Die in europäischen Höhlengewässern heimischen Grottenolme geben Wissenschaftern viele Rätsel auf. Vor allem ihre erstaunliche Langlebigkeit ist Gegenstand der Forschung.

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Der österreichische Biologe Paul Kammerer forschte schon Anfang des 20. Jahrhunderts intensiv zu den Grottenolmen.

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Kammerer entdeckte unter anderem, dass sie nicht nur Eier legen: Bei Temperaturen über 15 Grad Celsius gebären sie lebend.

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Der Grottenolm hat Zeit – und zwar erstaunlich viel für ein Amphibium seiner Größe. Bis zu 100 Jahre alt kann Proteus anguinus werden, wie der etwa 30 Zentimeter lange und nur 20 Gramm schwere Schwanzlurch wissenschaftlich heißt. Forscher konnten bisher nicht lückenlos aufklären, wie das möglich ist: Normalerweise haben Wirbeltiere mit hohen Lebenserwartungen weitaus größere Körpermassen.

Um den Vergleich mit dem zweitlanglebigsten Schwanzlurch zu bemühen: Der japanische Riesensalamander, der bis zu 80 Jahre alt werden kann, bringt bei einer Körperlänge von 160 Zentimetern fast 30 Kilogramm auf die Waage. Die blinden Grottenolme passen nicht in dieses Bild – und doch zeigten Studien aus den vergangenen Jahren, dass selbst bei Exemplaren im sechsten Lebensjahrzehnt noch keine Alterserscheinungen feststellbar waren.

Was auch immer die zellulären Geheimnisse dieser Methusalem-Lurche sind, ihre gemächliche Lebensweise in den kühlen, dunklen Unterwasserhöhlen des dinarischen Karstgebirges dürfte ihrer Langlebigkeit zugutekommen. Geschlechtsreif werden die Olme erst mit rund 15 Jahren, dann legen die Weibchen etwa alle zwölf Jahre Eier. Dazwischen verbringen sie viel Zeit in den Klüften des Karstgesteins und lauern kleinen Krebstieren auf, von denen sie sich ernähren.

Regungslos durch die Nacht

Ungarische Wissenschafter haben nun versucht, genauer herauszufinden, wie aktiv Grottenolme in ihrer natürlichen Umgebung eigentlich sind. Das Ergebnis, das das Team um Gergely Balázs von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest im "Journal of Zoology" präsentiert, lässt sich etwa so zusammenfassen: Die Grottenolme bewegen sich wenig. Ausgesprochen wenig.

Grottenolme in freier Wildbahn zu studieren ist nicht ganz einfach. In ihren Unterwasser-Schlupfwinkeln sind sie schwer aufzuspüren, und trotz ihrer zur Funktionslosigkeit degenerierten Augen meiden sie Licht, das sie über die Haut wahrnehmen können. Wenn man sie im Dunkeln aber doch gefunden hat, ist Geduld gefragt: Zumeist tun sie nämlich so gut wie gar nichts.

Für ihre aktuelle Studie untersuchten Balázs und Kollegen Grottenolme in der Vruljak-1-Höhle in Bosnien-Herzegowina im Zeitraum von 2010 bis 2018 und kartierten deren Standorte. Insgesamt 19 Individuen wurden mit Pigmenten markiert, um sie später eindeutig wiedererkennen zu können. Bei regelmäßigen Tauchgängen in die Höhle wurden die markierten Tiere immer wieder aufgesucht und ihr genauer Aufenthaltsort dokumentiert.

Fünf Meter pro Jahr

Im Lauf der Zeit ließen diese Daten auf einen Aktionsradius schließen, der selbst Schnecken als flotte Langstreckenkriecher erscheinen lässt: Die meisten Olme bewegten sich über Jahre nicht weiter als zehn Meter von ihrem ursprünglichen Fundort weg. Es gab allerdings auch deutliche Ausreißer: Der aktivste Olm entfernte sich in knapp acht Monaten 38 Meter, der faulste Lurch bewegte sich hingegen ganze sieben Jahre nicht vom Fleck. Die Forscher errechneten eine theoretische Durchschnittsgeschwindigkeit für die 19 untersuchten Tiere von fünf Meter pro Jahr.

"Die überraschend geringe Fortbewegungsaktivität ist eine weitere Facette der extremen Lebensweise dieser Spezies", schreiben die Biologen und warten mit einer naheliegenden Erklärung auf: Die Olme sind Energiesparkünstler, die ihre Bewegungen angesichts der geringen Nahrungsressourcen in den Höhlen und ihrer langen Lebenserwartung auf ein absolutes Minimum reduzieren müssen. Die Lurche können aber auch anders: In Gefangenschaft lebende Grottenolme wurden schon dabei beobachtet, wie sie aus dem Wasser flitzten und an Land jagten. (David Rennert, 6.2.2020)