Der Hass auf Bill Gates ist auf den Demonstrationen gegen die Covid-19-Auflagen unübersehbar. Hier ein Foto von einem Protest Ende April in Berlin.

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Es war ein bemerkenswerter Akt, der sich Mitte Mai im italienischen Parlament abspielte: In einer Rede forderte die Politikerin Sara Cunial (Fünf-Sterne-Bewegung) die Verhaftung des ehemaligen Microsoft-Chefs Bill Gates. Ihr schwerwiegender Vorwurf: Gates sei der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Sei es doch sein Ziel über einen von ihm entwickelten Impfstoff die Menschheit zu versklaven.

Verbreitung

Eine Verschwörungstheorie, die vor einigen Monaten noch von der breiten Masse verlacht worden wäre, in Zeiten der Coronakrise aber verblüffend viele Anhänger gefunden hat. Die Rede von Cunial wurde alleine auf ihrer eigenen Facebook-Seite mehr als 500.000-mal betrachtet, andere Kopien des Clips wurden gar millionenfach angesehen. Dass die Faktenchecker von Facebook das Video als "teilweise falsch" gekennzeichnet haben, scheint an diesem Umstand ebenfalls nur wenig zu ändern. Besonders erschreckend ist in diesem Zusammenhang eine aktuelle Studie von YouGov: Diese zeigt, dass 44 Prozent jener US-Bürger, die sich als Anhänger der Republikaner definieren, daran glauben, dass Gates vorhabe, Menschen über eine Covid-19-Impfung Mikrochips zu implantieren, um dann ihre Bewegungen überwachen zu können.

Lange Geschichte

Doch auch wenn das Ausmaß der Verschwörungstheorien gegen Gates neu sein mag, ihr Ursprung reicht weit zurück, wie Buzzfeed in einem aktuellen Artikel ausführt. Ausgangspunkt scheint dabei ein Artikel einer Boulevardzeitung aus Ghana zu sein. In diesem warf Mame-Yaa Bosumtwi, eine ehemalige Mitarbeiterin einer von der Gates Foundation finanzierten Initiative, dieser vor, mittels Impfstoffen an der Landbevölkerung zu experimentieren. Dabei sollen auch einige der Testpersonen verstorben sein.

Beweise für diese Behauptung konnte Bosumtwi nicht vorbringen. Ganz im Gegenteil widersprachen nicht nur die lokalen Gesundheitsbehörden dieser Behauptung, auch eine Befragung der angeblich betroffenen Frauen in der Region konnte keinerlei Belege liefern. Dafür vergass die Anklägerin ein anderes Details zu erwähnen: Nämlich, dass zuvor ihr Vertrag von der Initiative nicht verlängert wurde, und sie das Projekt im Streit verlassen hatte. Trotzdem verbreitete sich das Gerücht so stark, dass das Forscherteam nach Morddrohungen aus dem Land fliehen mussten. In den Folgejahren sollte sich das Ganze dann zum Vorwurf, dass die Gates Foundation einen Genozid an der schwarzen Bevölkerung plane sowie generell die Menschheit unter ihre Kontrolle bringen wolle, weiterspinnen.

QAnon

Angesichts dieser Vorgeschichte verblüfft es auch nicht, dass bei den ersten Berichten über Covid-19 einschlägige Kreise schnell mit den passenden Theorien zur Hand waren. Bereits im Jänner stellte etwa der Youtuber Jordan Sather, bekannter Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie, die Behauptung auf, dass der Coronavirus von Gates geplant sei.

Was zunächst für die meisten noch reichlich absurd klang, fand über die sozialen Medien rasche Verbreitung. Erst im März begannen Youtube, Facebook und Co auf diese Falschbehauptungen im großen Stil zu reagieren – da war es aber bereits zu spät, wie Melanie Smith, Expertin bei der Netzwerkanalysefirma Graphika, betont. Schon in den Vorwochen wurden große Teile der Bevölkerung solchen Verschwörungstheorien ausgesetzt, die Saat war also längst gestreut. Spätestens Anfang April war dann klar, dass Gates zum Hauptfeind der Verschwörungstheoretiker avanciert war. Und diese wurden angesichts der unklaren Faktenlage rund um Covid-19 mit ihren einfachen Erklärmodellen immer mehr.

Forderung

So hat eine US-Petition, die die Verhaftung von Gates fordert, mittlerweile mehr als eine halbe Million Unterschriften erreicht. Verbreitet wird all dies nicht zuletzt über Facebook-Gruppen wie "Collective Action Against Bill Gates. We Wont Be Vaccinated!!". Diese Versammlung von Impfgegnern soll laut den Zahlen der Analysefirma CrowdTangle mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder haben. Zum Teil warnt Facebook zwar mittlerweile die Nutzer vor dem Betreten dieser Gruppen vor den dort geteilten Falschnachrichten, das scheint der Popularität aber keinerlei Abbruch zu tun.

Demonstrationen

Unterdessen sind diese Theorien längst schon vom Online- ins reale Leben übergesprungen. In den vergangen Wochen gab es weltweit zahlreiche Proteste gegen die Covid-19-Verordnungen der jeweiligen Länder – und immer waren dort verschwörungstheoretische Plakate gegen Gates zu sehen. Auch in Österreich und Deutschland ist Gates so etwas wie der Hauptfeind der Demonstranten.

Bei den Betreibern der großen sozialen Medien betont man, offensiv gegen solche Inhalte vorzugehen. So entfernt etwa Youtube nach eigenen Angaben mittlerweile recht strikt solche Videos – zumindest so man sie in der großen Masse an täglich hochgeladenen Clips findet oder jemand sie meldet. Zudem hat Youtube in den vergangenen Jahren einige Änderungen an seinem Algorithmus vorgenommen, die verhindern sollen, dass solche Clips unbedarften Nutzern vorgeschlagen werden. Das treibt die Verschwörungstheoretiker aber natürlich nur in Richtung anderer Plattformen: Aktuell spielen gerade Telegram und WhatsApp bei der Verbreitung solcher Falschbehauptungen eine zentrale Rolle. (red, 26.05.2020)