Kaum musste die ÖVP den Schock überwinden, dass in der öffentlichen Aufarbeitung des Ibiza-Videos nun öfter von Käuflichkeit, Postenschacher und verdeckter Parteifinanzierung bei den Türkisen als bei den Blauen die Rede ist, droht schon die nächste, in die gleiche Richtung gehende Fokus-Verschiebung.

Nach Bekanntwerden der laut H.-C. Strache von einem "Wahrheitsliquid im Sushi-Reis" ausgelösten Finca-Monologe des "Red Bull brother from Austria" schien es klar, wer in Österreich für Orbánisierung steht: "Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen. Wir haben da einen sehr, sehr engen freundschaftlichen Zugang mit unserem Pecina. Der hat dem Orbán alle ungarischen Medien der letzten 15 Jahre aufgekauft und für ihn aufbereitet", erklärte Strache unmissverständlich.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat prominente Fans in Österreich.
Foto: AP/Darko Vojinovic

Doch wenn dieser Tage hierzulande vor drohender Orbánisierung gewarnt wird, redet keiner mehr von der FPÖ. Stattdessen wird rund um die Ernennung des neuen ORF-Generaldirektors oder bei strategischen Überlegungen wie "Niemand braucht für diesen Job einen Pecina, wenn er dafür einen Benko hat" stets Sebastian Kurz als potenzieller Orbánisator genannt. Höchste Zeit also zu fragen: Wofür steht denn dieser Viktor Orbán wirklich? Praktischerweise gibt es darauf eine zwar nicht in Stein gemeißelte, aber immerhin in Metall gravierte Antwort.

Orbán’sches Denkens

Orbán hat vor ein paar Monaten an seinem Amtssitz auf der Burg von Buda eine Metalltafel mit sieben "Gesetzen" anbringen lassen. Diese Gesetze sollen "den Fortbestand des ungarischen Volkes sichern". Dabei handelt es sich nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, um Aufforderungen zu ungeschützten Kopulationsaktivitäten, sondern um eine forsch formulierte Zusammenfassung Orbán’schen Denkens, dessen Grundlagen aber nur mit entsprechenden Erklärungen zu verstehen sind.

Mit diesen Thesen will der ungarische Ministerpräsident sein Volk retten:

"Die Heimat besteht nur so lange, solange es jemanden gibt, der sie liebt!" Im Fall von Orbán muss man ergänzen: Die Heimat besteht auch weiter, wenn es niemanden mehr gibt, der sie ausraubt.

"Ohne Stärke ist die Gerechtigkeit nur wenig wert!" Ohne funktionierenden Rechtsstaat und unabhängige Justiz wie derzeit in Ungarn ist die Gerechtigkeit allerdings noch viel weniger wert.

"Uns gehört nur das, was wir verteidigen können!" Bei Orbán und seinem kleptokratischen Familienclan scheint das leider auch für veruntreute EU-Fördergelder zu gelten.

"Jedes ungarische Kind ist ein neuer Wachtposten!" Eine gute Nachricht, für den Fall, dass Orbán eines Tages dort landet, wo er jetzt schon hingehört, nämlich hinter Schloss und Riegel.

"Jedes Match dauert so lange, bis wir es gewinnen!" Mit dieser Verhöhnung von Regeln hat es schon Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl versucht. Für die nächste Wahl in Ungarn ist also Ähnliches zu befürchten.

"Grenzen hat nur das Land, die Nation hat keine!" Offenbar kennt auch Orbáns Chuzpe keine Grenzen.

"Kein einziger Ungar ist allein!" Das stimmt zumindest für Orbán, bei dem man sich schon längere Zeit denkt: Der Mann ist nicht ganz allein.

Und außerdem hat er prominente Fans in Österreich. (Florian Scheuba, 26.8.2021)