Was sich in den vergangenen Tagen bei der Online-Hypothekenbank Better.com abgespielt hat, klingt wie ein Musterbeispiel aus einem Handbuch, wie sich Vorgesetzte nicht verhalten sollten. Der Geschäftsführer Vishal Garg entließ vergangenen Mittwoch mehr als 900 Beschäftigte in einem Zoom-Call. "Wenn Sie Teil dieses Calls sind, gehören Sie zu der unglücklichen Gruppe, die entlassen wird. Ihr Beschäftigungsverhältnis endet mit sofortiger Wirkung", sagt Garg in einem Ausschnitt des Zoom-Calls, der wenig später auf Social Media veröffentlicht wurde.

Der mitgeschnittene Zoom-Call von Better.com-CEO Vishal Garg.
Power of Banana

Massenentlassungen – insbesondere kurz vor Weihnachten – kommen in der Belegschaft bekanntlich nicht gut an. Noch dazu, wenn die Art und Weise von den Betroffenen als kaltherzig empfunden wird und die Firma nur einen Tag vorher eine Finanzspritze von 750 Millionen US-Dollar vom japanischen Unternehmen Softbank erhalten hat.

Erst im Frühjahr veröffentlichte die aufstrebende Plattform für Immobilienkredite den Plan, an die Börse zu gehen. Die Firmenbewertung liegt laut dem Wirtschaftsmagazin "Forbes" bei rund sieben Milliarden US-Dollar. Das Geld war also nicht der ausschlaggebende Grund, neun Prozent der Belegschaft vor die Tür zu setzen. Wenngleich auch einer der entlassenen Mitarbeiter NBC News erzählte, dass die Finanzspritze ein Hinweis darauf sei, dass das Unternehmen "dringend Kapital" benötige.

Unzureichende Produktivität

Vielmehr seien es Veränderungen am Markt und unzureichende Arbeitsleistung der Angestellten gewesen, heißt es nach dem Videocall in einem anonymen Blogbeitrag – als dessen Urheber sich später Better-Geschäftsführer Garg outete. Demnach hätten "mindestens 250" der entlassenen Mitarbeiter nur zwei Stunden pro Tag gearbeitet, aber acht Stunden und mehr pro Tag verbucht. Sie hätten laut Garg ihre Kollegen und Kunden mit ihrer Unproduktivität "bestohlen".

Entlassen im Videocall: So ging es über 900 Mitarbeitern des US-Kreditgebers Better.com (Symbolbild).
Foto: Getty Images

Und der Better-Finanzvorstand Kevin Ryan stellte in einem Statement die Investition und Entlassungen als Gewinn für die Firma dar. Zwar seien Entlassungen "besonders zu dieser Jahreszeit schmerzhaft", aber eine "solide Bilanz und eine reduzierte, fokussierte Belegschaft machen uns bereit, in einem sich radikal verändernden Eigenheimmarkt offensiv zu agieren".

Garg gab im Nachhinein zwar zu, dass er einen anderen Tonfall hätte wählen können. Hinter der Aussage selbst stehe er aber nach wie vor, berichtet "Business Insider". Auch in dem Entlassungsvideo hatte er noch behauptet, er hoffe, dass er nicht gleich weinen müsse – so wie beim letzten Mal, als er Angestellte entlassen musste. Wie es aber den Beschäftigten mit der Art der Entlassung ging, darüber dürfte er sich offenbar weniger Gedanken gemacht haben. Im Anschluss an die Massenentlassung soll er in einem unternehmensweiten Meeting für die restlichen – noch circa 9.000 – Beschäftigten angekündigt haben, dass deren Performance nun genauer überwacht werden würde.

Nicht einziger Vorfall

Der aktuelle Vorfall ist nicht der erste seiner Art in Gargs Managementkarriere. Bereits im Vorjahr kam Kritik auf: In einer E-Mail, die "Forbes" zugespielt wurde, hatte er seine Belegschaft als "Haufen dummer Delfine" beschimpft, die "verdammt zu langsam" seien. "DUMME DELPHINE verfangen sich in Netzen und werden von Haien gefressen. ALSO HÖRT AUF. HÖRT AUF. HÖREN SIE SOFORT AUF. IHR BLAMIERT MICH."

Better.com ist kein Einzelfall – gerade in den USA. So hat beispielsweise auch Uber im Vorjahr 3.500 Beschäftigte in einem Videocall entlassen. In Österreich wären solche Massenentlassungen nicht möglich. Dass kalte Auftreten des Geschäftsführers kann letztlich nicht nur Auswirkungen auf die Entlassenen haben, sondern auch auf das eigene Geschäft, betonen Expertinnen und Experten in einem BBC-Artikel: einerseits weil die restliche Belegschaft vermutlich sehr genau beobachten wird, wie die Vorgesetzten mit ihr umgehen – andererseits könnte das fragwürdige Verhalten gegenüber den Angestellten künftige Kunden abschrecken. (set, 7.12.2021)