Um den Bedarf an Hilfsangeboten für Obdachlosen zu eruieren, wurden in Berlin wohnungslose Menschen gezählt.

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Berlin – Als erstes Bundesland Deutschlands ließ Berlin Obdachlose in der Stadt zählen. Insgesamt haben Freiwillige 1.976 Menschen angetroffen, deutlich weniger als gedacht. Die tatsächliche Ziffer wird allerdings höher geschätzt. Die Schätzungen reichten vor der Zählung von 4.000 bis 10.000 Personen, manchmal war von 20.000 die Rede.

Die Erhebung fand in der Nacht vom 29. auf den 30. Jänner statt und wurde als "Nacht der Solidarität" bezeichnet. Auf vorgelegten Routen suchten die Freiwilligen Menschen ohne Wohnung auf und befragten diese zur Alter, Herkunft und Geschlecht. Mit den Ergebnissen der Befragung soll die Hilfe für Wohnungslose verbessert werden, hieß es.

800 auf der Straße

Berlin, die 3,7-Millionen-Einwohner-Stadt, wurde von den Organisatoren für die Aktion in 617 Zählräume unterteilt. Jeder davon wurden von einem Team aus mehreren Freiwilligen durchkämmt. Insgesamt haben sich 3.725 Personen gemeldet, viele davon waren Studenten oder Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, gekommen waren dann nur rund 2.500.

Etwa 800 Menschen wurden auf der Straße angetroffen, circa 940 Menschen in Einrichtungen der Kältehilfe, weitere 158 in S- und U-Bahnen. Eine kleinere Anzahl an Menschen wurden in anderen Wärmeeinrichtungen und in Polizeigewahrsam gezählt. Rund ein Drittel der auf den Straßen lebenden Menschen habe den Teams Auskunft gegeben, sagte die Linke-Sozialsenatorin Elke Breitenbach laut Rundfunk Berlin-Brandenburg. Wer nicht befragt werden wollte, durfte die Auskunft verweigern, sagte Breitenbach.

Vorbild Paris

Der Berliner Senat sei mit dieser Aktion auf das Drängen von Verbänden aktiv geworden sein, sagte Susanne Gerull, Armutsforscherin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Sie initiierte die "Nacht der Solidarität" mit. Vorbild für die Berliner Aktion war Paris, dort findet 2020 bereits die dritte Zählung statt.

Für die Zählenden gab es einen klaren Verhaltenskodex: niemanden aufwecken, keine Fotos machen, niemanden mit der Taschenlampe blenden, leise sprechen. "Das ist keine Obdachlosen-Safari", betonte Breitenbachs Sprecher vorab. Seine Chefin sagt: "Es ist jetzt nicht so, dass wir hinter jeden Busch kriechen oder jemanden verfolgen." (red, 7.2.2020)