Während die Hochschulen seit knapp einem Jahr komplett im Distance-Learning sind, konnten die Schülerinnen und Schüler teilweise wieder in die Klassenzimmer zurückkehren. Nach Ostern sollen zumindest im kleinen Rahmen wieder Präsenzveranstaltungen an den Unis stattfinden. Wie geht es den Jungen nach einem Jahr Fernunterricht? Und was brauchen sie für ihre Zukunft?

Christiane Spiel ist Universitätsprofessorin für Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien.
Foto: Gerhard Schmolke

"Die jungen Menschen waren über alle Gruppen hinweg sehr stark gefordert", sagt die Bildungspsychologin Christiane Spiel. Sie und ihr Team haben seit Beginn der Pandemie Umfragen unter tausenden Schülerinnen, Schülern und Studierenden durchgeführt. Sie weist jedoch darauf hin, dass die, die in prekären Verhältnissen leben, meist nicht in den Daten erfasst sind. Fehlt die technische Ausstattung, kann man weder am Distance-Learning noch an einer Onlineumfrage teilnehmen.

Im Verlauf des Jahres hat laut den Umfragen das Lernen auf Distanz – sowohl die Selbstorganisation als auch die Aufgabenstellungen – besser funktioniert. "Das hat zum Teil natürlich damit zu tun, dass auch das Lehrpersonal dazugelernt hat", sagt Spiel. In der ersten Erhebung unter Schülerinnen und Schülern hatten die Jugendlichen beispielsweise noch beklagt, dass zu viele verschiedene Lernplattformen genutzt wurden. Der Umfrage im Dezember zufolge waren es dann nur mehr ein oder zwei. "Die Koordination hat sich insgesamt deutlich verbessert", fasst Spiel zusammen.

Die Lernzeit war zu Beginn des Corona-Jahrs jedoch noch deutlich geringer. Im ersten Lockdown lag das Ausmaß bei den Unterstufenschülerinnen und -schülern bei rund fünf Stunden pro Tag, im Dezember waren es mehr als sieben. Über 60 Prozent der Oberstufenschülerinnen und -schüler gaben sogar an, mehr als acht Stunden täglich für die Schule zu arbeiten. Viele Befragte beklagten, dass es sehr anstrengend sei, so viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen. Denn nach dem regulären Unterricht über Zoom und Co werden auch die Hausaufgaben am Computer oder Tablet erledigt. Knapp ein Drittel der Studierenden gab in einer Umfrage von Peter Hajek Ende Februar ebenfalls an, dass der Workload gestiegen sei. Im April vergangenen Jahres lag der Wert noch bei einem Viertel.

Seit März 2020 finden Uni-Alltag und Schule mit nur kurzen Unterbrechungen in den eigenen vier Wänden statt. Wie geht es den Jungen ein Jahr später?
Foto: Getty Images

Psychisches Wohlbefinden

Laut einer Studie der Donau-Uni Krems und der Medizin-Uni Wien zeigen 56 Prozent der über 14-Jährigen eine depressive Symptomatik, die Hälfte zeigt Angstsymptome. Die Häufigkeit dieser Beschwerden hat sich demnach verfünf- bis verzehnfacht. Die Sicherheitsmaßnahmen und der Lockdown würden die psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenzerleben, Autonomie und sozialer Eingebundenheit stark beeinträchtigen, sagt Spiel. Je älter die Befragten ihrer Studie, desto eher gaben sie an, sich derzeit und im Vergleich zum Vorjahr nicht gut zu fühlen. "Das hat mit der entwicklungspsychologischen Situation zu tun", sagt sie.

Kinder sind noch viel stärker in das familiäre Leben eingebunden, die Eltern sind meist die wichtigsten Bezugspersonen für sie. Im späteren Jugendalter gehöre die Identitätsfindung zu den zentralen Entwicklungsaufgaben. Dafür wollen die Jungen Grenzen ausloten und Neues probieren. Auch der Kontakt zu Gleichaltrigen spielt eine größere Rolle. "Das alles ist durch die Pandemie sehr eingeschränkt", erklärt sie.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Identitätsfindung sei, den eigenen Platz in der Welt zu finden, sagt die Bildungspsychologin. Die jungen Erwachsenen wüssten, dass ihre Zukunft nicht einfach ist. Schließlich sind viele von ihnen schon für Fridays for Future auf die Straße gegangen. Hinzu kommt die Pandemie, die sie besonders getroffen hat, waren sie doch viel länger im Distance-Learning als jüngere Jugendliche und Kinder. Und auch die wirtschaftliche Situation sei bestimmt nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen. Diese Gruppe und ihre Bedürfnisse wurden laut Spiel lange Zeit übersehen. Auch den Studierenden geht es ähnlich, und um sie habe man sich zu wenig gekümmert. Bei ihnen kommt erschwerend die Arbeitsmarktsituation hinzu: Viele Nebenjobs und Praktikumsplätze sind durch die Krise verloren gegangen.

Was es jetzt braucht

Viele Junge machen nach einem Jahr Pandemie kein Geheimnis mehr aus ihren Sorgen. Ihren Unmut und ihre Wünsche kommunizieren sie über offene Briefe und Petitionen – natürlich digital. Meist werden Anpassungen von Deadlines und Anforderungen bei Abschlussprüfungen und -arbeiten gefordert.

DER STANDARD hat außerdem bei den Interessenvertretungen der unterschiedlichen Schultypen (wie berichtet) und der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) nachgefragt. "Am schlimmsten ist es für die, für die die Schule ein Rückzugsort vor einem schwierigen Zuhause, womöglich mit Gewalt, war. Wir haben das Distance-Learning mittlerweile so satt, dass wir alles tun würden, um in die Schule zurückzukehren. Schon ein Tag Präsenzunterricht wäre für uns wichtig", sagt Bundesschulsprecherin Alexandra Bosek. Berufsschulsprecher Jeremie Dikebo kritisert "dass wir noch immer nicht wissen, wie es mit den Lehrabschlussprüfungen aussieht. Über die Matura wird viel geredet, aber niemand fragt: Wie geht’s den Jugendlichen in den Berufsschulen?"

Als Gruppe junger Menschen samt ihren Bedürfnissen nicht vergessen zu werden dürfte die größte Forderung sein. "Mentale Gesundheit kann in der größten Krise der 2. Republik kein Tabu mehr sein", sagt ÖH-Bundesvorsitzende Sabine Hanger. Sie fordert einen offenen Umgang mit der Thematik. Außerdem findet sie, "solange ich meine Prüfung feiere indem ich meinen Laptop schließe, ist für uns Studierende von Normalität keine Rede."

"Wie in vielen anderen Bereichen hat die Pandemie Probleme und Mängel aufgezeigt, die es zuvor schon gab und die nun verstärkt wurden", sagt Bildungspsychologin Spiel. Die wichtigste Stellschraube für die Jungen sieht sie bei der Stärkung von fachübergreifenden Kompetenzen. Aus ihrer Sicht wäre die Förderung von selbstorganisiertem und digitalem Lernen und Arbeiten bereits vor Corona enorm wichtig gewesen. (Anika Dang, 7.3.2021)