Frage:

Meine Großmutter ist 80. Sie ist eine herzige und offene Person – sehr beliebt und gern unter Leuten. Alles prima, solange alle ihrer Meinung sind. Dann kann sie radikal und stur sein und wird gleich laut. Es gibt Dinge, da wird überhaupt nicht diskutiert. Zum Beispiel wenn es um das Thema Kirche und Glaube geht. Wer keinen Glauben hat, der ist verloren – ihre Ansicht. Dass ich unsere Tochter nicht taufen ließ, sorgte für einen riesigen Familieneklat. Natürlich waren mein Mann und ich die Bösen, weil wir die Großmutti enttäuschten. Doch nicht nur das:

Wenn Großeltern sich in die Erziehung einmischen, dann meist, weil sie möchten, dass es den Kindern und Enkelkindern gut geht. Dennoch ist es wichtig, dass man Grenzen setzt.
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Seit ich Mutter bin, belehrt sie mich ununterbrochen. Bereits das drei Wochen alte Baby sollte ihrer Meinung nach nicht hochgehoben werden, da ich es ansonsten verwöhne. Derzeit läuft es bei jedem Besuch gleich ab: Meine Großmutter mischt sich in die Erziehung unserer Tochter ein, und ich muss mich wehren, da ich ihre "Methoden" ablehne. Ihre ständigen Ratschläge treiben mich schon lange in den Wahnsinn: Wenn meine Tochter nicht folgt, dann muss ich ihr einen Klaps geben, und ich solle auf keinen Fall die Grenzen vergessen. Ich merke, dass mich das emotional total aufwühlt, weil es von einer Person kommt, die ich eigentlich schätze.

Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt und ein wirklich liebes Kind. Neulich ist die Situation dann eskaliert, und wir haben binnen Minuten ihr Haus verlassen. Meine Verwandtschaft unterstützt mich dahingehend nicht: "Sie ist halt so", "Sie ist halt alt", "Das darfst du nicht so ernst nehmen". Es ist, als wäre sie die alleinige und unantastbare Herrscherin in dieser Familie, deren Tun man nicht infrage zu stellen hat. Niemand traut sich etwas gegen sie zu sagen. Ich bin ja nicht die Einzige, die sie immer wieder angreift und kritisiert. Aber dass ihr mal jemand aus der Familie entgegentritt – bloß nicht.

Ich fühle mich nun wie das schwarze Schaf der Familie und bekomme zusätzlich Gegenwind, weil sich alle um die Großmutter anstatt um uns sorgen: "Sie regt sich nur auf – ganz schlecht für ihre Nerven", heißt es dann. Nun frage ich mich: Muss man alte Menschen wirklich immer schonen? Vertragen sie es wirklich nicht, wenn man ihnen mal Konter gibt? Sind sie noch fähig, etwas dazuzulernen? Ich haben nun beschlossen, den Kontakt aufs Minimum zu reduzieren. Es scheint, als würde ich mich damit gegen die komplette Verwandtschaft stellen. Alle verurteilen mich. Bin ich falsch? Das schwarze Schaf? Oder sind die anderen alle Feiglinge?

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Wir schreiben das 21. Jahrhundert, und ich bin ehrlich überrascht, dass es solche Erziehungsmethoden bei uns überhaupt noch gibt. Denn was Ihre Oma in wohl bester Absicht empfiehlt, ist der Erziehungsstil des klassischen Erziehungsratgebers "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer. Das Buch wurde 1,2 Millionen Mal verkauft. Junge Mütter lasen es in bester Absicht bis hinein in die 1960er-Jahre. Statt gesunder Intuition wurden dort Erziehungsmethoden aus der Nazizeit propagiert, denn aus dieser Zeit stammte das Buch. So hieß es da etwa zum Umgang mit schreienden Säuglingen: "... liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen." Was diese Erziehungsmethode angerichtet hat, wissen wir alle.

