Diese Haare! Mal gelockt, mal strähnig in die Stirn fallend, meist mittig gescheitelt. Der volle Schopf ist die Eintrittskarte in die Welt der E-Boys. Die Internet-Softies sehen auf den ersten Blick wie die Boyband-Mitglieder von gestern aus. Ihre Frisuren erinnern an jene von Take-That-Mitglied Mark Owen oder Florian Walberg von der längst vergessenen Hamburger Boyband Bed and Breakfast.

Oder an Leonardo DiCaprio, der 1997 in Baz Luhrmanns Romeo und Julia-Verfilmung Mädchenherzen brach. Oder, ganz aktuell, die des schlaksigen, blassen Lockenkopfs Timothée Chalamet, der in Little Women gleich zwei Schwestern um den Verstand bringt.

Timothée Chalamet
Foto: REUTERS/Piroschka van de Wouw

Aussehen ist alles

Im Gegensatz zu Chamalet trifft man die androgynen E-Boys im Internet auf der chinesischen, bei unter 25-Jährigen beliebten Videoplattform Tiktok an. Das "E" vor dem Boy steht für electronic oder emotional. "Die E-Boys sind eine netzbasierte Jugendkultur, die der Emo-Kultur der 2000er-Jahre nahe ist", erklärt die Berliner Modetheoretikerin Diana Weis. "Emo war die erste Jugendkultur des neuen Millenniums, die hauptsächlich über ästhetische Codes funktioniert hat."

In der Emo-Kultur ging es nicht mehr wie bei vergangenen Jugendbewegungen wie Punk um Abgrenzung oder um einen bestimmten Musikstil. Ähnlich sind die Anfang der 2000er-Jahre geborenen E-Boys drauf. Sie wollen nicht provozieren, nicht anecken, noch nicht einmal Musik machen. Im Gegensatz zu den Youtubern haben sie kein ambitioniertes Unterhaltungsformat im Sinn. Sie geben sich melancholisch und romantisch und wollen gleichzeitig wahrgenommen werden.

Die E-Boys sind die vermeintlich introvertierten Softies der Internetwelt. Meist sitzen sie zu Hause in ihren Zimmern und sind 24/7 mit ihren Smartphones und ihrer Außenwirkung beschäftigt. Sie machen den Followern auf Instagram oder Tiktok durch die Handy-Kamera schöne Augen, schürzen sexy ihre Lippen, die sie zu Songs von Lil Peep, Lana Del Rey oder Billie Eilish (dem typischen E-Girl) bewegen.

15 Sekunden Ruhm sind ihnen auf Tiktok gewiss, so lang dauern die Videos gewöhnlicherweise auf der Plattform. Ihre Währung sind Likes, Kommentare und gebrochene Herzen.

Zusammengestückelte Uniform

Die Uniform der E-Boys erscheint wie ein zusammengestückeltes, mehrfach durch die Netzwelt gefiltertes Best-of der letzten 25 Jahre Popkultur. Die neuen Softies wirken wie Mitglieder einer Boyband, die im Skatepark zu Hause sind. Sie stecken in schwarzen Hosen, Bandshirts und geringelten Longsleeves. Die werden mit der Attitüde eines Kurt Cobain getragen.

Darüber hängen unzählige Halsketten, Schlüsselketten, Panzerketten. E-Boys lackieren sich die Nägel bevorzugt schwarz und greifen hie und da auch zum Kajalstift. Je schutzbedürftiger die Stubenhocker aus der Wäsche schauen, desto mehr Zustimmung ist ihnen im Internet gewiss.

Die E-Boys sind ein weißes, ein elitäres Phänomen und gleichzeitig ein Gegenentwurf zu den Gym-Boys, jenen aufgepumpten Fitnessjüngern, die ihre Selfies auf der Hantelbank schießen. Dass der Flirt der vermeintlich hilfsbedürftigen Social-Media-Boys nicht allein dem Kameraauge gilt: eh klar. Die Haltung der E-Boys kommt an. "Mädchen standen schon immer auf Jungs, die Geschlechterstereotype unterlaufen. Früher waren das die Gruftis, heute die E-Boys", so Weis.

Teenager-Melancholie ließ sich schon immer gut verkaufen: Als sich der kajalgeschminkte Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz 2005 im Video "Durch den Monsun" die Seele aus dem Leib schrie, hingen ihm die weiblichen Fans noch in den Konzerthallen an den Lippen. Heute wäre Kaulitz vielleicht ein E-Boy und würde die Herzen seiner Follower erobern, ohne sein Zimmer in Magdeburg verlassen zu müssen.

Dass die E-Boys ausschließlich das weibliche Geschlecht im Visier haben, ist allerdings nicht ganz klar. Die Generation Z sei sexuell durchlässiger als frühere Generationen, glaubt Diana Weis: "Ob schwul oder nicht schwul spielt bei vielen Kids heute keine Rolle mehr."

Bed-Boys im Netz

Nicht nur mit ihrer Konzentration auf das Äußere, sondern auch mit der Selbstinszenierung in den eigenen Betten übernähmen die neuen Bed-Boys Verhaltensweisen, die in der Vergangenheit Teil einer weiblich konnotierten Mädchenwelt waren, erklärt Weis.

Die E-Boys knüpften an die Sad-Girls-Kultur der frühen 2000er-Jahre an. Damals fotografierten sich junge Frauen in ihren Schlafzimmern, die Bilder wurden auf der digitalen Plattform Tumblr veröffentlicht.

Theoretikerinnen wie Angela McRobbie begründeten den Rückzug der Mädchen in die heimischen vier Wände damit, dass sie von den Jugendkulturen, die früher vor allem auf der Straße stattfanden, ausgeschlossen wurden.

Heute ist der E-Boy kein Außenseiterphänomen mehr – zumindest in der Social-Media-Welt. Auf der Plattform Tiktok wurden unter dem Hashtag #eboys abgelegte Videos 70 Millionen Mal aufgerufen, auf Instagram 663.000 Fotos unter dem Hashtag gepostet.

AnthonyPadilla

Die E-Boys erfahren allerdings nicht nur Zustimmung. Längst sind sie zum Abziehbild ihrer selbst geworden. Spottete man in der Vergangenheit über den uniformen Hipster in Skinny Jeans, Holzfällerhemd und Vollbart, gehört es heute im Internet zum guten Ton, sich über die verschlafenen Narzissten mit den Wuschelköpfen lustig zu machen.

Auf Youtube gibt es mittlerweile Videos, die sich mit der "Invasion der E-Boys" beschäftigen. Andere tragen Titel wie "Wie ich mich in 24 Stunden in einen E-Boy verwandele". Traurig schauen allein reicht eben nicht. (Anne Feldkamp, RONDO, 13.3.2020)