Der 12. März ist in Österreich dem mehr der weniger ritualisierten Gedenken an die Ereignisse dieses Tages im Jahr 1938 gewidmet. Ab dem späten Abend des 11. März 1938 übernahmen die Nationalsozialisten unter Arthur Seyß-Inquart das Kommando, was bereits in dieser Nacht in Wien zu brutalen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung führte. Am 13. März vollstreckte die "Übergangsregierung" im Auftrag von Adolf Hitler, der tags zuvor in Österreich eingetroffen war, dann den "Anschluss" administrativ.

Österreichs dunkelste Zeit hatte begonnen. Noch im März wurden Jüdinnen und Juden mit entwürdigenden "Reibepartien" gedemütigt, bei denen sie mit Bürsten die Straßen von proösterreichischen Parolen reinigen mussten. Und im April verkündete Hermann Göring, dass Wien bis 1942 "judenrein" zu machen sei. Aus der Dystopie, die Hugo Bettauer in seinem Roman "Die Stadt ohne Juden" bereits 1922 geschildert hatte, wurde brutale Realität. Von den 176.000 jüdischen Wienern (laut Volkszählung 1934) flohen weit über 100.000. Von den mehr als 65.000, die in den Osten deportiert wurden, überlebten nur etwas mehr als 2.000 die Shoah.

Verdrängter Schlüsselmoment des Antisemitismus

Wenn man in der Geschichte nach Schlüsselmomenten sucht, die das ankündigten, was ab dem 12. März 1938 geschah, wird ein Ereignis gerne vergessen: der Antisemitentag, der sich vor genau hundert Jahren in Wien zutrug beziehungsweise genau 17 Jahre vor dem "Anschluss": Eine erste Erwähnung dieser Tagung fand sich am 20. Februar 1921 in der Zeitschrift "Der eiserne Besen", der Verbandsgazette des Antisemitenbunds, der die Veranstaltung organisierte.

Diese Annonce liest sich mit dem Wissen von heute wie eine gespenstische Prophezeiung: "Wenn jeder seine Pflicht tut, dann wird die Tagung vom 11., 12. und 13. März der Anfang des Befreiungskampfes aller Arier werden. Denn so war's stets: dem Morgengrauen folgt der Tag!"

Ein christlichsozialer Organisator

Der Antisemitenbund war 1919 vom christlichsozialen Politiker und Arzt Anton Jerzabek gegründet worden.

Das Logo des Antisemitenbunds.
Foto: ÖNB

Der Exponent des rechten Parteiflügels saß seit 1911 im Reichsrat und war ab 1920 Abgeordneter zum Nationalrat, wo die Christlichsozialen nach einem schmutzigen antisemitischen Wahlkampf die stärkste Fraktion waren und eine Bürgerblockregierung mit den Deutschnationalen bildeten. Diese Allianz zeigte sich auch bei der Organisation des Antisemitentags: Die vorbereitenden Sitzungen fanden im Deutschen Klub statt, der außerparlamentarischen Plattform der radikalen Deutschnationalen in der Zwischenkriegszeit.

Die Kooperation des ebenfalls antisemitischen Deutschen Klubs mit dem Antisemitenbund, der sich als überparteilicher "Schutzverein" zur Abwehr des angeblichen jüdischen Machstrebens verstand, war fast schon logisch. Neben den verschiedenen Ortsgruppen in Österreich bestanden enge Kontakte mit zahlreichen weiteren antisemitischen Vereinen in Berlin, Budapest, Bratislava oder Tirol, die allesamt Vertreter zu diesem ersten Antisemitentag nach Wien schickten.

"Vorstufe zur Lösung der Judenfrage"

Zu den Teilnehmern gehörte auch der aus München angereiste Hermann Esser. Der damals 20-jährige Redakteur des "Völkischen Beobachters" und frühe Hitler-Intimus überbrachte die Grüße der "radikal-judenfeindlichen reichsdeutschen Nationalsozialisten" und erklärte unter stürmischem Beifall, "dass eine wesentliche Vorstufe zur Lösung der Judenfrage" im "Anschluss Deutschösterreichs und aller deutschsprechenden Gebiete" an das Deutsche Reich bestehe. So war es dann jedenfalls einige Tage später in Essers "Völkischem Beobachter" zu lesen.

Die teilnehmenden 62 Männer diskutierten in der Wiener Bäckergenossenschaft drei Tage lang über "den Stand der Judenfrage", kritisierten "die Verjudung der Hochschulen", den "jüdischen Einfluss auf die Pflichtschulen" und prangerten die angebliche Dominanz der Juden auch in der Presse, der Kunst und Literatur an. Zu den Rednern gehörte auch Walter Riehl, Vorstandsmitglied im Deutschen Klub und nach 1945 ÖVP-Politiker.