Dass Sie als Mutter auf Ihre Intuition hören, ist deshalb goldrichtig. Lassen Sie sich nicht hineinreden! Alter schützt vor Fehlern nicht. Im Gegenteil scheint das Alter bei Ihrer Oma zu einer gewissen Beharrlichkeit geführt zu haben. Da das menschliche Gehirn aber prinzipiell lernfähig bleibt, ist es legitim, auch von alten Menschen zu fordern, sich den Lernfortschritten der Menschheit anzupassen. Nur so kann die Menschheit sich in eine vernünftige Richtung weiterentwickeln. Ich war jüngst in Afrika unterwegs. Dort gilt das Wort der Ältesten wie ein ehernes Gesetz. Für sie steht die Stammesverbindung über allem, die Korruption zur Förderung des eigenen Clans floriert. Viele junge Afrikaner wollen es ändern, doch die Alten blockieren. Und so bleibt den Jungen keine Alternative, als auszuwandern und sich woanders eine Existenz aufzubauen. (Hans-Otto Thomashoff, 31.1.2020)

Antwort von Linda Syllaba

Was Sie beschreiben, ist ein klassisches (Opfer-Täter-Retter-)Drama, wie es in vielen Familien weit verbreitet ist. Zusätzlich mischt sich der langjährig tradierte "Gehorsamskult" dazu. Wie Sie richtig feststellen, gibt es eine Herrscherin (Täter), die regiert und ihre Autorität auf Machtausübung über einerseits Angstverbreitung und andererseits Zuneigungsverteilung begründet. Darunter gibt es Untergebene, Gehorsame (Opfer), die nach Liebe lechzen und es nicht wagen aufzubegehren. Glücklich ist damit niemand, doch alle Beteiligten halten dieses System (unbewusst) durch ihr Verhalten aufrecht. Wir wollen schließlich alle geliebt werden und nehmen dafür viel in Kauf. Und nun kommen Sie und lehnen sich gegen ein langjährig eingefahrenes, gut funktionierendes, wenn auch nicht befriedigendes System auf!

Wie Sie bereits deutlich merken, bringen Sie damit ordentlich Schwung hinein. Solange allerdings die Beschwichtigungen der anderen Verwandten (Retter) wirken, wird sich gar nichts ändern. Dann war es nur eine unangenehme Bodenwelle, und alles beruhigt sich nach einer Weile wieder. Sie können Ihre Großmutter nicht verändern, egal wie alt diese ist. Sie können niemanden verändern. Doch Sie können sich selbst und damit Ihr Verhalten ändern und so auf das System einwirken. Dadurch versetzen Sie es in Schwingung, Sie bringen es durcheinander, und dann muss es so lange schwingen, bis es in eine neue Ordnung gefunden hat, mit der Sie besser leben können. Diesen Prozess gilt es auszuhalten, dann haben Sie tatsächlich eine Veränderung bewirkt.

Bewertungen und Kategorisierungen wie "schwarzes Schaf" oder "Feiglinge" helfen Ihnen dabei nicht viel weiter – das befeuert eher das alte Drama. Konzentrieren Sie sich auf das, was für Sie gut und richtig ist, und stehen Sie dazu. Das ist ja per se für viele Menschen schon ein Lebensauftrag.

Vertreten Sie Ihre Ansichten klar und deutlich, und gestehen Sie der Großmutter ihre Meinung zu, doch grenzen Sie sich gut davon ab, wenn Sie anders denken. "Interessante Ansicht, deine Ansicht", im ruhigen, wertfreien Tonfall ausgesprochen, ist eine Möglichkeit, sich abzugrenzen und die Meinung des anderen stehen zu lassen. Vermeiden Sie das Wort "aber", es ist in seiner Qualität trennend. Ersetzen Sie es durch "und", denn das hat verbindende Qualität. "Und ich werde mein Kind trotzdem nicht schlagen." "Und ich werde auch nicht erlauben, dass sonst jemand mein Kind schlägt." "Danke, ich brauche keine Belehrungen" (Achtung, Tonfall! Und dann: Themenwechsel!).

Durch klare Ich-Botschaften erfahren andere etwas über Sie und Ihre Ansichten, Meinungen, Wünsche, Bedürfnisse, Werte et cetera. Vermeiden Sie Du-Botschaften, das mag niemand und verleitet dazu, einen Angriff oder Vorwurf in der Aussage zu hören. Sie befeuern also den Konflikt.

Ich denke auch, dass etwas Abstand gut ist, die bewusste Dosierung des Kontakts hilft meistens. Manche Familienmitglieder müssen sogar richtig weit wegziehen, weil es in der Nähe unerträglich ist. Trotzdem bleibt es Ihre Familie, und Sie werden nicht umhinkommen, immer wieder mal Stellung zu beziehen. Vielleicht ist das Ihr persönlicher Entwicklungsauftrag, an dem Sie wachsen dürfen? Sie wären definitiv nicht alleine damit. (Linda Syllaba, 31.1.2020)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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