Für ein Kind ist es immer schmerzhaft, wenn es herausfindet, dass ein Elternteil einen Seitensprung oder eine Affäre am Laufen hat. Je jünger das Kind jedoch ist, desto eher frisst es den Schmerz in sich hinein, anstatt darüber zu reden.

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"Ich war gerade elf Jahre alt, als ich Nachrichten entdeckte, die mein Vater an eine fremde Frau schickte. Darin schrieb er Sätze wie: 'Ich liebe dich, Schatz.' Aber nicht an meine Mutter. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also habe ich niemand etwas gesagt", erzählt die heute 25-jährige Sophie*.

Als Kind wirkt die Liebe noch total unkompliziert. Als Erwachsener merkt man dann: Beziehungen können ganz schön komplex sein, Ehen verlaufen nicht gradlinig, und das mit der ewigen Treue bleibt am Ende doch oft nur ein Märchen. Ein Seitensprung, sollte er auffliegen, bedeutet eine große Herausforderung für die Beziehung. Noch belastender ist der Betrug allerdings, wenn Kinder in das Thema verwickelt oder zu Mitwissenden werden.

Sophies Vater freundete sich vor vierzehn Jahren mit einer Frau an, die er im Zug kennengelernt hatte. Er half ihr bei der Jobsuche. Da die Bekannte selbst kein Mobiltelefon hatte, bat er seine damals elf Jahre alte Tochter, ihres zu verleihen. Diese willigte ein. Wochen später bekam Sophie ihr Handy zurück und entdeckte darauf Nachrichten, die ihr Vater an die Frau geschrieben hatte. Sie erzählte weder ihren Eltern noch den beiden Schwestern davon. Zwei Jahre später ließen ihre Eltern sich scheiden, später erfuhr Sophie, dass die andere Frau der Grund dafür war. Bis sie jemanden von ihren Entdeckungen erzählte, vergingen weitere Jahre. Irgendwann sprach sie über das Thema, weil sie merkte, dass es sie noch belastet.

Unter der Oberfläche

Die Wiener Psychologin Simone Fröch kennt dieses Problem: "Eine solche Entdeckung kann für ein Kind sehr schmerzhaft sein, starke Ängste in ihm auslösen und sein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit erschüttern." Vor allem jüngere Kinder würden sich dabei häufig nichts anmerken lassen, denn sie besitzen noch die Fähigkeit, extrem Belastendes aus dem Bewusstsein zu schieben. Für das Kind bedeutet das aber, dass die Gefühle im Inneren weiterarbeiten. Manches sucht sich dann ein Ventil: "Aggressive und zerstörerische Verhaltensweisen, aber auch Rückzug, Niedergeschlagenheit und Verlust an Interessen könnten Hinweise darauf sein, dass das Kind mit der Situation überfordert ist und Hilfe braucht", sagt Fröch.

Heute haben Sophie und ihr Vater kaum noch Kontakt, was aber nicht nur an dem Betrug liege, wie sie sagt. Anderen Menschen zu vertrauen fällt ihr seither schwer: "Besonders schlimm sind für mich kleine Lügen, die eigentlich unnötig sind und nichts Großes zu bedeuten haben." Am Anfang einer Beziehung sei Sophie meistens ziemlich eifersüchtig, weil ihr das Grundvertrauen fehle. Dieses unsichere Gefühl könne sich erst nach einiger Zeit auflösen. Inwieweit all das etwas mit dem Betrug des eigenen Vaters zu tun hat, weiß Sophie nicht.

Bitte verletz mich nicht

Ähnlich geht es Roman* (27): "Ich vertraue mich anderen Menschen schwer an, spreche nicht leicht über meine Probleme. Ich bin eher ein einsamer Typ." In seiner ersten Beziehung mit 18 Jahren war Roman sehr eifersüchtig. Ständig hat ihn der Gedanke daran verfolgt, was sein Vater damals hinter dem Rücken der Mutter gemacht hat.

Roman war zwölf Jahre alt, als er mit seinem Vater allein auf Urlaub war und im Bad Gespräche zwischen seinem Vater und einer Frau mithörte. Sein Vater würde etwas Besseres als Romans Mutter verdienen, wurde gesagt. Erst dann bemerkte Roman, dass sein Vater oft in der Nacht verschwand und in anderer Kleidung nach Hause kam. Als Kind realisierte er nicht, was all dies bedeutete. Sobald er zu Hause war, erzählt er seiner Mutter davon, die daraufhin ihren Ehemann konfrontierte. Romans Vater zog wenige Wochen später aus dem gemeinsamen Haus aus. "Obwohl es so viele Jahre her ist, haben wir bis heute ein schwieriges Verhältnis. All das hat mich sehr verletzt."

Romans Mutter erklärte ihm damals, dass so etwas in einer Beziehung nicht vorkommen dürfe. "Sie sprach mit mir über die Ehe und was es bedeutet, eine Familie zu sein. Wie wichtig es ist, füreinander da zu sein", sagt Roman. Seinem Vater gegenüber sprach er das Thema erst Jahre später noch einmal an. Dieser sah keinen Fehler bei sich, erklärte ihm, Betrug liege in der Natur des Mannes. Dass das Blödsinn ist, weiß Roman. "Er versteht, dass er mich traurig gemacht hat. Aber er findet auch, dass ich insgesamt für einen Mann zu viele Gefühle habe", erinnert sich Roman an den Versuch eines klärenden Gesprächs.