Alle Vorträge wurden im "Eisernen Besen" ausführlich dokumentiert, der in der Radikalität seiner antisemitischen Hetzsprache keinen Vergleich mit dem erst 1923 gegründeten "Stürmer" scheuen musste.

Einleitung zur ausführlichen Berichterstattung über den Antisemitentag in "Der eiserne Besen".
Foto: ÖNB

Ein gewalttätiger Abschluss

Die dreitägige Veranstaltung sollte dann am Abend des 13. März, eines Sonntags, mit einer öffentlichen Abschlusskundgebung in der Volkshalle des Wiener Rathauses enden. Da dort nicht genug Platz für alle Anhänger war, wich man ins Freie aus: Ab 17 Uhr nahmen rund 5.000 "Patrioten" an einer Versammlung unter freiem Himmel vor dem Rathaus teil. Unter ihnen waren Vertreter des Nationalverbands deutschösterreichischer Offiziere, der Frontkämpfervereinigung, der Nationalsozialistischen Partei und der Gewerkschaft der völkischen Postler, um nur einige der vertretenen Organisationen zu nennen.

Antisemitische Karikatur in der rechten Satirezeitschrift "Kikeriki" zum Antisemitentag.
Foto: ÖNB / ANNO

Danach setzte sich ein Demonstrationszug in Bewegung, der über den Ring zum Parlament marschierte, vor dem "Deutschland, Deutschland über alles" intoniert wurde. An der Babenbergerstraße verloren die Organisatoren die Kontrolle über die Krawallmacher, die mit dem Ruf "Juden hinaus" Straßenbahnwagen stürmten, Passanten jagten und Personen prügelten, die für jüdisch gehalten wurden. Bevor der Mob in die Leopoldstadt vordringen konnte, wurde er von der Polizei abgedrängt. Die Bilanz des Abends: 25 Personen wurden wegen polizeiwidrigen Verhaltens und öffentlicher Gewalttätigkeit verhaftet.

"Tiefbedauerliche Vorgänge"

Die Wiener Zeitungen berichteten ausführlich über den Antisemitentag und vor allem über die anschließenden Ausschreitungen (etwa "Der Morgen" oder das "Neue Montagsblatt"). Die "Neue Freie Presse" schrieb von "tiefbedauerlichen Vorgängen, die nicht scharf genug verurteilt werden können": Das "wüste Treiben der Straßenbahnstürmer, der Fensterscheibenzerschmetterer, der Helden vom geschwungenen Stock und vom Schlagring" habe überall das peinlichste Aufsehen und die schärfste Missbilligung hervorgerufen.

Ob Hugo Bettauer von den Diskussionen des Antisemitentags und dem durch die Stadt ziehenden Mob zu seinem 1922 erschienenen Roman "Die Stadt ohne Juden" angeregt wurde, ist unbekannt. Er selbst nannte als Inspiration den Besuch einer Wiener WC-Anlage, auf deren Wände "Juden raus" geschmiert worden war.

Sein 1924 verfilmter Bestseller ist freilich voll von Anspielungen auf die antisemitischen Politiker dieser Zeit: Die beiden böhmelnden antisemitischen Politiker, die das Gesetz zur Vertreibung der Juden "vom Rassenstandpunkt aus beleuchten", heißen etwa Wondratschek und Wokurka – eine eindeutige Anspielung auf Anton Jerzabek, den christlichsozialen Organisator des Antisemitentags.

Antisemitismus im Koalitionsabkommen

Und in der Person des Bundeskanzlers Schwerdtfeger finden sich bei Bettauer, der 1925 von einem rechtsradikalen Antisemiten ermordet wurde, etliche Referenzen auf den realen christlichsozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel, der seit 1921 Parteiobmann war und ab 1922 Regierungschef. Einer der Punkte seiner Koalitionsvereinbarung mit den Deutschnationalen aus dem Jahr 1922 hätte gewiss auch am Antisemitentag viel Beifall bekommen: "Wirksamer Schutz der einheimischen deutschen Bevölkerung gegen den zunehmenden schädlichen Einfluss des Judentums auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens."

Ehe die Judenfeindschaft dann endgültig Staatsdoktrin wurde, sollten noch weitere 16 Jahre vergehen. Doch "der Anfang des Befreiungskampfes aller Arier" war 1921 längst gemacht. (Klaus Taschwer, 12.3.2021)