Mit einer Klobrille um den Hals nahm der Forscher David Hu 2015 stolz seinen ersten Ig-Nobelpreis entgegen. "Man muss die Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, damit sie zuhören", sagt er.
Foto: Reuters / Gretchen Ertl

Nicht alle Wissenschafter, die den Ig-Nobelpreis erhalten, passen so gut zu diesem Forschungspreis wie "Doktor Hu". Die Auszeichnung wird für skurrile Themen und Ergebnisse vergeben; die Verleihungszeremonie mit ihren Papierfliegern und absurd designten Trophäen steht sinnbildlich für Selbstironie und Humor in der Forschung. Manche Autoren der hier ausgezeichneten Arbeiten nehmen den Preis eher schüchtern an, man könnte immerhin vermuten, ihre Ergebnisse hätten nur eingeschränkten Wert für die Gesellschaft. David Hu, mit seiner Kollegin Patricia Yang zweimaliger Preisträger in der Rubrik Physik, nahm die Auszeichnung 2015 mit einer Klobrille um den Hals an. Dieses Jahr trug er eine würfelförmige Kostümierung, die Wombat-Kot nachempfunden ist.

Für seine angeblich fragwürdige Forschung musste sich Hu bereits verantworten. Ein US-Senator präsentierte eine Bestenliste an wissenschaftlichen Erkenntnissen, für die Steuergelder "verschwendet" wurden. Unter diesen Top 20 fanden sich gleich drei Arbeiten von Hu, unter anderem jene, die darlegt, dass die meisten Säugetiere durchschnittlich 21 Sekunden lang pinkeln.

Hu, Professor für Strömungsmechanik am Georgia Institute of Technology, entschied, öffentlich darauf zu reagieren. Er erklärte, dass die Frage nach der Nützlichkeit von Forschung zwar berechtigt sei, man aber Wissenschaftern die Freiheit zustehen müsse, ihrem Bauchgefühl nachzugehen – auch wenn die eine oder andere Idee seltsam anmuten mag.

Bei einem TEDx-Vortrag verteidigte David Hu die Nützlichkeit seiner Forschung. Video: TEDx
TEDx Talks

Goldstandard des Urinierens

"Nur weil etwas albern klingt, bedeutet das nicht, dass es auch albern ist", sagt Hu. Sein Pinkelpaper könnte zu einem medizinischen GoldStandard beitragen: Wer viel länger als 30 Sekunden uriniert, dürfte – insbesondere bei fortgeschrittenem Alter – Blasen- oder Prostataprobleme haben. "Seit dieser Senator seine Liste erstellt hat und die Forschungsgelder – wie in den vergangenen 25 Jahren – gekürzt wurden, habe ich viel verrücktere Projekte durchgeführt", so Hu. "Für mich hat die Situation nur Vorteile gebracht. Bei der Kürzung sind mir glücklicherweise viele Menschen zu Hilfe gekommen, und die Aufmerksamkeit hat mir geholfen, meine Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln."

Es ist ein Fehler von Politikern, Wissenschaft zu ignorieren. "Durch Kritik beginnt immerhin ein Gespräch", sagt Hu. Das ist auch wichtig, um der Gesellschaft Erkenntnisse zugänglich zu machen. "Ich hoffe, dass mehr Wissenschafter an die Öffentlichkeit gehen und ihre Arbeit erklären."

Das würde auch das Klischee der immer rein logisch agierenden Wissenschafter relativieren. "Wie in einer Detektivgeschichte müssen wir basierend auf Hinweisen verschiedene logische Schritte gehen, um an die Fakten zu kommen. Aber man muss auch sehr kreativ sein. Im Krimi gibt es viele Indizien und Verdächtige. Aber in der Naturwissenschaft sieht man oft weder die Mordwaffe noch die potenziellen Mörder. Ich muss mit vielen Leuten aus verschiedenen Fachbereichen sprechen. Die Natur kümmert sich schließlich nicht um die Abgrenzung von Disziplinen wie Physik oder Biologie, weil alles zusammenfließt." So verwendet Hu, der am Massachusetts Institute of Technology nach abgebrochenem Medizinstudium seine Doktorarbeit in Mathematik schrieb, unterschiedliche Werkzeuge, um Tiere und die Physik hinter ihren Eigenschaften zu erforschen.

Forschung an toten Tieren

Eine Arbeit, die ihm offensichtlich liegt, genauso wie deren unkonventionelle Vermittlung. Mit seinen beiden Kindern sammelt er tote Tiere auf der Straße ein, um sie zu Hause zu untersuchen. Bei einem Auftritt in einer Show für das chinesische Fernsehen betrat Hu die Bühne mit Flickflack und Salto. "Man muss die Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, damit sie zuhören", sagt Hu, "besonders auch beim Unterrichten. Aber ich will nicht jedes Mal die gleiche Nummer abziehen."

Hu hält gern Vorträge, wie auch im November am Institute of Science and Technology (IST) Austria. Fragen aus dem Publikum brachten ihn bereits mehrmals auf neue Forschungsthemen. Sein erstes Buch erschien 2018 und wurde mit einem Preis für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet.

Er schreibt über Robotertechnik, die von Tieren inspiriert ist: Es gibt etwa Roboter, die wie Kakerlaken zerdrückbar sind und anstelle eines großen Motors mehrere kleine besitzen, um schmale Spalten passieren zu können. Laienverständlich wird biomechanische Forschung der vergangenen Jahre zusammengefasst. "Der stereotype Wissenschafter ist ein 60-jähriger weißer Mann, aber ich wollte im Buch auch von jungen Forschenden erzählen", sagt Hu, der mit 40 Jahren selbst zu den jüngeren Professoren gehört.

Das nächste Buch – über Katzen und Hunde – ist bereits in Planung. Zudem soll bald eine Katzenbürste produziert werden, die auf seinen neuen Erkenntnissen über Katzenzungen basiert.

Und in welche Richtung geht das nächste Forschungsprojekt? "Aktuell untersuche ich Ohrenschmalz. Leider ist es nicht einfach, Studenten zu finden, die das erforschen wollen." Vielleicht motiviert ja ein potenzieller Ig-Nobelpreis – die Chancen stehen gut. (Julia Sica, 21.1.2020)