Der 21. März ist der Welttag der Poesie. Im Gastkommentar erklärt Dichter Udo Kawasser, warum wir auf Poesie nicht verzichten sollten.

Die junge Poetin Amanda Gorman war der unerwartete Star bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden vor dem Kapitol – und im Unterricht in dieser Schule in Reno.
Foto: AP / Jason Bean
"du bist nicht allein,/sagte das Gedicht/im finsteren Stollen."

Drei kurze Verse aus dem Band Averno der Nobelpreisträgerin Louise Glück genügen, und wir stehen mitten im Heute und fühlen uns gemeint, in dem, was wir erleben. Denn wer, der seit einem Jahr in wechselnden Lockdowns und bisher ungekannter Kontaktarmut lebt, hat sich zuletzt nicht in einem "finsteren Stollen" gefühlt und kann daher seine eigenen Erfahrungen sofort mit dem Gedicht kurzschließen? Die Poesie findet eine Sprache für das, was uns umtreibt, und lässt uns so selbst auch eine Sprache für unser Erleben finden.

Wie aber rührt die Poesie so direkt ans Innere unserer Existenz? Poesie inszeniert eine grundlegende menschliche Fähigkeit, nämlich die welterzeugende Kraft von Sprache. Poesie ist Weltsetzung. Als der Mensch in seiner Entwicklung das instinktive Verhalten im überlegten Handeln hinter sich ließ, war es mit der Beherrschung des Feuers und Werkzeuggebrauch allein nicht getan. Eine als feindselig und unverstanden erlebte Welt musste erst humanisiert, für uns Menschen bewohnbar gedacht werden. Die Mythen aller Welt erzählen, wie aus dem ursprünglichen Chaos Ordnung entstand. Sprachlich vermittelte Ordnung. Aus archetypischen Bildern und sinnfälligen Tropen webten sie einen lebensschützenden Kokon. Sinn ist eine Provinz der Dichtung. Poesie ist also zutiefst mit den Möglichkeiten menschlicher Existenz verbunden.

An den Rand gedrängt

Die welterzeugende Kraft der Poesie und die durch sie hervorgebrachten Gebilde, seien es Gedichte, Gesänge, Mythen, Epen oder Religionen, wirken aber in beide Richtungen. Nicht nur erschafft der Mensch durch Sprache Welten, sie wirken auch auf den Menschen zurück und erschaffen ihn. Poesie wohnt eine autopoetische, also eine schöpferische, auf ihre Urheberinnen und Urheber rückwirkende Kraft inne. Die Welten, die wir imaginieren, die Bilder, die wir von uns schaffen, beginnen unser eigenes Handeln zu leiten und damit auch uns selbst zu transformieren.

Es ist daher mehr als verwunderlich, warum die kulturstiftende Technik der Poesie kaum mehr an unseren Schulen gelehrt wird und in unserer Gesellschaft völlig an den Rand gedrängt wurde. Es geht nicht darum, das eine oder andere Gedicht auswendig rezitieren zu können, sondern darum, überhaupt Einsicht in die Humanisierung der Welt durch Poesie zu gewinnen und den differenzierten Umgang mit dem welterzeugenden Medium der Sprache zu vermitteln. An poetischen Texten können wir darüber hinaus vieles lernen, was eine hochkomplexe, ausdifferenzierte Gesellschaft, in der das Leben immer mehr von Ungewissheiten geprägt wird, bitter benötigt.

Welten erkunden

Nach Charles Simic bedeutet "die Fähigkeit, in Ungewissheiten zu sein, buchstäblich mittendrin zu sein. Der Dichter ist mittendrin. Auch das Gedicht ist mittendrin." Denn das Gedicht ist Sprache, ein Medium, das uns als Menschen und Gesellschaft durchzieht. Nun aber ist Literatur ein Ort, an dem Ambivalenzen offengehalten werden können, wo verschiedene, oft auch gebrochene Ichs miteinander im Dialog stehen, wo ein Gleiten zwischen den Geschlechtern möglich ist. Gedichte vermögen höchste, in sich oft widersprüchliche Komplexität auf kleinstem Raum zu generieren. Was also könnte uns für den Umgang in einer von emanzipativen Bewegungen wie MeToo oder Black Lives Matter geprägten Zeit besser vorbereiten als Gedichte, an denen voreilige Zuschreibungen und Simplifizierungen scheitern.

"Poesie ist auch Sprach- und Schöpferlust und ein Medium der Selbstermächtigung."

Gedichte zwingen durch ihre Art des Sprechens zur Differenzierung. Diese Differenziertheit im Benennen führt in der Folge nicht nur zu Differenziertheit in der Wahrnehmung und im Denken, sondern auch zu einer Sensibilisierung der "menschlichen Anklangsnerven" (© Peter Rühmkorf), was wiederum die Genussfähigkeit von allem, was Sprache ist, erhöht. Denn Poesie ist auch Sprach- und Schöpferlust und ein Medium der Selbstermächtigung, wie es das Beispiel Amanda Gorman zuletzt vorführte.

Als Weltschöpfung in nuce lotet die Poesie Attraktionskräfte von Wörtern und Sätzen aus. Gedichte zu schreiben heißt, kleine Welten zu schaffen. Gedichte zu lesen heißt, sich auf die in ihnen angelegten Voraussetzungen einzulassen und Welten zu erkunden. Das kann Gedichte natürlich auch schwierig machen. Doch daran ließe sich etwas Weiteres lernen, was heute nottut: Frustrations- und Ambiguitätstoleranz. Nur weil ich etwas nicht sofort verstehe, muss es nicht wert- oder nutzlos sein.

Geduld üben

Spontane Abwertung bei Unverständnis ist heute ein zum Schaden aller gängiges Verhalten im Umgang miteinander geworden. Ebenso schwer tun wir uns, Ambiguitäten auszuhalten, also Dinge, die sich nicht einfach auflösen lassen. Unsere Welt lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, sei er hetero, bi, homo oder nonbinary. Wir müssen also lernen, mit Widersprüchen und Ambiguitäten umzugehen. Gedichte lehren: Eindeutigkeit ist die Ausnahme, Vieldeutigkeit und Ambiguität in einer Welt gesteigerter Individualität das zu Erwartende. Beide müssen nicht unsere Integrität infrage stellen, sondern können sie umgekehrt sogar stärken, wenn wir sie zu integrieren verstehen.

"Poesie ist widerständig."

Doch wenn die Poesie wie sonst nichts in der Lage ist, über die Art, wie wir in der Welt stehen, aufzuklären, warum fristet sie dann ein Schattendasein, in das höchstens mal zu Nobelpreiszeiten ein Lichtstrahl fällt. Weil Poesie auch gespeicherte Zeit ist, die sich keiner Marktlogik unterwirft. Poesie fordert Aufmerksamkeit und Geduld ab, um überhaupt entstehen zu können. Damit steht sie quer zur Konsumhaltung unserer Zeit, die es auf das schnelle Schnäppchen, den kalkulierbaren Genuss abgesehen hat. Poesie ist widerständig. Sie beharrt auf Differenzierung und einem Sprechen, das aus sich selbst verstanden sein will, ohne auferlegten Mustern zu gehorchen.

Wer sich eine marktkonforme, stromlinienförmige Menschheit wünscht, kann gerne auf Poesie verzichten. Wer aber von einer Gesellschaft träumt, die ihre Vielfalt als Reichtum versteht und sich im sensiblen Umgang mit Mensch und Natur übt, der wird auf Poesie nicht verzichten können. Deshalb: Poesie jetzt! (Udo Kawasser, 21.3.2021)