In einer TV-Diskussion sprach die Demokratin von "menstruierenden Personen" – und löste damit einigen Spott aus.

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Jetzt hat es auch Alexandria Ocasio-Cortez gesagt: "Menstruierende Personen." Was haben wir gelacht. Wie schon J. K. Rowling vor gut einem Jahr, die sich ebenso den spöttischen Unterton nicht verkneifen wollte, als sie den Tweet einer NGO mit derselben Formulierung kommentierte. Also bitte, es seien wohl noch immer Frauen, die menstruieren, schrieb die Star-Autorin damals sinngemäß.

Vielfacht kritisiert und verlacht wurde jetzt die US-amerikanische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Allerdings gar nicht so sehr, weil sie die noch selten verwendete Formulierung "menstruierende Person" verwendete, sondern weil sie in der CNN-Sendung "Anderson Cooper 360" in der Diskussion über das strenge texanische Abtreibungsrecht mal "menstruierende Personen", mal "Frauen" sagte.

So eine Frechheit aber auch. Jetzt könnten wir uns die zahllosen Fälle vor Augen führen, in denen das generische Maskulinum gesprochen oder geschrieben wird, mal von – zum Beispiel – Studienteilnehmern und dann vielleicht doch wieder von Studienteilnehmer*innen geschrieben wird. Verwirrend, wenn man wissen will, ob an der Studie nur Männer teilgenommen haben oder auch andere Geschlechter. Aber lassen wir das. Obwohl: "andere Geschlechter"? Das führt uns zurück zu den "menstruierenden Personen". Was soll das wieder heißen? Menstruieren nicht nur Frauen? Warum muss es so kompliziert sein?

Es ist schon angeklungen: Grundsätzlich geht es bei dieser Formulierung wieder mal um eine inklusivere Sprache. In diesem Fall geht es nicht mehr ums altbekannte "Könnten wir bitte mal Frauen sprachlich berücksichtigen?", sondern darum, Geschlechter abseits von Mann und Frau zu benennen. Kompliziert? Dieses Urteil ist jedem unbenommen, doch es ist nun mal eine Tatsache, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Zum Beispiel intergeschlechtliche Personen.

Etwa 20 Babys kommen in Österreich jährlich zur Welt, ohne dass ihre Geschlechtsmerkmale eine eindeutige Zuordnung als männlich oder weiblich zulassen. Manche von ihnen menstruieren später. Und da sind auch transidente Menschen, die zwar mit Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen, aufgrund derer sie klar als Bub oder Mädchen bezeichnet wurden – die aber selbst nicht mit dieser Geschlechtsidentität leben können und sich später vielleicht Hormonbehandlungen oder Operationen unterziehen.

Nicht die Regel

Oder jene, die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kamen und heute als Mann leben – und trotzdem weiter ihre Periode haben. Und nicht-binäre Menschen, die weder als Mann noch als Frau leben. Vergessen werden sollte auch nicht, dass Menstruierende und Frauen nicht gleichbedeutend sind. Viele Frauen haben keine Periode, sind in der Menopause, haben keine Gebärmütter oder es gibt andere Gründe, warum sie keine Regel haben.

Kurz: Nicht alle Frauen menstruieren, und nicht alle, die menstruieren, identifizieren sich als Frau. Die Formulierung "menstruierende Menschen" versucht, dem gerecht zu werden. Man kann sich nun mit Häme aufhalten, wenn das mal nicht so gelungen ist. Ob die, die diese Formulierung benutzen, es auch "durchhalten" oder nicht – wie nun eben bei Alexandria Ocasio-Cortez.

Huch, Umbruch

Stattdessen könnten wir sie aber auch als nicht immer perfekte, aber immer interessante Versuche betrachten, die den Umbruch der Geschlechterverhältnisse begleiten. Genau, Umbruch der Geschlechterverhältnisse. Klingt beängstigend, oder? Das ist es auch ein wenig. Wie sonst wären die enorm emotionalen Reaktionen auf Formulierungen, die diesen Wandel nur zart andeuten, zu erklären? Auch aufseiten derer, die endlich benannt werden wollen. Viele Aktivist*innen für die Rechte von transidenten oder intergeschlechtlichen Personen wollten J. K. Rowlings Bücher verbrannt sehen – das war eine jenseitige Rhetorik.

Viel zu selten wird einfach interessiert darüber nachgedacht, was diese sprachlichen Anstöße zu tatsächlichen oder nur herbeigesehnten Veränderungen in unserer Gesellschaft bedeuten könnten. Zum Beispiel für die frauenpolitischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte. Für spezifische Einrichtungen, Beratungen oder positive Diskriminierung für Frauen. Und wirklich nur für Frauen, die auch mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kamen. Wie tun wir da?

Zentrale Fragen

Zum Beispiel wird seit gut 40 Jahren in feministischen Kreisen heftig gestritten, wer in Frauenräume dürfen soll. Nur jene, die mit eindeutig weiblichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kamen und auch als Frauen leben? Oder auch die, die sich als Frauen definieren? Müssen bestimmte Grade einer Geschlechtsanpassungen "erledigt" sein? Das sind im Grunde alte Debatten, die aber nun durch eine neu gewonnene Sichtbarkeit von Transfrauen, Transmännern, intergeschlechtlichen Menschen oder nicht-binär lebendenden Menschen in völlig neuer Intensität aufflammen.

Fest steht, dass wir die Kategorie "Frau" weiter brauchen werden, um weitreichende Diskriminierung sichtbar zu machen. Fest steht aber auch, dass es die Sorge gibt, dass diese Kategorie, die für den politischen Kampf für Gleichstellung so wichtig war und ist, geschwächt werden könnte.

Gleichzeitig ist es trotzdem enorm wichtig, dass weitere Geschlechtsidentitäten bei der Betrachtung von Unterdrückung aufgrund von Geschlecht nicht außen vor gelassen werden. Das ist tatsächlich eine komplizierte Angelegenheit. Die zentrale Frage dahinter ist aber einfacher: Sind wir bereit, die Gesellschaftsordnung für "sie" und "ihn" zu lockern und die konkreten Probleme, die damit nun mal auch entstehen, mit kühlem und ressentimentfreiem Kopf anzugehen? Es wäre die Sache wert, schließlich könnte das weniger starre Geschlechterrollen für alle bringen. Auch wenn das sprachlich erst mal schwer zu fassen ist, kaum denk- und sagbar scheint. Aber das war bei der guten alten Frauenbewegung schließlich nicht viel anders. (Beate Hausbichler, 14.9.2021)