Im Gastkommentar fordern die Wissenschafter Ulrich Brand, Andreas Exner und Christina Plank mehr finanzielle Mittel für die Katholische Sozialakademie.

Eine ganze Reihe von Problematiken drängt die Gesellschaften immer weiter in eine ökologische Krise mit unabsehbaren negativen Folgen für die Menschen: der Klimawandel, das Artensterben, die Zerstörung fruchtbarer Böden, die Versauerung der Ozeane, das Aufbrechen des Stickstoffkreislaufs und der Verlust von Wäldern, der nicht zuletzt eine der Entstehungsbedingungen des Virus Sars-CoV-2 darstellt. Diese Problematiken verschärfen sich trotz der Diskussion um Nachhaltigkeit seit den 1990er-Jahren. Es handelt sich also nicht um leicht lösbare politische Probleme, die mit einem neuen Gesetz oder der Einrichtung einer speziellen Institution, mit bloßem technischem Fortschritt oder individuellen Verhaltensänderungen in den Griff zu bekommen sind. Die ökologische Krise beruht vielmehr auf zutiefst problematischen gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen. Diese gilt es, grundlegend zu hinterfragen und zu überwinden.

Diese Lebensweise, die darauf beruht, dass der globale Norden Mensch und Natur in unseren Breiten, vor allem aber im globalen Süden ausbeutet, wurde seit den 1960er-Jahren öffentlich kritisiert. Die katholische Kirche war eine der Vorreiterinnen eines sozial-ökologischen Bewusstseins. Doch rückt erst die Enzyklika "Laudato si‘" von Papst Franziskus die ökologische Krise ins Zentrum des politischen und sozialen Handelns unserer Zeit. Um ihr auf eine angemessene und wirksame Weise zu begegnen, bedarf es einer kulturellen Revolution, wie der Papst betont, die auch die wirtschaftlichen und politischen Institutionen tiefgreifend umgestalten muss.

Tiefgreifender Wandel

Diese "ganzheitliche Ökologie" spiegelt sich in Franziskus’ Verständnis von Kirche und katholischer Soziallehre. Denn es geht ihm nicht darum, allgemeine Lösungen vorzuschlagen. Vielmehr verwebt er vielfältige Einsichten in die komplexe sozial-ökologische Krise, von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bis hin zu den Erfahrungen lokaler Gemeinschaften, und stellt heraus, dass die jeweiligen lokalen Akteure dazu berufen sind, auf die verschiedenen Erscheinungsformen dieser Krise zu antworten.

Der Papst als Klimaretter? Franziskus' Enzyklika "Laudato si'" rückt die ökologische Krise ins Zentrum des politischen und sozialen Handelns unserer Zeit.
Foto: AP / Andrew Medichini

Diese Herangehensweise zeichnet die katholische Soziallehre seit dem II. Vatikanischen Konzil Mitte der 1960er-Jahre aus. In Österreich fand sie ihren Ausdruck in der katholischen Sozialakademie, wo man sich schon vor der Enzyklika "Laudato si‘" der Frage der sozial-ökologischen Transformation in all ihren Facetten angenommen hat. Mehrere ihrer Dossiers, viele Veranstaltungen und öffentliche Stellungnahmen sowie eigene Lehrgänge widmen sich der Transformation einer strukturell nicht nachhaltigen Lebensweise.

Im Unterschied zu vielen anderen Akteuren wurde auch nicht davor zurückgescheut, die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels immer wieder zu unterstreichen. Anstatt die Wissenschaft in den akademischen Elfenbeinturm einzusperren, hat sie die Soziallehre als ein lebendiges Gewebe zusammen mit einer breiten Vielfalt gesellschaftlicher Akteure kontinuierlich weiterentwickelt und wurde so dem Transformationsanspruch gerecht.

"Relaunch" wozu?

Dies in Erinnerung zu rufen wäre nicht weiter notwendig, würde es nicht ein bezeichnendes Licht auf die jüngsten Vorgänge in der Österreichischen Bischofskonferenz werfen, die sich nicht nur von dieser Tradition, sondern auch von den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in erschreckendem Maße entfernt zu haben scheint. Denn die Bischofskonferenz hat angekündigt, die Sozialakademie einem "Relaunch" zu unterziehen, wonach sie "neu gedacht und als Institution neu definiert werden" soll.

Schlimmes ist hier zu befürchten, wenn die Bischöfe die Sozialakademie in technokratischer Sprache, die Papst Franziskus in "Laudato si'" so deutlich kritisiert, als ein "Kompetenzzentrum" missverstehen und zu einer "Marke" herabwürdigen. Sie teilen mit, dass sie sich einen "starken akademischen Ansatz in der Erforschung der katholischen Soziallehre" wünschen, und geben damit ein fehlgeleitetes Verständnis von Soziallehre auf der einen Seite und der Rolle der Kirche in der sozial-ökologischen Transformation auf der anderen Seite zu erkennen.

Die Soziallehre ist nicht ein von der Kirche und der Gesellschaft oder der katholischen Sozialakademie getrennter Gegenstand, der dichotom den Menschen gegenübersteht. Sie lebt und stirbt mit dem Leben der Kirche, der Gesellschaft und von Einrichtungen wie der Sozialakademie selbst. Hier gibt es nichts distanziert zu "erforschen", sondern nur lebendig zu verkörpern. Dafür steht die katholische Sozialakademie.

Offene Debatte

So verkennen die Bischöfe auch den State of the Art in der universitären Forschung. Angesichts der komplexen sozial-ökologischen Krise setzt diese nämlich zunehmend auf Interdisziplinarität und einen transdisziplinären Ansatz, der sich gerade nicht auf "akademische Erforschung" zurückzieht. Denn die Probleme unserer Zeit können nur dann gelöst werden, wenn die Wissenschaft den akademischen Elfenbeinturm aktiv verlässt und in Gesellschaft handelnd eingreift.

Die katholische Sozialakademie braucht keinen "Relaunch", sondern mehr finanzielle Mittel, um ihrem Auftrag in diesem Sinn gerecht zu werden und den Weg zu ebnen, den die Soziallehre der Kirche weist. Das ist auch das, was die Gesellschaft heute braucht: offene, lebendige Institutionen für die anstehende sozial-ökologische Transformation wie die katholische Sozialakademie, die akademisches Wissen mit Praxiswissen konkret verbinden, transformative Bildung anbieten und dazu beitragen, Probleme zu lösen. (Ulrich Brand, Andreas Exner, Christina Plank, 23.7.2020)