Eigene Klima-Newsletter, Sondersendungen, einwöchige Schwerpunkte, neue Medienprojekte. Seit ein, zwei Jahren tut sich etwas im Journalismus: Er kümmert sich vermehrt um die Klimakrise. Es wird mehr berichtet, teilweise auch anders, in manchen Fällen besser und detaillierter. Wird die Medienbranche damit der Herausforderung gerecht, vor der wir als Menschheit stehen – binnen weniger Jahre unsere Gesellschaft und das Wirtschaftssystem so umzubauen, dass eine Klimakatastrophe verhindert werden kann? Trotz gewisser Fortschritte sieht es nicht danach aus. Denn die meisten Medien machen großteils weiter wie bisher. Insgesamt sind die Klimakrise und der Kampf um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen von einem Thema dritter Klasse in die zweite Kategorie aufgestiegen. Aber das wird nicht reichen. Den Medien trifft ein großer Teil der Schuld, warum es überhaupt so weit kommen konnte, und sie sind weiterhin meilenweit davon entfernt, jahrzehntelange Versäumnisse aufzuholen.

Der Planet brennt – und was tut die Medienwelt?
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Leitartikel allein ändern nichts

Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft (womit selbstverständlich nur in BIP gemessene Marktaktivität gemeint ist), Kultur, Sport: Umweltthemen fallen in keines der klassischen Ressorts, haben nicht dasselbe Prestige, auch wenn sie seit einiger Zeit zunehmend integriert werden. Dieser Bedeutungsgewinn ist aber nur relativ. Die Normalität ist weiterhin, dass fast jede Tageszeitung täglich mehrere Seiten Sport bringt, während sich die Klimakrise auf einzelne Artikel oder sporadische Schwerpunkte beschränkt. Dass im Fernsehen täglich über Kultur und den Stand der Börsen berichtet wird, während die Klimakrise nur rund um den jährlichen Weltklimagipfel oder Proteste von Fridays for Future wirklich gecovert wird. Angesichts der Aufgabe, vor der die Menschheit steht, ist das ein kollektives Versagen einer ganzen Branche. Um es ganz klar zu sagen: Es ist schlichtweg absurd und unsagbar schädlich, dass der Einsatz für unsere Lebensgrundlagen kein integraler Teil des Journalismus ist.

Dabei gibt es durchaus Problembewusstsein unter Journalistinnen und Journalisten, zumindest lässt sich das aus manchen Statements und Artikeln schließen. Ende 2020 schrieb Profil-Chefredakteur Christian Rainer in einem Leitartikel: “Corona ist klein. Die Klimakatastrophe wird unendlich groß.” In der Themenauswahl des Profil ist abgesehen von einem neuen Podcast von dieser Erkenntnis noch wenig zu sehen. Doch Rainer ist bei weitem nicht der einzige Medienmacher, bei dem Wissen und Handeln weit auseinanderklaffen. Hier unterscheiden sich die Medien nicht von anderen Teilen der Gesellschaft. Das ist in ihrem Fall aber besonders bitter, denn sie könnten mit entsprechender Berichterstattung gesellschaftlichen Wandel mit ermöglichen. Doch bisher sind Journalistinnen und Journalisten wie Sara Schurmann, die das wahre Ausmaß der Bedrohung erkannt haben, rar.

Je größer, desto weniger Klima

In vielen größeren Medienhäusern gibt es mittlerweile zumindest ein Redaktionsmitglied, das sich regelmäßig mit der Klimakrise und anderen ökologischen Themen beschäftigt. Von ihnen hört man jedoch vielfach, dass Chefredakteure oft richtiggehend überredet werden müssen, Klima-Beiträge anzunehmen. Dagegen bieten manche neuen Medien, die sich auf Ökologie fokussieren, besonders interessierten Menschen ein großes Angebot. Podcasts und Videos erklären verschiedene Aspekte der Krise ausführlich. Das Problem daran: Das Thema bleibt ein optionales Angebot, insgesamt gibt es zu wenig Beitrag zu gesamtgesellschaftlichen Debatten und Meinungsbildung. Das zeigt sich besonders an der abnehmenden Priorität des Themas, je bedeutender die Redaktion wird. 

Ein besonders deutliches Beispiel dafür ist in Österreich die "Zeit im Bild". Längere und gut recherchierte Klima-Beiträge sind hier Mangelware, besonders in ZIB1 und ZIB2. Und auch Armin Wolf bereitet sich von außen betrachtet wohl intensiver auf Interviews mit Bürgermeistern vor, die sich bei der Corona-Impfung vorgedrängelt haben, als auf Fragen an Spitzenpolitiker:innen zu deren Klimaplänen. Überhaupt scheint sich der bedeutendste Journalist des Landes recht wenig für das Klima zu interessieren, wie sein Blog verrät, auf dem er sich regelmäßig zu allen möglichen Themen äußert. Sucht man dort nach dem Begriff “Klima”, finden sich exakt drei Einträge, zwei davon zu Ex-Kanzler Viktor Klima. Nur in einem Artikel wird in einem Nebensatz “Klimapolitik” erwähnt. Dieses Desinteresse zeigte sich auch in der ZIB2 zur Inauguration von Joe Biden, wo eine der potenziell bedeutendsten politischen Entscheidungen dieses Jahrhunderts, der Wiedereinstieg der USA ins Paris-Abkommen, nicht mehr als ein Nebensatz unter "Außenpolitik" war.

Im Journalismus gilt also in der Regel noch immer: Je größer, desto weniger Klima. Eine Erklärung dafür ist so banal wie erschreckend: Manche Klima-Journalistinnen und -Journalisten sagen über ihre Kolleginnen und Kollegen ganz offen, dass sich viele schlicht und einfach nicht für Klimathemen interessieren.

