Der damalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek mischte dabei mit, eine IT-Sicherheitsfirma aus Deutschland ans Außenamt zu vermitteln.

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Das österreichische Außenministerium stand unter digitalem Beschuss wie kein anderes heimisches Ressort zuvor: Ab Jahresbeginn 2020 lief ein großflächiger Hackerangriff, der mutmaßlich aus Russland gesteuert wurde. Die Eindringlinge suchten vor allem Dokumente mit Bezug zur Ukraine; ihr Einfallstor waren gefälschte Weihnachtsgrüße, die unbedarfte Ministeriumsmitarbeiter geöffnet hatten.

Im Hintergrund sah damals eine Gruppe von Personen rund um den Wirecard-Vorstand Jan Marsalek die Chance gekommen, ihre Bekannten ans Außenministerium zu vermitteln. Das zeigen Chatnachrichten, die STANDARD, SPIEGEL und "Zackzack" vorliegen. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Firma Virtual Solution des Managers Nico von Rintelen, der mit Marsalek bekannt war. Und es mischten zwei ehemalige hochrangige heimische Beamte mit, gegen die mittlerweile selbst ermittelt wird: der frühere BVT-Abteilungsleiter Martin W. und Johannes Peterlik, damals noch Generalsekretär im Außenministerium.

Termin mit Schallenberg geplant

Marsalek diente offenbar als Kommunikationszentrale, die Informationen zwischen den Beteiligten weitergab. "Seit einigen Tagen laufen massive 'Cyberangriffe' auf die Republik AT und ihre Ministerienserver", schrieb W. an Marsalek, der ihn nach seinem Ausscheiden aus dem Verfassungsschutz angeworben hatte. "Dr. Peterlik hat als Noch-Generalsekretär in einem Krisentelefonat (aus Bangkok) das Team von Nico als 'Experten und Spezialisten' vorgeschlagen zur Mitaufklärung und Verhinderung weiterer Angriffe". Und, so W. weiter: "Dr. Peterlik wird diese Information bezüglich Nicos Team als spezielle Experten seiner Gruppe am Montag, den 6.1. (Termin mit Außenminister Schallenberg und designiertem Generalsekretär Launsky-Tieffenthal) an seinen Nachfolger Dr. Peter Launsky-Tieffenthal weitergeben."

Es war nicht das erste Mal, dass von Rintelens Virtual Solution beim Außenressort für sich werben wollte. Schon im November 2019 kam es laut Chats zu zwei Meetings. Angetrieben wurde auch das offenbar von Peterlik, den Außenministerin Karin Kneissl (von der FPÖ nominiert) im Mai 2018 zu ihrem Generalsekretär gemacht hatte. Peterliks Ehefrau Ria-Ursula Peterlik hatte zuvor, ebenso wie Martin W., durch ihre belastenden Zeugenaussagen die BVT-Affäre mitausgelöst.

Im Netz der Ermittlungen

Mittlerweile wird Johannes Peterlik verdächtigt, ein geheimes Dokument über das Nervengift Nowitschok an Marsalek weitergegeben zu haben – und auch gegen den einstigen Verfassungsschützer Martin W. wird ermittelt. Er soll Marsalek bei seiner Flucht geholfen haben, als der damalige Wirecard-Vorstand nach dem Zusammenbruch seines Finanzdienstleisters das Weite gesucht hatte.

Seither stellen sich immer mehr Fragen danach, auf welche Art und Weise Marsalek mit Russland, aber auch mit heimischen Behörden und Entscheidungsträgern verbunden war. Gemeinsam mit Peterlik engagierte er sich in der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft (ORFG); ein Entwicklungshilfeprojekt in Libyen wollte er über ein Kulturinstitut in Moskau abrechnen lassen. Auch sein jetziger Aufenthaltsort wird in Russland vermutet; der Flieger transportierte ihn bei seiner Flucht im Juni 2020 jedenfalls nach Belarus.

