Gescreent und permanent gecheckt – was ist dann noch privat? Die Körpertemperatur vermutlich nicht mehr.

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Die Corona-Krise wird die Arbeitswelt nachhaltig verändern. Schon jetzt arbeiten Millionen Menschen im Homeoffice. Vieles deutet darauf hin, dass sie es auch in Zukunft tun werden. Aber nicht jeder kann von zu Hause aus arbeiten. Autos oder Handys können nicht in der heimischen Werkstatt produziert werden (zumindest nicht in industriellem Maßstab), Dienstleistungen wie anwaltliche Beratung nicht im Wohnzimmer erbracht werden.

Büros und Fabrikhallen wird es daher auch in Zukunft geben. Sie werden vermutlich nur sehr viel anders konzipiert sein. Das Büro der Zukunft, darin sind sich die Trendforscher einig, wird deutlich weniger Knöpfe und Berührungspunkte haben: Türen öffnen automatisch, Lichter werden durch Bewegungssensoren aktiviert, Fahrstühle per Sprachsteuerung geordert, Speisen und Getränke in der Kantine kontaktlos bezahlt.

Die Kontakte, die entstehen, müssen auch in der Arbeitswelt nachverfolgt werden. So hat der Autobauer Ford bereits im April in seinem Werk in Plymouth im US-Bundesstaat Michigan mit Wearables experimentiert, die vibrieren, wenn sich ein Kollege auf sechs Fuß (ca. 1,83 Meter) nähert. Das Armband erfasst mittels Bluetooth Kontakte. Kommt einem der Kollege zu nahe, poppt ein Warnhinweis auf der Smartwatch auf: "Sei vorsichtig. Du hast deine Interaktionen in der letzten Stunde um 1 erhöht." Auch der Vorarbeiter bzw. Chef wird über den Kontakt informiert.

Contact-Tracing-Apps im Büro

Zahlreiche Unternehmen testen derzeit eigene Contact-Tracing-Apps, um einen sicheren Präsenzbetrieb unter Einhaltung von Hygieneregeln und Abstandsgeboten zu gewährleisten. Die Unternehmensberatung PwC hat eine digitale Plattform namens "Zone Check" präsentiert, bei der Mitarbeiter unter anderem mit spielerischen Anreizen (Gamification) zum Abstandhalten motiviert werden können.

Das Hardware-Angebot wächst stetig. So hat das israelische Start-up Pointgrab einen smarten Sensor entwickelt, der die Distanz zwischen Personen in einem Raum misst. Wenn der vorgegebene Abstand nicht eingehalten wird, schlägt das System Alarm. Der Sensor erfasst dabei nicht nur die Zahl der Personen in einem Gebäude, sondern auch, ob sie in eine Richtung laufen.

So könnte beispielsweise das im Zuge von Corona eingeführte Einbahnstraßensystem kontrolliert werden. Laut einem Bericht von CNN sind die Sensoren unter anderem in Büros von Facebook, Dell und Coca-Cola installiert. Zwar betonte Pointgrab-Chef Doron Shachar, dass die Privatsphäre der Leute nicht verletzt werde. Trotzdem befürchten Datenschützer, dass Mitarbeiter in Büros auf Schritt und Tritt verfolgt werden können.

Nicht neu, aber ...

Überwachung am Arbeitsplatz ist kein neues Phänomen. Im Bergbau kommen seit einiger Zeit Wearables zum Einsatz, um etwa die Konzentrations- und Müdigkeitslevels der Arbeiter zu messen oder sie mithilfe von Sensoren vor gefährlichen Gegenständen zu warnen. Der US-Paketlieferdienst UPS hat seine Lieferwagen schon vor Jahren mit Sensoren ausgestattet, um zu sehen, wann die Fahrer die Türen öffnen und schließen, den Motor starten oder ob sie angeschnallt sind. Die Investmentbank Barclays ließ unter den Schreibtischen ihrer Mitarbeiter Bewegungsmelder installieren, um zu prüfen, ob gerade jemand an seinem Platz sitzt.

Die Corona-Pandemie könnte die Überwachung noch invasiver machen. So werden die Mitarbeiter der Fastfood-Kette Subway in einer Filiale in Los Angeles täglich von einer Fieber- und Gesichtserkennung gescreent, um keine Infektion einzuschleppen. Immer mehr Unternehmen setzen auf Wärmebildkameras oder Stirnthermometer, um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und Kunden zu checken. Wer Fieber hat, muss draußen bleiben.

Die Frage ist: Welche Informationen können Arbeitnehmer noch verbergen? Krankheiten? Schwangerschaften? Wie werden die sensiblen Gesundheitsdaten geschützt? Mithilfe von Fieberkontrollen könnte ein Arbeitgeber zum Beispiel sehen, dass eine Angestellte schwanger ist, weil werdende Mütter eine höhere Körpertemperatur haben.

Wärmebildkameras als neue Normalität

Daniel Putterman, Vizechef des Wärmebildkameraherstellers Kogniz, sagte der Washington Post: "Ich glaube nicht, dass die Körpertemperatur noch Teil einer privaten Information ist." Das heißt im Umkehrschluss: Die Körpertemperatur ist öffentlich. Wärmebildkameras könnten wie Metalldetektoren bald zur neuen Normalität gehören. Allein der Gedanke, dass der menschliche Körper wie ein Gepäckstück durchleuchtet wird, bereitet Datenschützern und Bürgerrechtlern Sorge.

"Wollen wir wirklich eine Welt, in der manche Leute zur Arbeit können und andere auf Grundlage ihres Immunitätsstatus nicht?", fragte der Rechtsprofessor Hank Greely in der New York Times. Abgesehen von der Tatsache, dass die Messverfahren zum Teil sehr ungenau sind, besteht die Gefahr, dass durch solche Screeningpraktiken eine soziale Selektion zwischen Kranken und Gesunden vollzogen wird.

Harvard-Mediziner haben kürzlich eine smarte Toilette entwickelt, die anhand von Stuhl- und Urinproben mithilfe eines Algorithmus Krankheiten wie Krebs erkennen und die Gesundheitsdaten in die Cloud senden. Wenn solche Hightech-Sanitäranlagen künftig in Büros installiert werden, ist nicht mal mehr der Toilettengang privat. (Adrian Lobe, 14.11.2020)