkt selbst wahren, also müssen Sie als Eltern schützend eingreifen. Dass Ihr Ex-Mann in einen Loyalitätskonflikt zwischen seinem Kind und seiner neuen Partnerin gerät, scheint zusätzlich problematisch zu sein – denn es wäre natürlich an ihm, der in der Situation anwesend ist, einzugreifen und standzuhalten. Deshalb würde ich auch mit dem Vater der Kinder sprechen.

Bedenken Sie: Sie waren nicht dabei und können sich nur an dem orientieren, was überliefert wird, und das ist schon mal heikel.

Die Aktion, ein Kind durch Entzug seines geliebten Kuscheltiers, das ihm Trost spendet, zu strafen, lässt große Ohnmacht vermuten. Bestimmt ist die Patchwork-Situation nicht immer einfach, für alle Beteiligten, sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder. Kinder haben immer einen Grund, wenn sie aggressiv oder frech werden. Es wäre also hilfreicher und langfristig im Sinne der Familie, alle Familienmitglieder ernst zu nehmen, zu klären, was wirklich los war und wie das Problem an der Wurzel gelöst werden kann.

Strafen tun weh, ob körperlich oder psychisch, es wird Schaden angerichtet. Auch wenn Erwachsene denken, nur so (über Machtausübung und Angst) etwas "bewirken" zu können, übersehen sie oft den Preis, den sie dafür zahlen: Letztendlich verlieren sie den Respekt voreinander und die Nähe zueinander.

Es geht also in so einem Gespräch darum klarzustellen, dass niemand dem Kind wehtun darf, selbst wenn es insgesamt drunter und drüber geht. Und das ohne Vorwurf, denn sonst haben Sie gleich den nächsten Konflikt!

Wenn hier keine Klärung eintritt, wird es immer wieder solche Vorfälle geben, und die Kinder werden über kurz oder lang nicht mehr zu ihrem Vater gehen wollen. Und das wäre wirklich schade.

Deshalb empfehle ich Ihnen, sich externe Hilfe zum Beispiel in einer Elternberatung oder Mediation zu holen, falls die eigenen Bemühungen nicht fruchten sollten. (Linda Syllaba, 17.1.2020)