Junge Israelis besuchen das Konzentrationslager Auschwitz.

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Die Geschichte ist ein beliebter Austragungsort für politische Konflikte, das ist an sich nichts Neues. Dass aber selbst das internationale Gedenken zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz unter zwischenstaatlichem Hickhack leiden muss, markiert einen Tiefpunkt in der hohen Kunst der Diplomatie.

Hintergrund ist ein Konflikt zwischen Polen und Israel einerseits sowie Polen und Russland andererseits. In Warschau wehrt man sich – unter Strafandrohung – gegen Vorwürfe, die Polen eine Mitschuld an der Judenverfolgung während der deutschen Besatzung geben. In Israel sieht man darin grundsätzlichen Unwillen, sich mit Antisemitismus in den eigenen Reihen zu beschäftigen. Wladimir Putin stieß kürzlich ins selbe Horn und bezeichnete Polens Vorkriegsbotschafter in Berlin als "antisemitisches Schwein", Warschau wieder gibt Moskau mit Verweis auf den Hitler-Stalin-Pakt Mitschuld am Zweiten Weltkrieg.

Glattes Parkett der Diplomatie

Dass Polens Präsident Andrzej Duda vor diesem Hintergrund nicht zur Gedenkfeier in Yad Vashem gekommen ist, weil er keine Rede hätte halten dürfen, ist eine verpasste Chance. Er hätte zeigen können, dass angesichts von Millionen Holocaust-Toten auch in der Ruhe diplomatische Kraft liegt. Und hätte er Putin für nächste Woche zur Feier nach Auschwitz eingeladen, das 1945 von der Roten Armee befreit wurde, wäre es an diesem gelegen, dort den richtigen Ton zu treffen. Das diplomatische Parkett war dafür zu glatt. (Gerald Schubert, 23.1.2020)