Achse nach Russland

Auch Virtual-Solution-Chef von Rintelen prahlte laut Chats mit Kontakten zu einer russischen Firma, dem russischen Gasproduzenten Nowatek. Für diesen sollte Virtual Solution bald Sicherheitslösungen bereitstellen. "Sag das mal dem Stas", schrieb von Rintelen einem Marsalek-Vertrauten. Stas, das ist "Stanislav", ein ehemaliger Mitarbeiter im Stab des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der mehrfach in Marsaleks Villa in München zu Gast war.

Nowatek ist in Russland eine große Nummer: Firmenchef Leonid Michelson, den von Rintelen als "Mentor" bezeichnen soll, gilt als einer der reichsten Russen. Auch von Rintelen selbst soll Aktien des Konzerns besessen haben; der Deal mit der IT-Sicherheitslösung kam aber offenbar nicht zustande.

Warum hegte Virtual Solution so ein Interesse daran, mit dem österreichischen Außenministerium zu arbeiten? Aus dem Umfeld der Firma heißt es, Marsalek und dessen Kontakte sollen nie gebeten worden sein, aktiv zu werden. Vielmehr habe eine deutsche Behörde angeklopft, die wiederum von österreichischen Stellen angefragt worden sei. Das Unternehmen biete auch gar keine Hilfe bei Hackerangriffen an, sondern Produkte zur sicheren Kommunikation. Von Rintelen antwortete zunächst ausführlich auf Fragen von SPIEGEL, STANDARD und "Zackzack", ließ eine Zitierung aus seinen Antworten dann aber untersagen.

Außenministerium bestätigt Termine

Das Außenministerium bestätigte jedenfalls zwei Termine im November 2019: "Es ist im IT-Bereich üblich, sich regelmäßig über neue Lösungen und Angebote mit spezialisierten Unternehmen auszutauschen. Die damaligen Gespräche blieben ergebnislos." Rund um den Cyberangriff ab Weihnachten 2019 habe es keine Kommunikation mit Virtual Solution gegeben. Der Anwalt von Ex-Verfassungsschützer Martin W. sagt, sein Mandant habe zwar von Rintelen mit dem Außenministerium vernetzt, er sei dafür aber nicht beauftragt und auch nicht bezahlt worden. Eine Rolle Marsaleks darin sei ihm nicht bekannt. Peterliks Anwalt reagierte auf eine Anfrage nicht. Für alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung.

W. hat laut seinem Anwalt gewusst, dass von Rintelen "sehr kompetent" in IT-Fragen sei und sein Unternehmen deutsche Behörden unterstütze. Tatsächlich betreut Virtual Solution zahlreiche Behörden in Deutschland, hat dafür auch die notwendigen Zertifikate im Sicherheitsbereich. Auf die Recherche von STANDARD, SPIEGEL und "Zackzack" reagiert von Rintelens Anwalt mit einer Klagsdrohung: "Abseits der offengelegten Kundenanbahnungsgespräche, die keinerlei unüblichen oder anstößigen Inhalt hatten, besteht eine 'Beziehung' oder gar ein 'Netzwerk' gerade nicht. Jede anderweitige Darstellung wäre falsch, tendenziös und haltlos." Von Rintelen und sein Unternehmen dürften nicht "als Teil des 'Wirecard-Skandals'" dargestellt werden. Fragen nach Treffen mit Marsalek noch im Mai und Juni 2020, also Wochen vor dessen Flucht, werden nicht beantwortet.

Die Vorgänge zeigen einmal mehr, wie aktiv Marsalek und sein Umfeld auf heimische Behörden einwirkten. Das soll im nächsten österreichischen Untersuchungsausschuss Thema werden. Aber sie könnten auch Virtual Solution in den Sog der Affäre ziehen: Als "bedenklich" bezeichnet der frühere deutsche Abgeordnete Fabio de Masi (Die Linke), dass das Unternehmen von deutschen Behörden beauftragt werde. "Herr von Rintelen sagte mir auch, man führe ein Pilotprojekt mit Bundestagsabgeordneten durch. Liest dann Marsalek beim nächsten U-Ausschuss mit?", so de Masi zu SPIEGEL, STANDARD und "Zackzack". (Fabian Schmid, 19.11.2021)