Die fesch adjustierten Täter und die gebrandmarkten Opfer: Gestapo-Chef Huber (1. Reihe, 4. von links), umgeben von seinen Mitarbeitern in der Gestapo-Leitstelle Wien.

Foto: Nationalarchiv von Slowenien

Nach Krieg und Holocaust gab es tausende sogenannte "Entnazifizierungsverfahren", in denen der Grad der Verstrickung in die NS-Herrschaft und ihre Verbrechen festgestellt wurde. Wer da gut ausstieg, hatte einen im Volksmund so genannten "Persilschein" (Persil – "wäscht weißer als weiß", so die Werbung damals). Der Persilschein für einen gewissen Franz Josef Huber, geboren 1902 in München, von Beruf Polizist, durch die "Spruchkammer Nürnberg, Sitzgruppe Garmisch" fiel besonders günstig aus:

"Der Betroffene ist in die Gruppe III der Minderbelasteten eingereiht […]. Der Betroffene [ist] nicht zu jenem Personenkreis zu zählen [...], der verbrecherisch gegen die Menschlichkeit handelte. Die [...] Beweismittel lassen eindeutig erkennen, dass er sich nicht als Stütze der NS-Gewaltherrschaft betätigte, dass er im Gegenteil [...] viele Menschen, die er eigentlich zu verfolgen hatte, in Schutz nahm [...] er hat zweifellos viel Unheil abgewendet."

Der "Minderbelastete": Franz Josef Huber war von März 1938 bis Dezember 1944 Chef der "Gestapo-Leitstelle Wien", der größten Gestapo-Leitstelle im ganzen Deutschen Reich plus den besetzten Gebieten. Ein bayrischer Polizist aus streng katholischem Haus wurde zum nationalsozialistischen Multifunktionär mit einer beispiellosen Ämter- und Machtfülle und über 900 Mitarbeitern.

In seiner Zeit an der Spitze der Wiener Gestapo wurden tausende "Feinde des Regimes" verfolgt, verhaftet, gefoltert, ermordet. Unmittelbar nach dem "Anschluss" im März 1939 schickte Huber "unliebsame" Juden ins KZ (siehe Faksimile). Die Gestapo war für die Deportation von Juden nach dem Osten zuerst mit-, dann alleinverantwortlich. Die von Adolf Eichmann aufgebaute "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" war ihm – formal – unterstellt.

Faksimile

Heraushalten und Anbiedern

Aber wie konnte ein derart hoher Funktionär einer der gefürchtetsten Terrororganisationen des Dritten Reiches derart ungeschoren davonkommen? Huber saß keine Minute in Strafhaft und ist 1975 in München friedlich gestorben.

Mit dieser Frage haben sich zuletzt ein Artikel in der New York Times (He Led Hitler’s Secret Police in Austria. Then He Spied for the West, 5. April 2021) und ein ARD-Report (Eichmanns geheimer Komplize, 6. April) beschäftigt. Hubers unglaubliche Geschichte ist aber schon in älteren historischen Studien (Thomas Mang: "Gestapo-Leitstelle Wien – Mein Name ist Huber", Lit-Verlag 2003; Elisabeth Boeckl-Klamper, Thomas Mang, Wolfgang Neugebauer: "Gestapo-Leitstelle Wien 1938–45" , Edition Steinbauer 2018) aufgearbeitet worden.

Die deprimierende Antwort ist: Huber hat es nach Kriegsende verstanden, sich sowohl den US-Geheimdiensten wie auch dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) als "Experte" anzudienen (kürzlich hat auch der Historiker Michael Holzmann darüber gearbeitet). Dazu ein Desinteresse des offiziellen Nachkriegsösterreich, Belastungsmaterial an die deutschen Gerichte zu liefern – und ein relativ geschicktes "Heraushalten" von Huber in der Endphase des Regimes.

Huber wurde von den Amerikanern im Mai 1945 verhaftet und zwei Jahre interniert. Ein vernehmender Offizier des US Military Intelligence sagte, er hätte "gute Auskünfte über Hubers Tätigkeit in Österreich bekommen. Er erfüllte seine polizeilichen Aufgaben, so gerecht und so billig er konnte."

Unmittelbar nach dem "Anschluss" schickte Franz Josef Huber als Chef der Wiener Gestapo "unliebsame" Juden ins KZ.
Foto: Nationalarchiv von Slowenien

Spion mit Pauschalvertrag

Im Februar 1948 wurde Huber sogar von Robert M. W. Kempner, dem stellvertretenden Ankläger beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, verhört. Huber faselte etwas von Juden, "die nach dem Osten gekommen" seien und von dort Postkarten geschrieben hätten. Kempner: "Haben Sie geglaubt, dass das wahr ist?" Huber: "Ja." Kempner: "Haben Sie nie gehört, dass sie vernichtet wurden?" Huber: "Ja." Kempner: "Wann haben Sie das erfahren?" Huber: "Es ist möglich, dass es Ende 1944 war."