Absurde Normalität

Es gibt verschiedene Gründe, warum umfassende Berichterstattung zur Klimakrise bisher fehlt und sie manchmal kontraproduktiv ist. So steht vielen Medien ihre Profitorientierung im Weg, die Notwendigkeit Inseratenkundschaft zu gewinnen und zu halten, Klicks und Auflagen nach oben zu treiben. Doch auch in davon weniger abhängigen öffentlich-rechtlichen Medien ist die Situation keineswegs besser. Als Erklärung für fehlende Berichterstattung beklagen Journalistinnen und Journalisten vielfach, dass es oft einfach nichts Berichtenswertes gäbe, sich “keine Geschichte” finde. Die Wahrheit ist: Sie suchen nicht danach. Schon jetzt haben die Klimakrise und ihre Ursachen täglich Auswirkungen auf uns alle, schon heute können die Lösungen unsere Leben besser machen.

Keine Ausrede gibt es für die oft schädliche Art, wie viele Journalistinnen und Journalisten über die Klimakrise kommunizieren. Immer noch stellen sie die Folgen der Erderhitzung als zeitlich und räumlich weit entfernt dar, es geht um Eisbären und künftige Generationen. Ganz nahe sind dagegen die Kosten von Klima-Lösungen, viel zu oft sind sie kein Nebensatz, sondern stehen prominent im Titel. Als Medienkonsumierende finden wir es normal, bei jedem Bauprojekt über dessen Auswirkungen auf die Arbeitsplätze informiert zu werden, aber nicht darüber, wie viel Boden es verbraucht. Regelmäßige Ausblicke auf das Wirtschaftswachstum sind Standard, während fast nie berichtet wird, wie unsere Wirtschaftsweise täglich Arten für immer verschwinden lässt.

Eine Geißel der Klimakommunikation nennt sich “Bothsideism” oder falsche Ausgewogenheit. Jahrzehntelang wurden Klimawandel-Leugnenden der gleiche Platz eingeräumt wie anerkannten Wissenschaflerinnen und Wissenschaftern. Nicht nur in den USA, wo die von Fossil-Konzernen finanzierte Industrie der Klimaleugnung ihren Hauptsitz hat. Doch auch in Österreich wird weiterhin viel zu oft Desinformation eine Bühne gegeben, anstatt umfassende Debatten über Lösungen für die ökologische Krise zu führen. Auch noch im Jahr 2021: Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die Presse einen Gastkommentar des unter Klimaforscherinnen und Klimaforschern berüchtigten “Klima-Skeptikers” Björn Lomborg. Eine zweiminütige Onlinerecherche hätte ausgereicht, um zu erkennen, dass es sich bei ihm um einen oft widerlegten, gefährlichen Verharmloser handelt. Und das ist kein Einzelfall.

Medien muss endlich klar werden, dass heute nur mehr zwei Gruppen in der Klimadebatte relevant sind: jene, die reformistische Lösungen vertreten, und andere, die radikale Strategien vorschlagen. Zwischen diesen Positionen verläuft die Debatte, die es zu führen gilt. Die Zeit des Leugnens ist vorbei.

Ein neuer Leitsatz

“Corona ist klein. Die Klimakatastrophe wird unendlich groß.” Wenn man Rainers Worte ernst nimmt – und das sollten wir –, dann muss man daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen. Wenn die Klimakrise gefährlicher ist als die Pandemie, dann muss die Berichterstattung darüber mindestens so groß werden wie jene über Covid. Es braucht tägliche Berichte und Updates, alle relevanten Stimmen müssen gehört, die Bürgerinnen und Bürger eingebunden werden. In Interviews darf es für die Politik keinen Hinterausgang mehr geben, indem sie auf langfristige Ziele und zukünftige technologische Innovationen verweisen. Klimakrise ist jetzt.

Außerdem müssen Medien einen internen Diskurs über die Bedeutung der Klimakrise für das eigene Handeln führen. Die britische Zeitung "The Guardian" hat das getan und seiner Redaktion wegweisende Richtlinien verpasst, inklusive einer klimagerechten Sprache: Redakteurinnen und Redakteure sollen dort unter anderem “Klimanotstand” verwenden, statt des harmlos klingenden “Klimawandel”, “Erderhitzung” anstelle der angenehm wirkenden “Erderwärmung”. Schon vor einigen Jahren bezeichnete Alan Rusbridger, der damalige Chefredakteur des Guardian, die Klimakrise als die "größte Geschichte der Welt".

Die Klimakrise wird sich auf alle Bereiche der Gesellschaft auswirken. Das bedeutet, dass Medien in allen Ressorts über ihre Aspekte berichten müssen. Wissen zu ökologischen Zusammenhängen, den wichtigsten Strategien gegen die Klimakrise, positiven Aspekten und möglichen Problematiken von Klimaschutz-Maßnahmen muss grundlegendes Handwerkszeug eines jeden Journalisten, einer jeden Journalistin werden. So wie eine jede, die bei einem österreichischen Medium arbeiten will, über das demokratische System und Menschenrechte informiert sein muss. Dass es möglich ist, zeigt einmal mehr Covid: Innerhalb weniger Monate haben sich Journalistinnen und Journalisten in Epidemiologie und Impfstoffherstellung eingelesen, sind stets auf dem neuesten Stand darüber, was die Pandemie für ihren Bereich bedeutet.

Information über die Klimakrise ist die zentrale Aufgabe im Jahrzehnt, das über die Zukunft der Menschheit entscheidet. Das muss zu einem Leitsatz der Medienwelt werden. (Manuel Grebenjak, 5.2.2021)

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