Im Gastkommentar spricht sich der Historiker und frühere Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger gegen die dogmatische Namensstürmerei aus. In der Debatte über die Salzburger Straßenstudie vermisst er einen Namen: Karl Renner.

Darf ein Platz in Würdigung des Dirigenten Herbert von Karajan dessen Namen tragen? Braucht es eine zusätzliche Erklärtafel? Oder soll der Ort anders heißen? In Salzburg wird über Umbenennungen wild gestritten.
Foto: Picturedesk / Franz Neumayr

Nun hat die Diskussion um die Straßenumbenennungen auch die Stadt Salzburg erreicht. Sie läuft so ab wie in allen anderen ähnlichen Fällen. In zahlreichen deutschen und österreichischen Städten gibt es dazu heftige Auseinandersetzungen, vielfach politisch motiviert. Sachliche Diskussionen sind kaum möglich.

Ein Beispiel dafür lieferte Wien. Dort wurden von 2011 bis 2013 fast 4400 Straßennamen von einer Historikerkommission untersucht, 159 wurden als kritisch bezeichnet, bei 28 wurde intensiver Diskussionsbedarf geortet. "Das Instrument der Umbenennung bedeutet, die Geschichte auszulöschen", sagte Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte und Leiter der Historikerkommission, und zeigte sich damit durchaus skeptisch gegenüber Straßenumbenennungen. Eine Umbenennung bleibe letztlich Sache der Politik, so Rathkolb. Dies zeigte sich deutlich an der Umbenennung des Karl-Lueger-Rings in Wien, die bereits im Jahr 2012, ohne die Studie abzuwarten, aus rein parteipolitischen Gründen erfolgte.

Nichts geschehen

Die Recherche eines Journalisten im Jahr 2019 – also sechs Jahre nach Erscheinen der Studie – ergab, dass abgesehen von der Anbringung einiger weniger Zusatztafeln praktisch nichts geschehen war. Und dabei ist es bis heute geblieben. Die Entscheidungen über Maßnahmen werden überall, auch in Salzburg, von der Politik, das ist letztlich der Gemeinderat, getroffen werden müssen. Der Salzburger Bürgermeister respektiert das Ergebnis der Kommission, hält aber mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Umbenennungen wolle er keine, man solle "für die nächsten Generationen die Geschichte aufarbeiten". Welche Form dazu gewählt wird, dafür hat er den Zeithistoriker Robert Kriechbaumer zurate gezogen.

Ich denke, dass gerade der anerkannte Historiker Kriechbaumer so wie auch ich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Genüge unter Beweis gestellt haben, auch nicht der geringsten Verharmlosung oder gar dem Verständnis für den Nationalsozialismus das Wort zu reden. Mir ist persönlich alles, was in diese Richtung geht, zutiefst zuwider. Und ich habe nicht die geringste Sympathie für diese Seite einer Vita eines noch so Prominenten.

Eklatant einseitig

Allerdings, ich versuche abzuwägen: die karrierebedingte Anbiederung an das Unrechtssystem und die Lebensleistungen gegenüber unserem demokratischen Staat. Diese Fähigkeit und Bereitschaft scheinen offensichtlich den jungen Kollegen (siehe Kommentar der anderen, "NS-Befreiung – einmal anders", 2. 7.) zu fehlen, die sofort Schaum vor dem Mund bekommen, wenn jemand nicht ihre doktrinäre Position vertritt. Ja, die Benennungen von Straßen, Plätzen und Brücken nach Personen erfolgen überwiegend als posthume Anerkennung ihrer Leistungen. Sofern diese Personen sich nicht aktiv an den Gräueltaten von verbrecherischen Regimen beteiligt oder diese aktiv gefördert haben, mögen diese bestehen bleiben. Allerdings dürfen auch die dunklen Seiten einer verdienten Persönlichkeit nicht unter dem Teppich gekehrt werden.

Im Gegenteil: Gerade Zeithistoriker sollten sich intelligente und nachhaltige Methoden überlegen, damit sich solche Verfehlungen möglichst nicht mehr wiederholen. Diesbezüglich sind aber leider bisher keine besonderen Geistesanstrengungen festzustellen. Das simple Geheul: "Der Straßenname (das Denkmal) muss weg" ist schlichtweg zu wenig. Dies ist vor allem deshalb völlig unglaubwürdig, weil es einer eklatant einseitigen linken Geschichtspolitik entspringt.

Und Karl Renner?

Künstler, wie etwa Herbert von Karajan, die – und das macht sie in dieser Hinsicht nicht gerade sympathisch – ihrer Karriere alles untergeordnet haben, sollen aus dem historischen Gedächtnis verbannt werden, während einer – wie Karl Renner –, der sich im Parlament in antisemitischen Polemiken erging, bei der Volksabstimmung 1938 zum "Ja für Hitler" aufrief und damit Verrat an Österreich beging und nach 1945 Rückkehr und Entschädigung der jüdischen Opfer des Holocaust boykottierte, in der Salzburger Straßenstudie offensichtlich gar nicht einmal aufscheint. Es gibt nämlich auch in Salzburg eine Karl-Renner-Straße, zu der es intensiven Diskussionsbedarf gäbe.

Um den von mir sehr geschätzten 2019 verstorbenen Holocaust-Überlebenden und langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg Marko Feingold, mit dem ich oft über diese Fragen gesprochen habe, aus einem Interview des Jahres 2018 wörtlich zu zitieren: Karl Renner war "in der Partei schon lange bekannt gewesen als Antisemit. Er hat uns KZler nach dem Krieg nicht in Wien haben wollen". Und als Resümee an anderer Stelle: "Was der sich geleistet hat (...) Der Renner-Ring muss weg!" Oder den bekannten jüdischen Wiener Arzt Fritz Rubin Bittmann, nach dessen Eltern die Rubin-Bittmann-Promenade in Wien benannt wurde: "Es ist leicht, 76 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus aufzutreten und dabei heutigen muslimischen Antisemitismus zu bagatellisieren."

Tatsächlich tapfer?

Den jungen, selbstgerechten Lifestyle-Linken (© Sahra Wagenknecht), die heute mit moralisierend erhobenem Zeigefinger keine andere Meinung als die ihre gelten lassen, erlaube ich mir vorzuschlagen, einmal in sich zu gehen und ehrlich zu fragen, ob sie sich damals tatsächlich tapfer für den Widerstand und damit möglicherweise für ihre Existenzvernichtung oder vielleicht doch für die Anbiederung im Interesse einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Karriere entschieden hätten. (Franz Schausberger, 4.7.2021)