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Tag 1 / Montag

Es ist erste Montag der Coronavirus-Krise. Viele Geschäfte bleiben zu. Bei uns herrscht Ferienstimmung. Die Schulen sind nämlich auch geschlossen. Die Buben, sie sind elf und fast acht, sind im Glück. Ich mache ihnen Frühstück, lächle, stehe vor ihnen und versuche ihrem Geplapper zu folgen. Aber eigentlich ist im Kopf nur Watte. Was passiert hier? Wieso sind die Kinder da? Was für ein Virus? Wird jemand erkranken, den ich kenne? Gar sterben? Ich schiele auf mein Handy. Es trudeln Nachrichten ein. "Bitte um Rückruf!" steht da. Oder "Sendung fällt bis auf weiteres aus". "Ich bin gefeuert." Okay. Ich lausche weiter den Erzählungen des Elfjährigen. Er ist vom Skikurs zurück, wohl die letzte Tranche an Schülern, die das noch geschafft hat. Ich bin erstaunt, wie viel man zugleich denken kann. "Wie lange wird sich das mit dem Geld ausgehen?" "Ich muss meinen Eltern sagen, dass sie daheimbleiben sollen!" und "Woher zum Geier bekomme ich jetzt die Info, was die Kinder für die Schule zu tun haben?"

Später sitzen die Kinder vor ihren Arbeitsblättern. Die Schulen haben sie in einem Kraftakt über das Wochenende zusammengestellt und deppensicher an uns Eltern vermittelt. Ich versuche, mich hinzusetzen und meine Mails zu ordnen, eine To-do-Liste zu schreiben. Vertage es. Ich verrechne mich prompt bei der Kontrolle der Mathematikeinheit des Kleinen. Er macht mich darauf aufmerksam. Der Große teilt das via Whatsapp seinem Freundeskreis mit. "LOL", "LOL", "LOL", lässt er mich lesen. Der Rest des Tages vergeht ausschließlich mit Sondersendungen schauen und den Kindern zu viel Zeit vor dem Computer erlauben. Ich höre verschiedene Playlisten von österreichischen Künstlern durch, die kursieren. Großartig. Alle arbeitslos jetzt. Ich nehme mir vor, nach dem Spuk mit den Kindern auf viele Konzerte zu gehen.

Tag 2 / Dienstag

Der Vater der Kinder ruft an und sagt, er habe ab sofort nichts mehr zu tun. Er ist Kabarettist. Alle Theater sind zu. Die Kinder johlen begeistert. Ich versuche sie in eine Art Stundenplan hineinzudisziplinieren. Ich bin stolz auf mein Doris-Day-mäßiges Homeschooling mit Arbeiten daneben, während die Wäsche trocknet und die Gemüsesuppe simmert. Bleibe dann prompt für drei Stunden in den sozialen Medien hängen, es kursieren Witzchen, ein Mann prostet sich selber dreimal im Spiegel zu. Ein anderer spielt mit dem Staubsaugerroboter Schach. "Freut euch auf die Zeitumstellung, da könnt ihr eine Stunde länger zu Hause bleiben." Ich denke an die Familien, in denen es jetzt schon kracht. Jetzt, wo allen das Leben genommen ist, dass sie so schön ablenkt, muss sich wohl jeder anschauen, wo er gerade ist. Und mit wem. Jeder. Ein Auftraggeber teilt via Whatsapp mit, dass er jetzt duschen geht. Ich freue mich über die Nähe. Wie eigenartig. Die Kinder gehen in den Hof Fußball spielen. Sie rätseln, ob die Nachbarkinder mitspielen können. Deren Mütter beschließen, dass alle für sich spielen sollen. Sechs Kinder, drei Bälle, streng nach Familien aufgeteilt.

Ich gehe einkaufen. Im Geschäft stelle ich fest, dass das Gemüse aus ist. Es ist vier Uhr nachmittags, und es gibt nur mehr Karfiol. Keine Karotten, keine Kartoffeln, nicht einmal die Äpfel, die nie nach was schmecken. Der Einkauf gestaltet sich als Eiertanz, denn alle beharren auf ihren Meter Abstand. Eine Freundin ruft an und sagt, sie schickt dann später ihre Tochter vorbei, der ist fad. Ich lehne ab. Sie ist beleidigt. Ich komme mit Minipizzas und Küchenrollen nach Hause. Klopapier war aus.

Daheim scrolle ich durch die Nachrichten. Der amerikanische Präsident sagt konsequent "chinese virus", die Briten und die Holländer setzen auf "Herdenimmunität". In Griechenland brennt ein Flüchtlingslager. Italien ist im Ausnahmezustand. In Österreich wird zu sterben begonnen. Die Kinder keifen sich an. Ich verdonnere sie zu zehn Liegestützen pro Schimpfwort, damit haben sie nun zu tun. Meine Freundin ruft an und weint. Sie muss ihre Mitarbeiterinnen zur Kurzarbeit anmelden. Sie hat Existenzängste. Wir stellen fest, dass es tröstlich ist, dass es allen so geht. Es fällt irgendwie die Scham weg. Man hat nicht versagt, man ist nicht schuld. Es ist nur furchtbar. Wir überlegen, ob wir uns im Wienerwald mit unseren Hunden treffen können, mit viel Abstand.

