Auf den Flanken des Shishapangma tobt der Sturm. Allein am Gipfel: Hans Kammerlander. "Es hat derart geblasen, es war grenzwertig. Aber ich wusste, der Abstieg ist nicht so schwer, ich bin in ein paar Stunden zurück", erinnert sich der Südtiroler an seine Tour auf den mit 8027 Meter niedrigsten aller 14 Achttausender im Mai 1996. Rund 100 Kilometer östlich im Himalaya bahnte sich unterdessen eine Tragödie an. Nach einem Wetterumschwung kamen auf dem vom Sturm noch heftiger getroffenen Everest (8848 m) acht Bergsteiger ums Leben. Das Drama wurde vom mitsteigenden US-Journalisten Jon Krakauer (In Eisige Höhen, 1997) ergreifend nacherzählt, vom isländischen Regisseur Baltasar Kormákur in den spektakulären Streifen "Everest" verpackt.

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Der Film beschreibt die teils aussichtslosen Überlebenskämpfe, die sich von 10. auf 11. Mai bei äußerst unwirtlichen Bedingungen in der sogenannten Todeszone abspielten. Nicht mehr zurück kamen etwa die Bergführer Rob Hall (gespielt von Jason Clarke) von einer neuseeländischen Expedition und Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) aus einem rivalisierenden US-Team.

Während ein zurückgelassener und vermeintlich toter Kunde am Ende doch noch – wenn auch mit schweren Erfrierungen, die Amputationen zur Folge hatten – überlebte, verlor etwa Hall von Erfrierungen schwer gezeichnet den Kampf um sein Leben, nachdem er auf rund 8.700 Metern über Nacht ausharren musste und der Versuch, ihn zu bergen, scheiterte. Via Satellitentelefon stand der 35-Jährige bis zuletzt mit dem Basislager und auch seiner schwangeren Frau Jan Arnold (Keira Knightley) in Neuseeland in Verbindung. "Ich liebe dich. Schlaf gut, mein Schatz. Mach dir bitte nicht zu viele Sorgen", sollten seine letzten vernommenen Worte sein.

Der Australier Jason Clarke spielt den Neuseeländer Rob Hall, der nach erfolgreicher Besteigung wegen eines Blizzards hoch oben am Everest biwakieren musste und tags darauf verstarb.
Foto: AP/ Universal Pictures

"Es war die Hölle pur da oben", sagt Kammerlander. Er sei schockiert und erstaunt gewesen, als er einige Tage später im Everest-Basislager eintraf und von der Tragödie erfuhr. "Es tut weh, wenn Menschen am Berg bleiben müssen", sagt der 63-Jährige. Er selbst hatte damals mehr Glück, er schaffte die Besteigung über die Nordseite in Rekordzeit und fuhr hernach – sofern möglich – auf Skiern ab.

Bildgewaltige Aufnahmen

Bei der Einschätzung des Films zeigt sich Kammerlander hin- und hergerissen. Der 2015 in den Kinos gelaufene Streifen sei großartig gemacht, dramatisch. Ein großer Film mit tollen Aufnahmen, allerdings für seinen Geschmack "etwas zu reißerisch, zu hollywoodmäßig". Er hätte "die Hintergründe etwas genauer beleuchtet." Ein ähnliches Bild zeichnen internationale Kritiker. Allgemeiner Tenor: technisch perfekt, starke, realitätsnahe Bilder. Die Motive der einzelnen Protagonisten seien allerdings nur angedeutet. Bemängelt wurde auch, dass Regisseur und Drehbuchautoren auf Schuldzuweisungen verzichten. Der Film war aber auch so ein Kassenschlager. Bei einem Budget von knapp 50 Millionen Euro brachte er rund das Vierfache ein.

Harsch reagierte Krakauer. Er bezeichnete den Film als kompletten Unsinn empfand ihn als Affront gegen ihn, weil er weder von Kormákur noch von Schauspieler Michael Kelly (im Film Krakauer) kontaktiert wurde. Zudem sei eine Szene samt Dialog frei erfunden worden. Nämlich jene mit Anatoli Bukrejew im Zelt am Südsattel.

Kontroverse um Kasachen Bukrejew

Der im amerikanischen Mountain-Madness-Team engagierte kasachische Bergführer bekam in Krakauers Werk sein Fett ab, weil er sich beharrlich weigerte, Flaschensauerstoff zu verwenden und so angeblich nicht die erhoffte Hilfe leisten konnte. Später kritisierte das auch Reinhold Messner.

