Peter Handke anno 1982, dem Jahr, in dem er mit "Über die Dörfer" erstmals bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurde.

Picturedesk

Theatertexte von Peter Handke folgen einer ureigenen Poetik und Grammatik. Das Figurenpersonal entstammt einer ungewissen Welt, die Schauplätze gleichen abstrakten Erfindungen, und auch die Zeit ist aus den Fugen: "jetzt oder sonstwann". So heißt es im jüngsten Stück des Nobelpreisträgers, Zdeněk Adamec, das nun bei den Salzburger Festspielen im Landestheater uraufgeführt wird. Es erzählt von der Selbstverbrennung des gleichnamigen jungen Tschechen, der sich im März 2003 aus Protest gegen den korrupten Weltzustand auf dem Wenzelsplatz bei lebendigem Leib mit Benzin übergossen und angezündet hat. Regie führt Friederike Heller.

Handke ist ein Anti-Harold-Pinter, also ein Autor, dessen Interesse erst jenseits des schlüssig gezimmerten Theaterstücks anfängt, irgendwo in einer poetischen Landschaft, meist open air, damit auch der Wind blasen kann. Nie ein Wohnzimmer! Die Schauplätze seiner Dramen tragen die unkonkretesten Bezeichnungen, etwa "im hintersten Kontinent" oder "ein freier Platz im hellen Licht". Handke selbst (Karl-May-geprägt) nannte seine Orte einmal Western-Gelände. Und mühelos zieht die Sprache das Publikum in diese Landschaften hinein.

Schauen als Motiv

Immer dreht sich alles um das Schauen. Handke, der 1982 mit Über die Dörfer in der Regie von Wim Wenders bei den Salzburger Festspielen seinen Einstand feierte und dessen Immer noch Sturm (2011), inszeniert von Dimiter Gotscheff, überhaupt zu den Höhepunkten des Theaterjahrzehnts zählt, hat das Schauen zum zentralen Motiv seines Schreibens gemacht. Meist treffen Menschen auf freier Fläche zusammen und erschauen sich die Weltausschnitte, über die sie dann ins Sprechen kommen. Auch eine Erzählerfigur hat hier gelegentlich Zutritt, die mitbeschreibt und der letzte Beleg dafür ist, dass Handke Erfinder eines eigenen epischen Theaters ist: Es gibt die Szene und zudem die Situation dieser Szene, ein postdramatischer Zustand.

Handke ist der Letzte, der sich als Theateravantgardist empfindet – und er ist es doch. Er hat mit der Publikumsbeschimpfung (1966) seinen ersten Warnschuss an die Theaterliteratur abgegeben. Die Publikumsbeschimpfung war nicht nur das radikale Meisterstück eines karrierewilligen Jungliteraten, es hat formal Grenzen gesprengt und wurde zum Referenzwerk für Generationen. Seit mehr als fünfzig Jahren also schreibt Handke, der "Theaterfremde" (weil er sich außerhalb des Betriebes sieht), für die Bühne. Das Stück Die Fahrt im Einbaum (1999) hat er sogar dem "Theater als freiem Medium" gewidmet, und diesen Anflug von Optimismus natürlich sofort bereut.

Lange also bevor der Begriff der Postdramatik Ende der 90er seine Runde machte, war Handke schon mit Stücken wie Kaspar (Hinterfragen von Sprechweisen) oder Die Stunde da wir nichts voneinander wussten (eine einzige Regieanweisung ohne Sprechtext) vorangegangen. Es gibt keine formal vergleichbare Dramatik dieser Zeit, die unangestrengt, aber zugleich mit vehementer Wirkung um einen neuen Begriff des Dramatischen ringt und die das Theater aus den gewohnten Repräsentations- und Konfliktschleifen wachriss. Gattungsgrenzen zwischen Roman, Erzählung und Theaterstück hält Handke ohnehin für durchlässig.

"He, Leute!"

Durchlässigkeit ist auch einer der maßgeblichen Begriffe in Handkes Schreiben. Ebenso: Schauen, Übermut, Verirrung, Zorn, Traum, Verwunderung – und vor allem Spiel. In diesem Spiel ist dem Publikum immer ein Platz eingeräumt. Es ist laut mitgedacht, wird adressiert. Da heißt es "unser Spiel" oder "He, Leute!". Wobei die Tätigkeit des Zuschauers das Zuschauen selbst bleibt, aber eben in einer dem Text eingeschriebenen Weise. Die Illusion des Vorspielens ist durchbrochen – und bei diesen Koordinaten ist Handke eigentlich geblieben.

Das Betrachten wird hinterfragt: Ein Nachdenken setzt über das Erkennen ein, das aber sogleich wieder (von einer anderen Figur, die ebenfalls Augen und eine Meinung hat) torpediert wird. Was sehen wir da?, heißt es oft. Handke ist ein großer Blickverwischer, ein Advokat der Unschärfe, an der wir zu knabbern haben. Oft in einem hellen Tonfall, selbst bei finstersten Ereignissen (siehe Zdeněk Adamec). Es ist immer ein nachfragender, sich sorgender und doch im Grunde heiterer Sound, der Handke auszeichnet. Ursprünglich rührt er von den Beatles her und auch den Rolling Stones, die den Popliteraten der 60er inspiriert und geprägt haben. Das nur sechsseitige, formal völlig irritierende Stück Hilferufe von 1967 etwa geht direkt auf den Beatles-Song Help zurück.

Fragile Stücke

Handke ist Schriftsteller und wie seine Nobelpreiskollegin Elfriede Jelinek kein Theaterpraktiker. Er nimmt eine für junge Generationen fast schon ungebräuchliche Distanz zum Theaterbetrieb ein. Handke kann nur hoffen, dass seine Poesie vom Theaterbetrieb verstanden wird und dass seine fragilen Stücke, die sich auf kein inneres Stahlgerüst verlassen können, im enigmatischen Zusammenwirken aufgehen. (Margarete Affenzeller, 31.7.2020)