Die Soziologin Dani Kranz und der Soziologe Natan Sznaider schalten sich in die anhaltende Debatte um den Theoretiker des Postkolonialismus, Achille Mbembe, ein – und versuchen den Streit im Gastkommentar einzuordnen.

Achille Mbembe, Theoretiker des Postkolonialismus in Johannesburg, war eingeladen worden, im August den Eröffnungsvortrag zum Kulturfestival Ruhrtriennale zu halten. Der bundesdeutsche Beauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus Felix Klein und auch andere bezogen dagegen Stellung. Die Vorwürfe: Mbembe sei durch die Relativierung des Holocaust aufgefallen, setze den Staat Israel mit dem Apartheidsystem Südafrikas gleich, stelle das Existenzrecht Israels infrage, andere gingen weiter und stellten fest, er sei Antisemit. Mbembe war über diese Vorwürfe empört. Eine Gruppe jüdischer Wissenschafter und Künstler solidarisierte sich mit ihm, verteidigte seine Meinungsfreiheit und pochte auf den Unterschied zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus. Sie forderten in einem offenen Brief die Abberufung Kleins.

Zulässige Israel-Kritik oder doch mehr? Achille Mbembe, Theoretiker des Postkolonialismus, steht im Zentrum einer teils heftig geführten Debatte.
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Wie debattieren wir über Antisemitismus, Postkolonialismus und Zionismus, sodass es möglich ist, sich nicht gegenseitig zu beschimpfen? Können wir verstehen, dass der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein als Amtsträger der Bundesrepublik nicht anders handeln konnte, als er handelte? Ist es möglich, seine Äußerungen zu kritisieren, ohne gleich seine Abberufung zu fordern? Wie kann in dieser aufgeheizten, polarisierten Debatte der Brückenschlag zur Diskussion gelingen?

Wir glauben: Auf der einen Seite glauben die aufgeklärten Eliten an einen globalen menschenrechtlichen Diskurs, der aus dem Schock des Holocaust entstanden ist. Dieser gestaltet sich als Bahnbrecher, den Holocaust, aber auch andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit mitzufühlen. Allerdings entsteht so auch die Problematik, dass begriffliche Trennschärfen von Auschwitz als dem singulären Verbrechen verloren gehen. Damit werden für selbstverständlich gehaltene Wahrheiten infrage gestellt und gerade spezifisch deutsche Tabus gebrochen.

Ist es entsprechend der Einmaligkeit von Auschwitz und der deutschen Staatsraison konstruktiv für die Debatte, wenn Felix Klein im Auftrag der Regierung diese Selbstverständlichkeiten in Deutschland verteidigen will? Und ist es nicht Teil eines demokratischen Prozesses, dies wiederum infrage zu stellen? Die beiden Seiten haben wohl von ihrem jeweiligen Standpunkt aus Recht.

Uns geht es dabei nicht so sehr um die "Anerkennung der Andersheit" – einen inflationären und entsprechend kraftlosen Begriff. Es geht uns um eine Diskussionsgrundlage jenseits von ausweglosen Essenzialismen. Es sind gerade diese Debatten, die als jüdischer Binnendiskurs, aber auch mit der nichtjüdischen Umwelt geführt werden, die diese Fragen als existenzielle Fragen aufreißen. Es gibt durchaus Ansätze, die versuchen, die Verbrechen des Holocaust und des Kolonialismus in Verbindung zu verstehen. Ihnen gemeinsam ist die Suche nach einem tieferen Verständnis von verflochtener Geschichte.

Kolonialistische Denke

So gibt es postkolonialistische Ansätze, in denen zentrale Fragen der jüdischen Geschichte wie Assimilation, Exil, Minderheitsrechte, Heimatlosigkeit und Emanzipation – ein Kernthema des Postkolonialismus – grenzüberschreitend gelesen werden können. Auch bei Achille Mbembe ist dies der Fall. Er nähert sich diesen Fragen aus seiner eigenen Perspektive, die er selbst als "raison negre", was wörtlich übersetzt "Negervernunft" heißt, bezeichnet. Bewusst greift er schon mit diesem Begriff die kolonialistische Denke an, die rassistisch basiert annimmt, dass Nichtweiße zur Vernunft nicht fähig sind. Aus dieser Perspektive heraus, beeinflusst durch europäische Unterdrückung, gibt es weniger Hemmungen, Israel als weiße, europäische Kolonialmacht zu begreifen, was wiederum nicht ohne Widerspruch bleiben darf, da viele Juden Israel als Befreiung, ja, als den Garant ihres Lebens verstehen.

Hier liegt der Kern der Klein/Mbembe-Kontroverse: Klein argumentierte von einer anderen Zeit und von einem anderen Ort als Achille Mbembe. Es besteht die Möglichkeit, dass Menschen philosophische Zeitgenossen sein können, ohne notwendigerweise historische Zeitgenossen zu sein. Die Ungleichzeitigkeit ist daher auch ein Hauptmerkmal unserer Zeit. Es gibt keine homogene Gleichzeitigkeit. Gerade postkolonialistische und jüdische Stimmen pochen auf ihren Partikularismus. Und das ist gut so.

Es geht uns auch um einen –unseren – jüdischen Blick, der die Dichotomien zwischen Einheit und Vielfalt, Kontinuitäten und Brüchen, Heimat und Exil bricht. Diesen partikularen Blick wollen wir Achille Mbembe bei aller Kritik an ihm auch zugestehen. Deshalb sind die Missverständnisse in der Mbembe-Debatte in unseren Augen nicht peinlich, sondern als Fortschritt zu verstehen. Beide Seiten pochen auf ihr eigenes "Nie wieder". Es geht auch nicht um die Entlarvung des authentischen Antisemiten. Das funktioniert sowieso nicht. Eine postkritische Theorie verlässt das Entweder-oder und bewegt sich auf ein Sowohl-als-auch zu.

Gewaltgeschichte trennt

Wir sollten uns aber damit gleichzeitig keiner Illusion einer dialogischen Erinnerung oder machtfreien Kommunikation hingeben und auch nicht der, dass wir als positionslos, geschichtslos, als körperlose Wissenschafter über der Sache schweben. Gewaltgeschichte trennt, Konflikte können und sollen nicht weggedacht werden, so wie unsere partikularen Erinnerungen nicht einfach ausgetauscht werden können.

Politischer Diskurs ist nicht Gruppentherapie. Gewiss tragen wir persönliche, familiale, kollektive Geschichten in uns, von ihnen wurden unsere politischen Leidenschaften schon mitgeprägt. Aber wir sollten sie über kritische Selbstreflexion im Zaume halten. (Dani Kranz, Natan Sznaider, 25.7.2020)