Die Covid-19-Pandemie wird diese Spaltung noch weiter vertiefen, sagt Soziologin Carina Altreiter im Gastkommentar.

Die Positionierungen entlang der Spaltungslinien können sich durchaus ändern.
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Das Bild einer gespaltenen Gesellschaft ist zu einem ständigen medialen Begleiter geworden: die Willkommenskultur gegen die Grenzendichtmachung während der Flüchtlingskrise 2015, die "Leavers" gegen die "Remainers" beim Brexit-Referendum in Großbritannien oder auch jüngst wieder Republikaner gegen Demokraten im US-Präsidentschaftswahlkampf. Dieses Bild ist zu Recht beunruhigend, erweckt es doch den Eindruck, dass die Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager gespalten sei. Auseinandersetzungen finden nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander statt, und das mitunter auch gewaltvoll.

Mehrfach gespalten

Dieses Bild der Tribalisierung, wie es vor allem für die USA gezeichnet wird, wird der empirischen Realität hierzulande allerdings nicht gerecht. Eigene Forschungen zu Fragen des sozialen Zusammenhalts und der Solidarität in Österreich haben gezeigt, dass wir es nicht mit einer, sondern mit mehrfachen Spaltungslinien zu tun haben, entlang derer Menschen Abgrenzungen vornehmen oder Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen. Die sozialstaatliche Solidargemeinschaft zeigt drei Spaltungslinien. Erstens Spaltungen entlang eines Leistungsprinzips. Was wird von Angehörigen einer Solidargemeinschaft als Beitrag zum Allgemeinwohl erwartet? Zweitens Spaltungen entlang von nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit. Wie werden das Innen und das Außen der Solidargemeinschaft definiert? Drittens Spaltungen entlang der Klassenlage. Wie sind Zugänge zu Chancen und Ressourcen, aber auch Wertschätzung und Anerkennung in der Gesellschaft verteilt?

Unversöhnliche Haltungen

Entlang dieser Spaltungslinien gibt es eine Bandbreite von Haltungen, die von universell solidarisch bis darwinistisch ausgrenzend reichen. An den Polen finden wir tendenziell unversöhnliche Haltungen, die noch am ehesten dem Bild der Spaltung nahekommen. Etwa wenn es um Leistung geht: auf der einen Seite die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, auf der anderen Seite der autoritäre Anspruch, dass "wer nicht arbeitet, auch nicht essen" soll. In der breiten Mitte, welche die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht, vermischen sich allerdings solidarische und ausgrenzende Haltungen.

Politik als Motor

In der Mitte sind die Orientierungen auch weniger stark gefestigt als an den Rändern. Die Positionierungen entlang der Spaltungslinien können sich also durchaus ändern. Eigene Erfahrungen spielen hier eine Rolle, wie auch Auseinandersetzungen, die im Kleinen – in der Nachbarschaft, unter Kolleginnen und Kollegen oder am Stammtisch – und im Großen – in Politik und Medien – geführt werden. Die Politik ist dabei ein wesentlicher Motor, der Spaltungslinien vertiefen und verschieben kann. Der Aufstieg rechtspopulistischer und rechtskonservativer Parteien in Europa hat dazu beigetragen, dass im politischen Diskurs vor allem die Spaltungslinien der nationalen und ethnischen Zugehörigkeit in den Vordergrund gerückt werden. Die Spaltung entlang von Klassenunterschieden wird hingegen tabuisiert. Stattdessen haben wir einen von einem neoliberalen Geist inspirierten Leistungsdiskurs, in dem Markterfolg mit Leistung gleichgesetzt wird und der eher dazu beiträgt, bestehende Ungleichheiten zu legitimieren als zu hinterfragen. Im extremen Fall kommt es zu einer Substanzialisierung, indem bestimmten ethnischen Gruppen pauschal Leistungsfähigkeit abgesprochen wird.

Reales Leiden

Doch das reale Leiden an den Klassenverhältnissen ist nicht verschwunden. Viele Menschen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie unten stehen, kämpfen täglich mit steigendem Arbeitsdruck, existenziellen Unsicherheiten und Missachtung. Schon jetzt ist klar, dass die Covid-19-Pandemie diese Spaltung noch weiter vertiefen wird. So traf der massive Beschäftigungsrückgang während des ersten Lockdowns im Frühjahr vor allem Arbeiterinnen und Arbeiter (minus zwölf Prozent) und kaum Angestellte oder Beamtinnen und Beamte (minus 0,8 Prozent laut Wifo). Diese Situation nährt Ungerechtigkeitsgefühle, weil legitime Erwartungen an gute Arbeit, sozialen Status und Teilhabe enttäuscht werden. Diese Verletzungen haben in der öffentlichen Auseinandersetzung keinen Platz mehr. In dieser Repräsentationslücke gelingt rechtspopulistischen Parteien eine Problemverschiebung, indem niedrige Löhne und prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen nicht in Verbindung mit der Umverteilung von unten nach oben gebracht werden, sondern Migrantinnen und Migranten zu den Sündenböcken gemacht werden.

Mögliche Brücken

Die Studie "Umkämpfte Solidaritäten", an der ich beteiligt war, zeigt, dass die Grundlagen für Brückenschläge zwischen den Spaltungslinien durchaus vorhanden sind. Jene können auf verschiedenste Weise unterstützt werden. Der Vorherrschaft des Leistungsprinzips, das den individuellen Markterfolg betont, könnte durch die Aufwertung des Bedarfsprinzips begegnet werden, das sozialstaatliche Leistungen aufgrund von Bedürfnissen unabhängig von zuvor erbrachten (Arbeits-)Leistungen gewährt. Einer einseitigen Fokussierung auf Unterschiede zwischen den Menschen könnte man – wie die kanadische Soziologin Michèle Lamont vorschlägt – einen "einfachen Universalismus" entgegenhalten, der darauf fokussiert, was Menschen überall auf der Welt gemeinsam haben. Der wachsenden Kluft zwischen Reich und Arm ist mit einer entsprechenden Umverteilungspolitik beizukommen. Zu guter Letzt muss eine offene Gesellschaft daran interessiert sein, möglichst vielfältige Räume zu haben, wie zum Beispiel eine gemeinsame Schule, in denen sich unterschiedliche soziale Gruppen begegnen können. Wobei auch klar sein muss: Begegnung allein garantiert noch keine Einsichten und kein Verständnis. Aber sie wäre eine notwendige Voraussetzung dafür. (Carina Altreiter, 20.11.2020)