Eine Schildkröte hat ein Plastiksackerl für Futter gehalten. Wenn die Tiere den Fehler bemerken, ist es oft schon zu spät: Viele ersticken an dem Müll oder gehen an Vergiftungen zugrunde.
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Wir leben seit 100 Jahren im Plastikzeitalter. Als der deutsche Chemiker Hermann Staudinger 1920 mit seinem Artikel "Über Polymerisation" das Fundament der modernen Polymerwissenschaften gelegt hat, konnte noch niemand ahnen, wie sehr die neue Werkstoffklasse unsere Welt verändern sollte. Wirklich los ging es freilich erst 1953 mit der Polymerisation von Ethylen unter niedrigem Druck. Das Verfahren schuf die Voraussetzung für die industrielle Herstellung von Polyethylen. Kurz darauf kamen weitere Kunststoffarten dazu. Das Material sorgte in der Industrie und bei den Konsumenten gleichermaßen für Furore, immerhin ließen sich die neuen Werkstoffe günstig produzieren, in praktisch jede Form bringen und sie waren enorm haltbar.

Grafik: Weltweiter Plastikmüll in Zahlen.
Grafik: University of Georgia/Janet A Beckley

Heute hat sich das Image von Plastik jedoch deutlich gewandelt. Wie man inzwischen weiß, verursacht gerade die enorme Haltbarkeit von Kunststoff langfristig Probleme: Es zersetzt sich in den meisten Fällen nur sehr langsam und belastet dadurch die Umwelt in immer stärkerem Ausmaß, wahrscheinlich für Jahrhunderte. Wissenschafter haben errechnet, dass zwischen dem Beginn der Massenherstellung in den 1950er-Jahren und 2015 die Menschheit rund 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert hat – das entsprecht der Masse von 822.000 Eiffeltürmen oder 80 Millionen Blauwalen. 6,3 Milliarden Tonnen davon gelangten in den Müll, wovon nur neun Prozent recycelt und 12 Prozent verbrannt wurden. Die restlichen annähernd 80 Prozent – also fünf Milliarden Tonnen – landeten auf Müllhalden und in der Umwelt.

Mikroplastik ist überall

Winzige Plastikpartikel sind mittlerweile auf der gesamten Erdoberfläche, in der Atmosphäre darüber und insbesondere in den Ozeanen bis in die entlegensten Tiefseegräben verbreitet. So haben etwa Biologen kürzlich im Marianengraben in 6.500 Metern Tiefe eine neue Flohkrebsart entdeckt, in dessen Bauch sie Mikroplastik fanden. Der Zivilisationabfall wurde zum Namensgeber der neuen Spezies: Eurythenes plasticus.

Wie schädlich Kunststoff für die Tierwelt ist, zeigt sich besonders eindringlich am Beispiel der Meeresschildkröten. Viele der marinen Reptilien gehen zu Grunde, weil sie sich in Kunststoffteilen wie Verpackungsmaterial oder umhertreibenden Fischernetzen verheddern. Noch mehr Tiere sterben nach dem Verzehr von Plastik. Eine australische Studie aus dem Jahr 2018 kam zu dem Ergebnis, dass von knapp 250 untersuchten Schildkrötenkadavern jedes zweite Jungtier Plastikteile im Magen-Darm-Trakt hatte. Unter ausgewachsenen Exemplaren war das immer noch bei jedem sechsten Tier der Fall.

Verloren gegangenen Fischernetzen, sogenannten "Geisternetzen", werden jährlich Tausende Meeresschildkröten buchstäblich zum Verhängnis.
Foto: Reuters/Francis Perez

Nicht allein das Aussehen zählt

Bisher hatten Wissenschafter angenommen, dass für die Schildkröten Kunststoffstücke oder Plastiksäcke im Wasser wie Quallen aussehen und deshalb danach schnappen. Eine Studie hat nun jedoch einen weiteren, womöglich noch wichtigeren Grund entdeckt, warum der Kunststoffmüll für die Meeresschildkröten so anziehend wirkt: Er duftet offenbar verlockend nach Essbarem.

"Wir haben festgestellt, dass Unechte Meeresschildkröten auf Gerüche von mit Mikroben, Algen und Kleintieren besiedelten Kunststoffen genauso reagieren wie auf Duftstoffe aus ihrer Nahrung. Das deutet darauf hin, dass Schildkröten nicht nur vom Aussehen des Plastikmülls, sondern auch von ihrem Geruch angezogen werden", sagt Joseph Pfaller von der University of Florida (Gainesville), Hauptautor der nun im Fachjournal "Current Biology" präsentierten Arbeit. "Diese 'Geruchsfalle' könnte erklären, warum Meeresschildkröten so häufig Plastik verschlingen oder sich darin verfangen."

Der Duft von besiedeltem Kunststoff fanden junge Unechte Karettschildkröten im Experiment durchaus schmackhaft.
Foto: Joseph Pfaller

Um das herauszufinden, rekrutierten die Forscher 15 junge, in Gefangenschaft aufgezogene Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) und beobachteten deren Reaktionen auf verschiedene Geruchsstoffe – die ziemlich eindeutig ausfielen: Die Meeresschildkröten fanden den Duft von besiedeltem Plastik stets genauso attraktiv wie den Geruch ihrer gewohnten Nahrung.

"Die Intensität des Effekts hat uns überrascht", sagte Pfaller. "Wir hätten erwartet, dass ihre Reaktionen auf Futter stärker ausfallen würden." Welche Substanzen in den Kunststoffen das Interesse der Schildkröten besonders anstachelten, sollen künftige Studien klären, so die Forscher.

Glück gehabt: Hier hat eine Unechte Karettschildkröte nicht Plastik, sondern eine Languste erwischt.
Foto: Imago/Bluegreen Pictures

Vermeintliche Buffets

Die neue Erkenntnis macht die ohnehin schon problematischen riesigen Plastikansammlungen im Pazifik und Atlantik im Bereich von Strömungswirbeln (die sogenannten Great Garbage Patches) für die Tierwelt noch gefährlicher: "Unsere Sorge ist, dass dichte Konzentrationen von Kunststoffen Schildkröten und andere Arten dazu bringen können, das Gebiet wegen seines Geruchs als besonders ergiebige Nahrungsquelle zu betrachten.

Diese Gebiete ziehen möglicherweise Meeressäuger, Fische und Vögel an", sagt Kenneth J. Lohmann (University of North Carolina), Koautor der Studie. "Sobald diese Kunststoffe im Ozean sind, haben wir kaum mehr die Möglichkeit, sie zu entfernen oder zu verhindern, dass sie nach Nahrung riechen. Das Beste, was wir tun können, ist, zu verhindern, dass Plastik überhaupt in den Ozean gelangt." (Thomas Bergmayr, 10.3.2020)