Liebst du mich noch?

Viele Kinder, denen so etwas passiert, fragen sich, ob der fremdgehende Elternteil sie noch liebt. Sie sehen den Betrug nicht als etwas, das zwischen den Eltern passiert ist, sondern fühlen sich, als wären auch sie selbst betrogen worden. Psychologin Fröch erklärt, woran das liegt: "Dass Kinder die Liebe ihrer Eltern zu sich infrage stellen, passiert aufgrund der Bindung, die Kinder zu den Eltern haben. Emphatische Kinder übernehmen oft die Empfindungen der Eltern und leiden mit ihnen mit." Das verunsichert das Kind. Manche Kinder würden sich etwa fragen: "Darf ich Papa noch mögen, wenn Mama wegen ihm traurig ist? Wenn mein Papa meine Mama nicht mehr lieb hat und von ihr weggeht, hat er dann mich noch lieb? Wenn Mama Papa anlügt, lügt sie dann auch mich an?" Laut Fröch könne eine solche Erfahrung das Vertrauen kleiner und großer Kinder schwer erschüttern.

Julia* ist erst 20 und hat schon sehr früh viele Affären ihres Vaters miterlebt. Getrennt hätten sich die Eltern aber erst später. "Mein Vater war Tauchlehrer und hatte immer wieder andere Frauen. Als ich zwölf war, hat er eine Frau in einem seiner Kurse kennengelernt, und ich hab gesehen, wie sie herumgeschmust haben. Ein paar Tage später kam die Frau auf mich zu und fragte mich, ob ich sie Mama nennen möchte. Dann hat sie auch meiner Mutter eine SMS geschickt, dass sie etwas mit meinem Vater hat." Obwohl so etwas immer wieder passierte und auch Julias Mutter davon wusste, kam es nicht zu einer Trennung. Heute haben Julias Vater und sie keinen Kontakt mehr zueinander. "Mir war die gesamte Situation damals als Kind sehr peinlich. Wenn wir alle nicht da waren, hat er die Frauen auch mit nach Hause gebracht, und alle wussten davon", sagt sie.

Die Situation auflösen

Fröch erklärt: "Eine solche Situation kann sich auf unterschiedliche Weisen auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirken. Ein Kind kann zum Beispiel sehr zornig auf beide Elternteile werden. Es kann aber auch in ein unlösbares Dilemma geraten. Soll es das Geheimnis aufdecken und dem betrogenen Elternteil davon erzählen? Soll es lieber schweigen und die Lüge damit decken? Wie es sich auch entscheidet, es fühlt sich einem Elternteil gegenüber als Verräter und damit schuldig."

In einer solchen Situation sei das Kind auf das Bemühen beider Elternteile angewiesen. Und das wiederum ist vor allem für den betrogenen Elternteil oft extrem schwer. Wie auch immer die Situation zwischen den Eltern gelöst wird, das Kind sollte laut der Kinderpsychologin niemals mit hineingezogen werden: "Respektieren Sie, wenn es andere Gefühle hat als Sie selbst. Bleiben Sie sachlich. Beschreiben Sie die eigenen Empfindungen (Ich-Botschaft), statt über den anderen Elternteil zu schimpfen. Sagen Sie nicht: 'Sie hat mich verletzt', sondern: 'Ich bin verletzt.' Fordern Sie vom Kind keine Solidarität, denn das würde es förmlich zerreißen."

Ehrlichkeit und Sicherheit

Eine Studie von Elite-Partner im Jahr 2020 fand heraus, dass 27 Prozent aller Männer und 31 Prozent aller Frauen zumindest einmal in einer langfristigen Beziehung betrügen. Demnach sind die Geschichten, die Roman, Sophie und Julia beschreiben, vermutlich keine Einzelschicksale. Obwohl in diesen drei Fällen die Väter die Betrüger waren, gibt es auch viele Frauen, die an Treue scheitern. Laut der Elite-Partner-Studie ist der Prozentsatz sogar höher als bei Männern.

Doch wie geht man als betrügendes Elternteil mit dieser Situation am besten um? Wie löst man eine solche Situation so, dass die involvierten Kinder nicht ihr Leben lang damit kämpfen müssen? Fröch schlägt vor: "Es ist sicher ein großer Schritt und vermutlich eine unerfüllbare Forderung, weil im Betrug das Verheimlichen und Verstecken oft zur Gewohnheit wird. Dennoch ist es wichtig, immer offen und ehrlich mit dem Kind zu sein." Ihrer Meinung nach würde das Kind ohnehin spüren, dass etwas nicht stimmt. Manchmal würden es Kinder sogar vor dem betrogenen Elternteil merken. Es lässt sich vor den Kindern also meistens nicht verheimlichen.

Fröchs Rat: "Reden Sie mit Ihrem Kind, ohne zu verharmlosen, ohne zu dramatisieren und ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Machen Sie Ihr Kind aber unter keinen Umständen zum Mitwisser samt Schweigeversprechen. Denn das ist eine Bürde, die das Leben des Kindes unerträglich schwer macht." Zusätzlich gibt sie den Elternteilen noch einen Tipp für den Umgang mit ihrem Kind mit: "Fragen Sie sich ganz einfach, wie es Ihnen selbst in einer solchen Situation gehen würde?" (Sandra Gloning, 16.2.2021)

* Namen von der Redaktion geändert