Dann stellte Österreich doch ein Auslieferungsbegehren, der Persilschein-Spruch wurde aufgehoben und Huber als "Hauptschuldiger" eingestuft. Doch da war er schon untergetaucht – um im beginnenden Kalten Krieg für die Amerikaner und (als fixer Pauschalist) den BND zu arbeiten (wobei eine Notiz von 1953 zeigt, dass der CIA doch seine Bedenken hatte). 1954 wurde wiederum dieser Spruch aufgehoben.

Es gehörte einiges dazu, Hubers Rolle im Terrorapparat des Dritten Reiches zu übersehen. Er hatte zweifachen Generalsrang (SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei), war überdies Inspekteur der Sicherheitspolizei (Sipo) und des SD (Sicherheitsdienst der SS), Inspekteur der Grenzpolizei. Er war ein politischer Protegé von Reinhard Heydrich, Beauftragter der "Endlösung der Judenfrage". Sein oberster Vorgesetzter Heinrich Müller ("Gestapo-Müller") war ein persönlicher Freund.

Distanz einhalten

Allerdings war die Struktur von Hubers Dienststelle eher auf "Koordination" der untergeordneten Gestapo-Stellen ausgerichtet; und er verstand es, eine gewisse Distanz zur sozusagen "praktischen Arbeit" des Terrors einzuhalten – oder diesen Eindruck zu erwecken.

Er überließ fast alles seinem Stellvertreter Karl Ebner, einem zum Nazi konvertierten CVer (1948 in Wien zu 20 Jahren schweren Kerkers verurteilt, 1953 begnadigt). Huber selbst betonte in einem Privatbrief an Ebner im Jahre 1964, dass er sich von alledem ferngehalten habe: Er habe "keine Aufträge zur Deportation erteilt, niemals die Zentralstelle betreten oder mit Eichmann persönlich verhandelt".

In der Holocaust-Bürokratie hatte der SD (SS-Sicherheitsdienst) "die ‚grundsätzliche Behandlung der Judenfrage‘ und somit auch die Planung der Judenpolitik übertragen bekommen, während der Gestapo sämtliche exekutive Maßnahmen überantwortet worden waren" (Gestapo-Leitstelle Wien 1938–45).

Zur Deportation vorgesehene jüdische Wiener Mädchen.
Foto: Picturedesk.com / ÖNB-Bildarchiv / Albert Hilscher

"Protagonist der Deportationen"

In dem Buch heißt es dazu weiter: "Es kann jedoch kein Zweifel bestehen, dass bei der Initiierung der ersten Deportation der jüdischen Bevölkerung Wiens im Februar 1941 neben Reichsstatthalter und Gauleiter Baldur von Schirach der zweite lokale Protagonist Franz Josef Huber war.

Durch seinen direkten, persönlichen Zugang zu Heydrich und Müller gingen die Deportationsbefehle des RSHA nachweislich nicht an die ihm untergeordnete ‚Zentralstelle für jüdische Auswanderung‘, sondern direkt an ihn. Während die Abwicklung der Deportationen (bis März 1943) von der Zentralstelle durchgeführt wurde, war das ‚Judenreferat‘ der Gestapo-Leitstelle Wien die maßgebliche Instanz bei der Verfolgung der in Wien noch verbliebenen Juden."

Thomas Mang, Autor einschlägiger Studien, sagt heute: "Durch seine Machtfülle und die enge Kooperation mit Schirach war er ein Protagonist der Massendeportationen. Aber er hat sozusagen die Tagesarbeit in großem Stil an Ebner delegiert."

Und er war "während seiner Amtszeit offensichtlich bestrebt, durch ostentativ passives Verhalten den Eindruck zu erwecken, mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung Wiens und auch anderen Verbrechen der Gestapo nichts zu tun zu haben". (Gestapo-Leitstelle Wien 1938–45).

Zuletzt täuschte er auch Krankheiten vor. Gleichzeitig betrieb er (wie übrigens Ebner auch) eine vorausschauende "Rückversicherungspolitik", indem er jüdische Angehörige bekannter Künstler, aber auch gefangene alliierte Agenten schützte (Mang: "Das waren seine persönlichen Geiseln").

So ist es einem "NS-Hauptverbrecher" (ein Zitat des Historikers Wolfgang Neugebauer) gelungen, letztlich davonzukommen. (Hans Rauscher, 10.4.2021)