Heute setzt sich Monica Lewinsky gegen Cyberbullying ein.

Foto: REUTERS/Danny Moloshok

Flittchen, Blow-Job-Queen, Schlampe, Bimbo, Homewrecker oder schlicht "die Praktikantin" oder "diese Frau": Für Monica Lewinsky gab es viele abfällige, sexistische Bezeichnungen, nachdem 1998 ihre Affäre mit Bill Clinton ans Licht gekommen war. Der damalige US-Präsident hätte fast sein Amt verloren – allerdings nicht wegen der Affäre selbst, sondern weil der Demokrat unter Eid darüber gelogen hatte. In die Geschichte ging das Ganze aber als "Lewinsky-Skandal" und "Monica-Gate" ein – also mit dem Fokus auf die junge Praktikantin, nicht den damals mächtigsten Mann der Welt.

Es begann im Jahr 1995, als die damals 22-jährige Lewinsky ihr – unbezahltes – Praktikum im Weißen Haus antrat. Über 20 Monate führte der verheiratete Clinton mit Lewinsky eine Beziehung.

Dieses Passfoto von Monica Lewinsky ging Ende der 1990er-Jahre um die Welt.
Foto: imago images / ZUMA Press

Weil das Ganze im Weißen Haus langsam auffiel, wurde Lewinsky ins Verteidigungsministerium versetzt, wo sie sich einer vermeintlichen Freundin, Linda Tripp, anvertraute. Sie zeichnete einige Gespräche allerdings heimlich auf und leitete sie an Kenneth Starr weiter, der auf Betreiben der Republikaner*innen im Kongress in anderen politischen Affären gegen Clinton ermittelte. Anfang 1998 bekamen schließlich auch die Medien Wind von der Geschichte – und das Trauma für Lewinsky begann.

Öffentliche Erniedrigung

Über Nacht wurde sie von einer Privatperson zu der Frau, über die plötzlich das ganze Land sprach. Zu dem politischen und rechtlichen Druck, den sie und ihre Familie vonseiten des Ermittlungsteams rund um Kenneth Starr erfahren haben, kam der mediale: Sie und ihre Familie wurden von Paparazzi belagert, unvorteilhafte Fotos von ihr abgedruckt, Transkripte der Gespräche zwischen Clinton und ihr in den Nachrichten rauf und runter gespielt. Lewinsky selbst, ihr Aussehen, ihre früheren Beziehungen wurden in den Medien ausgeschlachtet, sie wurde zur Witzfigur in Late-Night-Shows und Zeitungscartoons, insgesamt kommt sie in fast 200 Rap-Songs vor.

Was ihr geschah, war kein Shitstorm, es war eine Lawine an öffentlicher Erniedrigung, die sich nicht nur über die Monate bis zum Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten zog, sondern auch Jahre danach dramatische Auswirkungen hatte. Und Bill Clinton war daran nicht unschuldig: Zunächst hatte er öffentlich dementiert, ein sexuelles Verhältnis mit "dieser Frau" gehabt zu haben, die Vorwürfe als falsch bezeichnet. In seiner 2004 erschienenen Biografie fütterte er das Narrativ des Verführten, der nur Annäherungsversuchen nachgegeben habe. 2005 zog sich Lewinsky komplett aus der Öffentlichkeit zurück.

"Ich hatte kein sexuelles Verhältnis mit dieser Frau"
Bill Clinton am 17. Jänner 1998 über Monica Lewinsky

Rückkehr in die Öffentlichkeit

Knapp zehn Jahre später meldete sie sich zurück und reflektierte öffentlich darüber, was ihr damals geschehen war. Das tat sie eigenen Angaben zufolge auch deshalb, damit künftige Betroffene in einer ähnlichen Situation vielleicht weniger leiden. "1998 habe ich meinen Ruf und meine Würde verloren, ich habe fast alles verloren", sagte sie in ihrem Ted Talk "The Price of Shame". Sie forderte, dass die Hetzjagd der öffentlichen Erniedrigung, vor allem wenn es junge Menschen betrifft, aufhören müsse und Werte wie Mitgefühl und Einfühlungsvermögen im Zentrum stehen sollten.

TED

In Interviews sprach die studierte Psychologin auch über Probleme bei der Arbeitssuche. Weil es mit einer Anstellung nicht klappte, habe man ihr immer wieder vorgeschlagen, doch ihren Namen zu ändern. Das lehnte sie aus vielerlei Gründen ab, unter anderem wollte sie kein Arbeitsverhältnis auf Basis einer Lüge beginnen. Doch was viel mehr hineinspielte: "Niemand hat Bill Clinton jemals gefragt, ob er seinen Namen ändert."