Tag 3 / Mittwoch

Alle drei Tage verdoppelt sich die Infiziertenzahl, ist zu lesen. Das sind in zwei Wochen über 10.000 Kranke. Ich denke nach, was jetzt das Wichtigste ist. Niemand soll krank werden. Ich denke nicht weiter. Das hat keinen Sinn. Den Kindern gebe ich schulfrei, die Druckerpatrone ist aus, und ich habe keine Ahnung, wo ich eine herkriegen soll. Sie machen lauter Blödsinn, vorrangig vor den Computern. Ich versuche alles an Konsequenz zusammenzukratzen und begebe mich in eine Skype-Konferenz, nach der mehr Fragen offen sind als vorher. Aber es ist nett zu sehen, wie die Kollegen so wohnen.

Tag 4 / Donnerstag

Wir haben in der Früh geplankt, für die Muskeln. Ich wäre beinahe nicht mehr aufgekommen, ich mache das ja normalerweise nicht. Der fast Achtjährige gibt mir eine lange Liste mit Namen von Kindern, die er für Samstag zu seiner Geburtstagsparty einladen möchte. Ich ziehe ihn auf meinen Schoß und erkläre noch einmal, dass er diesmal ein kleines Fest haben wird. Sein Papa wird sein Lieblingsessen kochen. Und sein Bruder ihm eine Torte backen, er kann sich wünschen, welche. Geschenke gibt es natürlich. Und wir werden die ganze Wohnung dekorieren. "Keine Omi?", fragt er. Nein, diesmal nicht, aber im Sommer dann machen wir ein riesiges gemeinsames Fest. "Dann bleibe ich so lange sieben, bis die Omi mitfeiern kann", sagt er. Er weint nicht. Ich weiß nicht genau, was in ihm vorgeht. Wie ist das, wenn mit sieben alles anders ist. Daheim und weltweit? Wir basteln ein wenig an der Deko für die Wohnung, aber so richtig Lust hat niemand von uns. Das liegt nicht an der Stimmung. Wir basteln einfach nicht gern. Die Putzfrau ruft an, sie kommt nicht mehr.

Auf Facebook wird darauf hingewiesen, dass die Herren Shakespeare und Beethoven in Zeiten von Seuchenquarantäne Meisterwerke geschaffen haben. Newton hat die Gravitation entdeckt. Ich erzähle den Kindern von dem österreichischen Wissenschafter, der an einem Medikament arbeitet, das gegen das Virus helfen soll. Der Kleine fragt, ob der Adolf Einstein heißt. Ich kann endlich lachen. Im Fernsehen zeigen sie Bilder von Fischen, die man in Venedig wieder im klaren Wasser erkennen kann. Sieht aus, als könnten in Europa die Klimaziele heuer erreicht werden. Gut.

18 Uhr. Ich mache das Fenster auf. Wir warten gespannt, was passiert. Es soll geklatscht werden, als Dank an die Arbeiter in den Systemerhalterjobs. Oder musiziert. Alles bleibt ruhig. Fad. Irgendwer hat geschrieben, es sind meist die Berufe, die immer den Ruf hatten, man müsse sie ergreifen, wenn man nichts Gescheites gelernt hat. Was wären wir jetzt nur ohne sie?

Die Nacht auf Freitag endet abrupt. Es ist vier Uhr früh. Ich setze mich auf und hab’s auf einmal verstanden. Das ist jetzt so. Das passiert wirklich. Ich muss die Sorgen wegdrücken, für die Kinder da sein. Keine Artikel mehr über Prognosen, über die Deutschen, die keine Sanitätsware nach Österreich durchlassen. Wo bleibt Europa? Die Solidarität? Was passiert mit den syrischen Geflüchteten an der Grenze zu Griechenland. In den Lagern auf Lesbos? Tirol hat zu spät reagiert! Jedes für sich ist es eigentlich wert, Thema für tagelange Twitterstürme zu sein. Immer noch kenne ich keinen Erkrankungsfall persönlich. Weil jetzt geht es ja erst richtig los, sagt man. In der Lombardei holt das Militär hunderte Tote ab, weil keiner kommt, um sie zu beerdigen. Wir sind zwei Wochen hinter den Italienern. Ich gehe im Wohnzimmer auf und ab, bis ich mich besser fühle. Der Hund bellt im Schlaf. Es wird Tag.

Tag 5 / Freitag

Es ist Abend. Den ganzen Tag vergeigt. Ich kapituliere. Ich bin ganz ruhig. Ich nehme mir jetzt das Privileg und genieße die Zeit mit den Kindern. Und aus. Ein Geschenk. Ich sitze am Bett der Buben. Der Kleine schläft mit Geburtstagskrone, damit er sie gleich in der ersten Sekunde, wenn er aufwacht, auf dem Kopf hat. Es wird die größte kleinste achte Geburtstagsparty werden, schöner und liebevoller als alles auf der Welt. Es wird das Fest sein, von dem wir bis ans Ende unserer Tage sprechen werden. Jetzt schließe ich noch eine Lebensversicherung ab und pumpe noch irgendwen um Geld an. Wird schon werden. Und dann gehe ich schlafen. Happy Birthday, Toni. (Heidi List, 21.3.2020)