Kammerlander aber sieht das anders. Der 1997 auf der Annapurna tödlich verunglückte Bukrejew habe Unmenschliches im Rettungseinsatz geleistet. Er sei damals der mit Abstand stärkste Höhenbergsteiger der Welt gewesen und habe bereits im Vorfeld erklärt, die Sauerstoffmaske aus Prinzip nicht zu nehmen, aber hilfreich zur Seite zu stehen und seine Erfahrung einzubringen. Sein gutes Recht, befindet Kammerlander, schließlich sei Flaschensauerstoff Doping – wenn auch erlaubtes – auf hohen Bergen. Kammerlander habe im Everest-Basislager persönlich mit dem Kasachen gesprochen. Seine Empfehlung umzukehren, sei missachtet worden, er habe die Leute aber nicht im Stich gelassen. Nachzulesen ist dies übrigens in Bukrejews Gegendarstellung "Der Gipfel".

Kammerlander ortet bei der Ursachensuche kapitale, eigentlich nicht zu entschuldigende Fehler von den Bergführern.
Foto: Stephan Keck

Drastische Fehlentscheidungen

Kammerlander nennt einige Gründe für die Katastrophe: Die zwei Expeditionen hätten sich zu viel treiben lassen und die Bergführer kapitale, eigentlich nicht zu entschuldigende Fehler gemacht, sagt er. So waren am späten Nachmittag manche nur noch mit knappen Sauerstoffreserven und im Schneckentempo Richtung Gipfel unterwegs, teilweise total am Limit. "Der Abstieg ist ja in erschöpftem Zustand auch kein Spaziergang", gibt Kammerlander zu bedenken. "Und dann sind die erfahrenen Bergführer wohl von der Intensität des Sturms überrascht worden."

Außerdem seien Leute dabei gewesen, für die "der Aufstieg auf den Großglockner über den Normalweg ausreichend gewesen" wäre. Zudem sei das Angebot "komplett wahnsinnig" gewesen, weil die Veranstalter den Gipfelerfolg fast garantiert hätten. Sie seien unter enormem Druck gestanden, den die Anwesenheit von Krakauer noch verstärkt haben dürfte. Der Journalist wollte ursprünglich einen Artikel über die "Kommerzialisierung des Everest" für das US-Magazin "Outside" verfassen. Sein verstörendes Buch hat schließlich dem Drama zum Trotz den Run auf das "Dach der Welt" weiter befeuert.

Warnung vor neuen Tragödien

Kammerlander wünscht allen, die aufbrechen, dass sie gut zurückkommen. "Mit oder ohne Gipfel, ist doch egal, Hauptsache es passiert nichts." Er warnt eindringlich vor weiteren Katastrophen im Everestgebiet. Tragödien, wie etwa jene 2014 mit 16 toten Sherpas im Khumbu-Eisbruch, würden sich wiederholen. "Es ist nicht anders vorstellbar, wenn sich so viele Leute in einer objektiv gefährlichen Zone bewegen. Man ist so mickrig in dieser großen Naturgewalt", so Kammerlander.

Kammerlander (aktuell nicht am Berg unterwegs): "Die Corona-Statistiken kann man in der Pfeife rauchen."
Foto: Atomic

Kein Fan von Corona-Statistiken

Aktuell ist auch Kammerlander gezwungen, auf Abenteuer zu verzichten. Er bedauert, trotz Prachtwetters auf Skitouren verzichten zu müssen. Zuhause im Ahrntal würde er nun gerne weiter an seinen Steyr-Puch-500-Oldtimern werken, doch er hat sich beim Schrauben einen Daumen gebrochen. Zu seinem Bedauern musste er wegen Corona auch eine Trekkingtour in Bhutan und eine Vortragsserie absagen. Stattdessen macht er sich Gedanken über einen historischen Film über die Skifahrt.

Kammerlander ist verwundert, wie man "aktuell mit dem Volk verfährt und Angst schürt." Die Welle werde vorbeigehen und die Corona-Statistiken könne man in der Pfeife rauchen, sagt er. Und während in Europa diskutiert werde, welche Maske zulässig sei, "wühlen Kinder in den Slums dieser Welt nach Essbarem. Das sind wirklich unter die Haut gehende Situationen." (Thomas Hirner, 28.4.2020)