Und damit trifft Lewinsky den Punkt. Für sie hatte die Sache langwierige Folgen, die Probleme bei der Jobsuche waren nur die Spitze des Eisbergs. Lewinsky erzählt von psychischen Problemen, einer posttraumatischen Belastungsstörung, Suizidgedanken. "Hinter dem Namen Monica Lewinsky steht eine Person, eine Familie", erzählte sie in einem Interview mit John Oliver 2019. "Das Ganze hat so viel Schmerz verursacht. Es war so zerstörend."

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Clinton hingegen erfreute sich nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 2001 noch hoher Beliebtheitswerte, mit Ronald Reagan hatte nur ein Nachkriegspräsident der USA zum Zeitpunkt des Amtsendes höhere Werte. Als "Elder Statesman" wird Clinton, dem mehrere Frauen sexuelle Übergriffe vorwarfen, immer noch gern für Reden gebucht.

"Hinter dem Namen Monica Lewinsky steht eine Person, eine Familie. Das Ganze hat so viel Schmerz verursacht. Es war so zerstörend."
Monica Lewinsky 2019

Dass Lewinsky so verurteilt wurde, obwohl sie weder unter Eid gelogen noch jemanden betrogen hatte, spricht nicht nur Bände über die unterschiedlichen Standards, die an Frauen und Männer in puncto Moral gelegt werden. Was ihr geschah, ist auch das Schreckgespenst, das Sexualstraftäter befürchten: Alle kennen dich, hassen dich, bringen dich mit diesem Skandal in Verbindung und machen dich verantwortlich. Du bist auf ewig gezeichnet. Tatsächlichen Tätern passiert das allerdings eher selten.

Was ist Konsens?

Heute hat man Worte für das, was ihr nach dem Skandal passierte: Slutshaming, Cyberbullying und Online-Belästigung. Und heute würde man den Fall wohl auch dahingehend reflektieren, wie Männer ihre Machtposition gegenüber untergebenen Frauen ausnutzen. Auch Lewinsky selbst hat in diesem Zusammenhang einen Prozess durchgemacht.

Nachdem sie sich 2014 wieder in die Öffentlichkeit gewagt hatte, betonte sie stets, dass die Beziehung konsensual erfolgte. "Bestimmt hat mich mein Chef ausgenutzt, aber ich werde in einem Punkt immer felsenfest bleiben: Es war eine konsensuale Beziehung", schrieb sie etwa 2014 in "Vanity Fair". Jeglicher Missbrauch sei erst danach erfolgt, "als ich zum Sündenbock wurde, um Clintons mächtige Position zu schützen".

2018, in der Post-MeToo-Ära, sah sie das differenzierter: Sie beginne erst jetzt zu verstehen, dass es ein riesiges Machtgefälle zwischen einem Präsidenten und einer Praktikantin im Weißen Haus gibt. Was sei also Konsens in diesem Zusammenhang? Die Definition sei die Erlaubnis, dass etwas passiert. "Aber was heißt 'etwas' in einer solchen Ausgangssituation, angesichts der Machtdynamik, seiner Position und meines Alters?", fragt Lewinsky. "Er war mein Chef. Er war der mächtigste Mann auf diesem Planeten. Er war 27 Jahre älter als ich und hatte genug Lebenserfahrung, um es besser zu wissen."

Beanie Feldstein spielt die Rolle der Monica Lewinsky in der Serie "Impeachment: American Crime Story".
Foto: AP Photo/Chris Pizzello

Reclaiming her story

Seit ihrer Rückkehr in die Öffentlichkeit ist die heute 48-Jährige ein Beispiel dafür, wie Betroffene Kontrolle über das Narrativ zurückerlangen können. Ein weiteres Kapitel davon ist seit kurzem im US-Fernsehen sehen: Lewinsky wirkte bei der dritten Staffel der US-Serie "American Crime Story" als Produzentin mit, die den Skandal und das Impeachment-Verfahren zum Thema hat.

Wäre für sie die Lage im jetzigen Zeitalter hämischer Instagram-Posts und abfälliger Tweets nicht noch schlimmer gewesen? Lewinsky glaubt, dass die Reaktionen dann womöglich ausgewogener gewesen wären, sie vielleicht auch etwas Unterstützung bekommen hätte. "Wenn jemand deine Menschlichkeit in der geringsten Weise anerkennt, kann das wirklich einen Unterschied machen", sagte sie in ihrem Interview mit John Oliver. "Es kann Leben retten." (Noura Maan, 10.9.2021)